"Das kann uns die Stadt Friedberg nicht antun": Derchinger sind besorgt über geplanten Chemie-Konzern

Bürgermeister Roland Eichmann stellte sich den Fragen besorgter Derchinger Bürger.

Brechend voll war es am Montagabend im Gasthaus „Waldesruh“ im Friedberger Stadtteil Derching. Viele mussten gar stehen, weil die Sitzplätze nicht ausreichten. Grund für den Andrang war eine Informationsveranstaltung der Stadt Friedberg über die mögliche Ansiedelung einer Klebstoff-Produktion im Derchinger Gewerbegebiet. Bürgermeister Roland Eichmann und Gutachter Dieter Sedlak stellten sich den Fragen der besorgten Bürger.

Die international tätige Firma Sunstar, die Klebstoffe für die Automobil-Industrie herstellt, möchte im Nordwesten des Gewerbegebietes ein rund 29 000 Quadratmeter großes Grundstück erwerben. Es gebe deutlich günstigere Flächen im Raum Aichach-Friedberg, erklärte Bürgermeister Roland Eichmann zu Beginn der Infoveranstaltung. Doch da das Grundstück mittig zwischen München mit BMW und Stuttgart mit Daimler liege und durch die A 8 sehr gut angebunden sei, wolle die Firma sich unbedingt in Derching niederlassen. Er sei selbst zunächst skeptisch gewesen, als er von der Anfrage des Konzerns gehört habe. Doch ein Treffen mit Vertretern der Firma und des Landratsamtes habe seine Zweifel beseitigt. „Im Herstellungsverfahren des Unternehmens gibt es keine chemischen Reaktionen. Das haben wir nicht erwartet“, erklärte Eichmann. Nichtsdestotrotz sei es nicht akzeptabel, die Firma „heimlich, still und leise anzusiedeln“. Der Stadtrat habe deshalb beschlossen, das Projekt zunächst den Anwohnern vorzustellen. Auch für Gutachter Sedlak habe sich im Rahmen seiner Prüfung bestätigt, dass das Projekt genehmigungsfähig sei. Schadstoffe, Geruchsbelästigungen, Abwasserverunreinigungen oder Ähnliches seien nicht zu befürchten.
Die Versicherungen Eichmanns und Sedlaks über die Sicherheit der Firma reichten nicht aus, um die teils sehr aufgebrachten Derchinger zu beruhigen. Eine schleichende Vergiftung durch Lösungsmittel im Klebstoff fürchtete etwa ein Bürger. Lösemittel würden von der Firma nicht verwendet, erklärte Sedlak. Überhaupt gebe es eine genehmigte Liste mit Stoffen, die Sunstar nutzen dürfe. Ein anderer Zuhörer sorgte sich, dass bedenkliche Stoffe ins Grundwasser gelangen könnten. Wie Sedlak einwandte, verwende das Unternehmen Wannen mit einem ausreichend großen Volumen und einer Spezialbeschichtung, die das verhinderten. Für Angst sorgte bei einigen Bürgern auch die nahegelegene OMV-Tankstelle, die bei einem Brand zu einer Explosion führen könne. Der Gutachter versicherte jedoch, dass entzündliche Stoffe nur in sehr geringen Mengen verwertet würden.
Doch nicht nur fachliche Fragen kamen während der Veranstaltung zur Sprache. Einige Derchinger wollten ihrem Unmut Luft machen. „Ist das hier eine Werbeveranstaltung für Sunstar?“, fragte ein wütender Mann. Eichmann ließ „so unsachliches Zeug“, wie er es nannte, nicht gelten. Auf dieser Ebene bringe eine Diskussion nichts. Ein Mitglied des Vereins „Lebensraum Lechleite“ wies darauf hin, dass die Belastungen in diesem Bereich durch die A 8, die AIC 25 und die Müllverbrennungsanlage ohnehin schon sehr hoch seien. „Jetzt noch ein Chemieunternehmen – das kann uns die Stadt Friedberg nicht antun“, forderte der Mann. Eichmann allerdings war sich sicher, dass diese Fläche letztlich von einem Unternehmen gekauft werde, mit dem die Derchinger nicht einverstanden seien. „Sie könnten am besten damit leben, wenn es landwirtschaftliche Fläche bleibt“, erklärte er. „Aber dafür wurde der Bereich nicht als Gewerbegebiet ausgewiesen.“ Der Stadtrat müsse außerdem mit den vorliegenden Fakten arbeiten. Es handle sich um ein Projekt, dass ohne Umweltprüfung genehmigungsfähig sei und das komme so gut wie nie vor. „Wir können uns nicht allein wegen ihres grummeligen Gefühls dagegen entscheiden“, stellte er klar. Außerdem seien auch Gewerbesteuereinnahmen und mögliche Arbeitsplätze zu bedenken.
Nun muss der Stadtrat entscheiden, ob Sunstar in die engere Wahl kommt. Dann hätten einige Derchinger auch die Möglichkeit, mit Vertretern des Konzerns direkt in den Dialog zu treten, wie Eichmann erläuterte. „Die Frage ist, ob die Derchinger auch bereit sind, dem Unternehmen eine Chance zu geben.“ Zahlreiche „Nein“-Rufe aus den Reihen der Zuhörer beendeten die Veranstaltung.

Kristin Deibl
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