Sina Trinkwalder: Die Nähvolution dauert an

Sina Trinkwalder ist mittlerweile landesweit bekannt. Sie beschäftigt 140 sozial schwache Menschen und kämpft weiter gegen das wirtschaftliche Establishment. Bei einem Werksbesuch verrät sie, warum sie privat auf Make-Up und Brille verzichtet.

Ein Kaffee zum Wachwerden, eine Zigarette zum Stressabbau. So beginnt der der Tag für Sina Trinkwalder. Sie hat nicht lange geschlafen. Gestern wurde es wieder einmal länger in ihrer Manomama-Manufaktur. Doch es muss weitergehen an diesem Morgen. Stillstand ist nicht ihr Ding. Kaffee und Zigarette - müssen erstmal warten. Die Jeansröcke sind fast ausverkauft. In einem Büro, vollgestellt mit Kartons, diktiert sie einer Mitarbeiterin Bestellzahlen. Ein Paketbote, der in der Tür steht, wird erst bemerkt, als sich Trinkwalder an im vorbei drückt. Im nächsten Raum berät sie sich mit Kolleginnen über den Ärmeltyp eines neuen Oberteils. Dann raus auf den Balkon. Jetzt, Kaffee und Zigarette.

Trinkwalder wollte das so. Damals vor zwei Jahren, als die erfolgreiche Marketingfrau einen Sinneswandel hatte. „Ich hatte keine Lust mehr, den Konsum anzukurbeln und jemandem den fünften Rasenmäher schmackhaft zu machen, den er gar nicht braucht“, erinnert sie sich. „Ich wollte etwas für die Menschen tun.“ Menschen, fernab der Hochglanz-Werbebranche. So weit davon weg, wie nur irgend möglich.

Sina Trinkwalder: Sozialprojekt statt Chateau


Trinkwalder, die damals selbst nicht nähen konnte, gründete ein Textilunternehmen oder wie sie es nennt, „ein soziales Projekt“ Zwei Millionen Euro steckte sie in die Infrastruktur. Geld, für Leute, die durch die Raster von Personalern und manchmal gar durch die von Sozialbehörden fallen: Langzeitarbeitslose, Migranten, alleinerziehende Mütter, körperlich Eingeschränkte. Sie führte faire Löhne ein, flache Hierarchien und flexible Arbeitszeiten: Manomama war geboren. Die Nähmaschinen glühten, nachdem eine Drogeriekette Stofftaschen bestellte. Das soziale Projekt wurde zu einem Erfolgsmodel.

Auch weil mittlerweile weitere Unternehmen ihre Beutel aus der Manufaktur neben der City-Galerie beziehen, hämmern unten in den zwei Produktionshallen Nadeln Fäden in Stoffe. Die Männer und „meine Ladies“ kennt Trinkwalder alle beim Namen – sogar die Kinder in der betriebseigenen Krippe. Sie fragt die Arbeiter, wie es ihnen geht, wie es daheim läuft. Auf russisch, türkisch, italienisch. „Ich hätte auch ein Chateau in Frankreich kaufen und ein Buch über Wein und eines über Oliven schreiben können“, sagt sie. Stattdessen zählt sie heute 140 Menschen zu ihrer Familie.

So viele Arbeiter beschäftigt sie mittlerweile. Der Andrang potenzieller Familienmitglieder reißt nicht ab: „Wir kriegen 50 bis 70 Bewerbungen am Tag“, sagt sie. 20 wurden zu Jahresbeginn neu eingestellt. Das Geschäft brummt. Die Firma müsse sich nur tragen, betont Trinkwalder. „Wer sagt denn, dass ein Unternehmen monetären Gewinn verzeichnen muss?“

Manomama soll einen „gesellschaftlichen Wandel“ herbeiführen. Es ist eine Revolution an der Nähmaschine. Eine Nähvolution. Der namhaften Konkurrenz passe es nicht, dass es eine Jeans, die komplett in Deutschland gefertigt ist – nur die Baumwolle stammt aus der Türkei–, günstiger zu kaufen gibt, als eine in Asien hergestellte Hose. „Deren Kunden stellen Fragen – und sie sollen fragen“, sagt die Nähvoluzzerin mit der großen Brille.

So ist Sina Trinkwalder privat unterwegs


Ihr Markenzeichen, das spätestens seit der RTL-Doku „Made in Germany“ im ganzen Land erkannt wird. So weit schwappte ihre Revolution. „Ich kann nirgends mehr hingehen, ohne erkannt zu werden“, erzählt Trinkwalder. Ihre Brille lässt sie mittlerweile zu Hause, wenn sie ausgeht, verzichtet auch auf Make-Up.

Einen Umsatzschub habe die Sache mit dem Fernsehen dem Unternehmen Manomama übrigens nicht gebracht. „Aber es ging auch eher darum, den Leuten zu zeigen: Ihr könnt etwas schaffen, wenn ihr euren Arsch hochkriegt.“

Infos auch unter: www.manomama.de
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