Freundin mit Mord gedroht?

Wollte sie sich nur an ihrem Ex-Freund rächen und behauptete deshalb, von ihm gewürgt und die Treppe herunter gestoßen worden zu sein, oder ist der 41-Jährige wirklich so gewalttätig? Diese Frage hatte kürzlich Amtsgerichtsdirektor Walter Hell zu klären. Er glaubte der 34-Jährigen und verurteilte den selbstständigen Elektrohändler wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu 4800 Euro Geldstrafe.
Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft verlas das Protokoll einer Horrornacht im Juni 2014. In der gemeinsamen Wohnung des Paars im Landkreis soll es zu einem Streit gekommen sein.

In dessen Verlauf habe der Angeklagte seine Freundin aufs Bett geworfen, mindestens 20 Sekunden lang gewürgt und, als sie ihre Sachen packte, um aus dem Haus zu flüchten, sie die Treppe zum Vorgarten hinunter gestoßen. Bei einem weiteren Vorfall im September, so die Anklägerin, habe der Mann gedroht, er werde die 34-Jährige umbringen, dann könne diese sich bald zu ihrem toten Vater legen.
„Das stimmt nicht“, wehrte sich der Angeklagte gegen die Vorwürfe. „Ich habe sie weder gewürgt, noch ins Gebüsch geschubst, und Morddrohungen habe ich auch nicht ausgestoßen.“

Stattdessen erklärte er, man habe damals viel Alkohol getrunken und gestritten. Der Vater seiner Freundin sei kurz zuvor an Leberzirrhose gestorben, das habe diese sehr belastet und auf die Beziehung abgefärbt. „Ich habe lediglich gesagt, wenn sie so weiter trinkt, liegt sie bald neben ihrem Vater. Ich wollte aufhören mit dem Alkohol.“ Zudem habe seine Gefährtin damals Geld von seinem Konto abgezogen. Sie habe die Buchhaltung für seine Firma erledigt und Großhändler nicht bezahlt, stattdessen das Geld für sich behalten. „Als sie sich wieder einmal im Büro einsperrte, habe ich die Sicherung rausgedreht, damit sie nicht an meinen Computer kann“, sagte der 41-Jährige. Daraufhin habe sie getobt und die Polizei verständigt. Die Beamten hätten geraten, sie solle die Nacht bei ihrer Mutter verbringen.
„Am nächsten Tag bin ich ausgezogen, obwohl ich mein ganzes Vermögen in die Doppelhaushälfte gesteckt hatte“, berichtete der Händler. „Ich wollte von ihr eine Entschädigung, 25 000 bis 30 000 Euro, aber sie lachte mich aus und sagte, wenn ich es einklage, zeigt sie mich an wegen Körperverletzung.“ Im übrigen habe er sie eines Abends nur aufs Bett geschubst, um zu verhindern, dass sie alkoholisiert Auto fahre.

Kein unbeschriebenes Blatt

Der Mann ist vor Gericht allerdings kein unbeschriebenes Blatt. 2006 wurde er wegen fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr belangt, 2010 wegen Körperverletzung schuldig gesprochen. „Das war ein Fehlurteil“, sagte er, und auch die Berufungsrichter hätten sich damals geirrt, als sie überzeugt waren, er habe als Türsteher einer Discothek eine Frau geschlagen.

Die 34-jährige Exfreundin schilderte im Zeugenstand ihre Sicht der Beziehung, die vier Jahre gedauert hat. Im Laufe der Zeit hätten sich die Aggressionen des Angeklagten gehäuft. „Manchmal stand er wie aus dem Nichts vor mir und drohte: Ich hau dir eins auf die Fresse.“ In der fraglichen Nacht im Juni habe er Fußball geguckt, während sie auf der Terrasse mit einer Freundin telefoniert habe. Diese habe in finanziellen Problemen gesteckt, sie habe ihr angeboten, mit 2000 Euro auszuhelfen. „Das hat er mitbekommen. Er nahm mir das Telefon aus der Hand, schmiss mich aufs Bett und würgte mich. Er war so wütend!“ Sie habe dann erklärt, es sei wohl besser, wenn sie gehe, habe ihre Sachen und die des Hundes gepackt. „Er war nicht gerade entzückt. Er schrie: Der Hund bleibt da, du kannst dich verpissen!“ Er habe die Haustür aufgerissen und sie hinausgestoßen, gedroht, ihren Laptop hinterherzuwerfen. Sie blutete an der Lippe, hatte im Gesicht eine Schramme, blaue Flecken sowie einen geprellten Knöchel und präsentierte dem Gericht entsprechende Fotos, die das belegten. „Ich hatte ein Taxi bestellt und bat den Fahrer, mir zu helfen.“ Dieser habe gemeint, er mische sich in so etwas nicht ein, sie aber zu ihrem Bruder gefahren, der dann gezahlt habe: „Ich hatte ja nur Kleingeld in der Hosentasche, meine Koffer und Taschen waren noch im Haus.“

„Du kannst dich bald zu deinem toten Vater legen“


Am nächsten Tag habe ihr der Freund Frühstück an den Arbeitsplatz gebracht und sich entschuldigt. „Ich habe ihm gesagt, das war ein No-Go, und dass er ausziehen soll. Wir haben dann aber noch bis September gemeinsam in dem Haus gewohnt.“ Bis es zu dem zweiten schlimmen Vorfall gekommen sei. „Ich mache die Buchhaltung für mich und für ihn. Ich hatte einen Abgabetermin beim Steuerberater und saß deshalb im Büro am Computer. Er hat einfach den Strom abgedreht.“ In der Folge habe er dann herumgewütet, ein Loch in die Tür getreten und gemeint: „Besser, du legst dich zu deinem toten Vater.“

Um all dies zu verarbeiten, habe sie einige Zeit benötigt. Deshalb habe sie erst ein halbes Jahr später Anzeige erstattet. Verteidiger Gerd Müssig meinte, es könne kein Zufall sein, dass die Anzeige erfolgte, kurz nachdem sein Mandant zivilrechtliche Ansprüche gegen die 34-Jährige geltend machte. Eine Gerichtsverhandlung habe ergeben: „Sie muss ihm 7000 Euro Entschädigung zahlen.“

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft sah alle Anklagevorwürfe bestätigt. Sie plädierte auf 6400 Euro Geldstrafe, 160 Tagessätze zu je 40 Euro. Das Einkommen des Elektrohändlers wurde geschätzt, da er dazu keine Angaben machte. Verteidiger Müssig fand die Aussage der jungen Frau wenig glaubhaft und erklärte, diese habe auch die Daten durcheinander gebracht, wann sich die Taten ereignet hätten.
Walter Hell begründete die Verurteilung damit, dass zwar der Spruch, sie solle sich zu ihrem Vater legen, nicht ausreiche, um das als Drohung zu werten, doch blieben die Körperverletzungen: „Ich bin zutiefst überzeugt, dass diese Beziehung nicht friedfertig zu Ende gegangen ist.“

Die 34-Jährige habe kein Motiv, derartige Übergriffe zu erfinden. „Wenn, dann hätte sie zu gescheiten Mitteln gegriffen und nicht zu solchen Pillepalle-Vorwürfen. Es ist Ihre Handschrift, wie man sie auch in ihrem Strafregister findet. Ihr Charakter. Es gibt Menschen, die hauen zu.“ Ein Datum zu verwechseln, sei menschlich und ohne Belang. Der Theorie von zwei Fehlurteilen schenkte Hell keinen Glauben: „Wir Richter sind auch nicht auf der Brennsupp’n daherg’schwommen.“
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