Angeblicher sexueller Missbrauch in Augsburger Altstadt: Wie das vermeintliche Opfer sich vor Gericht erklärt

Das vermeintliche Opfer stand nun vor Gericht (Foto: Sebnem Ragiboglu, 123rf.de)

Zwei Männer hatten im Juni 2016 angeblich eine junge Frau in der Altstadt sexuell bedrängt. Zusätzliche Brisanz erhielt der Fall, da das vermeintliche Opfer die angeblichen Täter als "Südländer" beschrieb. Doch die Ermittlungen ergaben: Der Vorfall war frei erfunden. Am Dienstag stand die 20-jährige Angeklagte, die darüber hinaus Tochter eines Polizisten ist, vor dem Amtsgericht Augsburg.

„Die Nervosität hält sich in Grenzen“, sagt die Angeklagte noch als sie vor dem Gerichtssaal steht. Sie wirkt ruhig und blass, trägt Brille und einen Dutt. Ihre Mutter steht neben ihr. Doch kaum sitzt die 20-Jährige im Gerichtssaal und hört die Anklage, fängt sie an zu weinen und wischt sich immer wieder über die Augen, schüttelt leicht den Kopf.

Der Fall hatte im Sommer 2016 für Aufsehen gesorgt: Eine junge Frau, in der Altstadt sexuell bedrängt: Zwei Männer fassten ihr an die Brust, berührten sie im Schritt und würgten sie. Die Täter beschreibt sie später als südländisch aussehend. Ihre Sprache hätte sie nicht verstanden. Passiert sei das ganze gegen 1 Uhr nachts als sie über den Milchberg in Richtung Maximilianstraße unterwegs war. Nach 15 Minuten sei ihr die Flucht gelungen, so die Angeklagte damals. Am nächsten Morgen ging sie zur Polizei und erstattete Anzeige – drei Tage später war klar: Alles nur gelogen.

Der Kriminalhauptkommissar, der die Anzeige aufnahm, stufte das angebliche Opfer als glaubwürdig ein. Sie habe alles ruhig und schlüssig erklärt, es ergaben sich keine Unreinheiten. Außerdem wies sie die passenden Verletzungen zu ihrer Geschichte auf, so hatte sie Hämatome an Hals und Brust.

„Ich bin selten so gut angelogen worden“

Dass diese aber nicht von einem sexuellen Übergriff kamen, sondern von einvernehmlichen, etwas härterem Geschlechtsverkehr, zeigte sich während der Ermittlungen. Die Beamten durchsuchten das Mobiltelefon der Angeklagten und fanden einen Gesprächsverlauf bei WhatsApp mit einem jungen Mann, der nicht der damalige Freund war. Darin ging es über Wochen hinweg um verschiedene Sexpraktiken. Die Ermittler suchten ihn daraufhin auf. Er habe überrascht und nervös gewirkt, so der Kriminalhauptkommissar, schilderte aber frei und offen, dass die Angeklagte am Tatabend bei ihm war und sie einvernehmlichen, harten Sex gehabt hätten, ja sogar ein „Safeword“ habe es gegeben.

Mit den neuen Ermittlungsergebnissen konfrontiert, habe die Angeklagte „pampig“ reagiert und wäre dann zu Schweigen übergegangen, so der Kommissar vor Gericht. „Ich bin selten so gut angelogen worden.“

Zu Beginn des Prozesses entschuldigt sie sich bei Freunden, Familie und den Beamten, ihr Vertrauen missbraucht zu haben. Sie frage sich jeden Tag, warum sie das getan hat, und denke daran, was sie alles kaputt gemacht hat. Sie wirkt schuldbewusst, weint und redet leise. Ihr letztes Wort im Prozess: „Es tut mir einfach nur leid.“

Gericht verurteilt Polizistentochter zu 40 Sozialstunden

Die Frage, warum sie das alles getan hat, bleibt zumindest vor Gericht ungeklärt. Ihre Rechtsanwältin sagt, es sei ein Motivbündel mit vielen verschiedenen Faktoren. Zum einen suchte sie vielleicht nur Aufmerksamkeit von ihrem Vater, mit dem sie nach der Scheidung der Eltern vor zehn Jahren kaum noch Kontakt hatte. Dafür spricht auch, dass sie die Anzeige in der Polizeiinspektion aufgab, in der ihr Vater arbeitet, und ihm eine Nachricht schrieb, ob er nicht kurz Hallo sagen könne. Zum anderen wollte sie vielleicht einfach nur vertuschen, dass sie ihrem damaligen Freund fremd gegangen war und eine Erklärung für die Blutergüsse brauchte. Sie selbst sagte dazu nichts. Um sich selbst besser zu verstehen, ist die 20-Jährige nun in Therapie.

Das Urteil nach Jugendstrafrecht fiel letztlich milde aus: Sie wurde verwarnt und muss 40 Sozialstunden ableisten. Da sie noch Zuhause bei ihrer Mutter wohnt und wieder zur Schule geht, um ihren Abschluss zu verbessern, muss sie nur die eigenen Auslagen bezahlen, nicht die Gerichtskosten.
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