Ökostrom in den Städten – worauf Mieter jetzt achten müssen

Die Bundesregierung schafft mehr Anreize für Solarenergie, wie auf diesem Mehrfamilienhaus. (Foto: fotolia.com © reimax16)
 
Mehr Solaranlagen auf deutschen Dächern wird nicht von allen begrüßt. Der Mieterstrom ist umstritten. (Foto: fotolia.com © goldbany)

Spätestens seit Fukushima ist klar, der Energiewechsel ist beschlossene Sache. Mit dem Kyoto Protokoll soll die Senkung von schädlichem CO2 verbindlich geregelt werden. In Deutschland wird die Förderung und schrittweise Umstellung auf umweltfreundliche Energien bereits seit mehreren Jahrzehnten verfolgt.

Wie Solarstrom jetzt die Städte weiter erobern soll und was das für Mieter konkret bedeutet, beleuchtet dieser Artikel.

Energiewende in Deutschland auf Rekordniveau

2017 läuft es für die erneuerbaren Energien so gut wie noch nie zuvor in Deutschland. Das Umweltbundesamt kann eine Rekordsumme von eingespeisten Kilowattstunden im Monat Juni vermelden. Insgesamt wurden 107 Milliarden Kilowattstunden eingespeist. Davon waren allein 6,0 Milliarden Kilowattstunden aus Photovoltaikanlagen.

Der Anteil erneuerbarer Energien steigt, nicht nur in Deutschland, weiter und auch der Zubau neuer Anlagen geht in großen Schritten voran. Einzig über die Energietrassen wird, nicht nur in Bayern, weiter heftig gestritten.

Erfolgreiche Beispiele für Ökostrom

Wo der Bau von Windkraftanlagen für Bürgerproteste sorgt, ist der Bau von Solaranlagen meist eher akzeptiert. In vielen deutschen Ballungsräumen ist es schlicht nicht möglich Wind- oder Wasserkraft zu nutzen.

Vorbild für die Umrüstung der Städte können Dörfer und Landkreise sein. Beispielhaft ging hier das Berchtesgadener Land voran. Gebäude des Landkreises wurden bereits 2010 auf Ökostrom umgestellt. Das ehrgeizige Ziel: Bis 2030 will sich der Landkreis ausschließlich mit Ökostrom versorgen.

Viele Kommunen und Länder zogen nach. Es blieb der Nachteil für die Städte erhalten. Hier konnten keine Biogasanlagen oder Windräder aufgestellt werden.

Ökostrom für den Kunden

Stromkunden hatten bislang nur zwei Möglichkeiten, ihren Haushalt auf Ökostrom umzustellen. Entweder sie waren Hausbesitzer und konnten sich selbst eine Solaranlage installieren oder Kunden wechselten zu einem Stromanbieter, der ausschließlich Ökostrom anbot. Meist war letzteres aber nur eine Entscheidung für das gute Gewissen und machte sich wenig bis gar nicht im Geldbeutel bemerkbar. Die Preise blieben oft gleich hoch.

Preis wird durch Gesetze beeinflusst

Der Strompreis für den Endkunden wird maßgeblich durch verschiedene Gesetze beeinflusst. Die Stromnetzentgeltverordnung wird teilweise im Strompreis auf die Kunden umgelegt. Gleichzeitig steigert auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz den Preis. Außerdem setzt sich das EEG für die Förderung und Vergütung bei der Einspeisung von erneuerbarer Energie ein.

Wo Endkunden bei konventionellen Stromanbietern mehr zahlen, können Besitzer von Solaranlagen ihre Stromerzeugung vergütet bekommen.

Reform der Ökostromförderung: Gute Zeiten für Mieter?

Mieter konnten bislang ihren Stromanbieter frei wählen, egal ob Ökostrom oder nicht. Der Bundestag und der Bundesrat haben jetzt die Reform der Ökostromförderung beschlossen. Für Mieter und Vermieter soll jetzt alles besser werden.

Wird der Ökostrom mit einer Solaranlage auf dem Dach selbst erzeugt, können die Mieter von der Umlage des EEG (Erneuerbaren-Energien-Gesetz) befreit werden. Dadurch könnte der Strompreis für Mieter erheblich sinken.

Daraus ergibt sich aber auch: Vermieter können künftig ihren Mietern den eigenen Strom verkaufen.

Profitieren nur die Vermieter?

Die Absicht des Gesetzgebers ist klar: Ökostrom soll gefördert werden, und das besonders in den Großstädten. Durch den Anreiz an Vermieter, eine Solaranlage auf das eigene Hausdach zu montieren, wird der Energiewandel beschleunigt.

Zudem bekommen Vermieter einen finanziellen Anreiz. Schließlich müssen sie ihren Strom nicht kostenlos abgeben, sondern verkaufen ihn gewinnbringend an die Mieter weiter. Durch diese Gesetzesänderung bekommen Vermieter eine zusätzliche Einnahmequelle außerhalb der Mieteinnahmen.

Ein kleines Rechenbeispiel für Mieter

Für den Mieter könnte sich folgendes Rechenbeispiel auf den Strompreis auswirken.

Grundsätzlich fallen bei der Eigenerzeugung von Strom viele Kosten weg, die sonst über den Preis an den Stromkunden weitergegeben werden. Die EEG Umlage, mit 6,35 Cent je Kilowattstunde, und die Netzkosten fallen weg.

Erzeugt der Vermieter Solarstrom für 10 Cent je Kilowattstunde, verkauft diese aber für 20 Cent weiter, wird der Vermieter eine lukrative neue Einnahmequelle generieren.

Das Plus für den Mieter besteht trotzdem im Preissturz je Kilowattstunde.

Ist es wirklich so einfach?

Günstigerer Strom für alle, hört sich zunächst gut an. Dennoch hat der Gesetzgeber Lücken gelassen. Auf die Vermieter kommen hohe bürokratische Hürden für den Verkauf von selbst generiertem Strom zu. Es muss ein Gewerbe angemeldet werden und Verträge mit den Mietern abgeschlossen sein. Auch die lokalen Energieversorger müssen zustimmen.

Auch ist die Gewinnspanne für selbst erzeugten Strom noch komplett ungeregelt. Vermieter könnten also ihren eigenen Strom zu fast den selben Konditionen wie die lokalen Stromversorger verkaufen. Allerdings schreibt der Gesetzgeber hier vor, dass selbst erzeugter Strom mindestens 10 Prozent billiger sein muss, als beim Stromanbieter.

Das sollten Sie jetzt als Mieter beachten

• Suchen Sie das Gespräch mit ihrem Vermieter. Je früher Sie von einer Solaranlage auf dem Dach erfahren, desto schneller können Sie reagieren.
• Zur Zeit kann Sie niemand dazu verpflichten den Strom vom Vermieter abzunehmen. Sie müssen hierfür einen gesonderten Vertrag abschließen.
• Die Anschaffungskosten einer Solaranlage können auf den Mieter anteilig übertragen werden, auch wenn Sie den Strom nicht nutzen wollen.
• Der Strompreis des Vermieters muss mindestens 10 Prozent unter dem des lokalen Anbieters liegen.
• Hilfe und Ansprechpartner sind unter anderem der Mieterschutzbund oder die Verbraucherzentralen.


Der Strompreis ändert sich für alle Kunden

Nach dem Bundestag hat auch der Bundesrat der Angleichung der Netzentgelte zugestimmt. Bis 2023 soll ein bundesweit einheitliches Niveau herrschen.

Für Stromkunden in Ost- und Norddeutschland bedeutet das eine Senkung des Strompreises. Süd- und Westdeutschland werden mit einer Preiserhöhung rechnen müssen. Ziel ist: Fairness bei den Netzentgelten herzustellen. Diese kommen immerhin über die Stromkonzerne direkt bei den Kunden an.

Gerade in diesen Regionen kann der Anreiz auf Solarstrom umzustellen, dank steigender Preise, auf fruchtbaren Boden fallen.


Mieterstrom wird begrüßt und gescholten

Viele Verbände und Organisationen begrüßen den Anreiz für Solarstrom und loben die Beteiligung der Mieter an der Energiewende.

„Mieter könnten nun erstmals über niedrigere Strompreise von der Energiewende und dem Ausbau der erneuerbaren Energie profitieren“, sagt Direktor Lukas Siebenkotten vom Mieterbund.

Es wird aber auch der hohe bürokratische Aufwand für die Vermieter beklagt. Gleichzeitig ist noch völlig unklar, wie viele Vermieter überhaupt auf die Anreize der Politik reagieren werden. Schließlich wird nicht jeder ins Stromgeschäft einsteigen wollen.

Kritik macht sich besonders an der Abkopplung des Mieterstroms vom öffentlichen Netz breit. Ob diese Form des Autark Seins überhaupt erreicht werden kann, sei dahingestellt. Schließlich setzt es voraus, dass Häuser über Energiespeicher verfügen, um komplett das Stromnetz zu verlassen.

Außerdem sehen Kritiker den Wegfall der EEG Umlage bei einigen Haushalten kritisch. Dort, wo sie wegfällt, werden andere mehr zahlen müssen, so die Befürchtung.


„Wenige privilegierte Haushalte würden von den Netzentgelten befreit werden, während viele andere draufzahlen“, sagt Stefan Kapferer, Vorsitzender des Branchenverbands BDEW.
Herr Kapferer prognostiziert den Netzpreisanstieg um 13 Prozent, wenn nur 20 Prozent der Haushalte in Berlin am Mieterstrom teilnehmen.

Dies ist nur eine erste Prognose, aber sie beleuchtet, wie der Mieterstrom Kunden in zwei Klassen spalten könnte.

Viele Mieter sind zudem besorgt, dass der Stromvertrag beim Vermieter, dem Vermieter zu viel Macht gibt. Die Befürchtung: Mieter könnten dann den Stromvertrag gar nicht mehr wechseln.

Fazit zum Mieterstrom

Sicher ist die Förderung von Solarstrom eine gute Sache. Aber sie sollte im Interesse der Mieter besser geregelt werden.

Außerdem ist noch komplett unklar, wie viele Vermieter überhaupt auf Solarstrom umstellen werden. Dem Mieter bleibt nur, sich zeitnah zu informieren und das Gespräch mit dem Vermieter zu suchen. Schließlich möchte niemand in eine Kostenfalle tappen.

Insgesamt wirkt das Konzept des Gesetzgebers gut gemeint, aber nicht durchdacht. Zu viele Fragen bleiben für die Mieter offen.
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