Blick in den Abgrund: Prozess gegen Kinderarzt Harry S.

Der Angeklagte Harry S., eingerahmt von seinen Verteidigern Ralf Schönauer (links) und Moritz Bode, legte zum Prozessauftakt ein Geständnis ab.

Unter großem Medieninteresse hat am Montag der Prozess gegen den Kinderarzt Harry S. begonnen. Gleich zu Beginn legte er ein Geständnis ab und gab zu, 21 Buben sexuell missbraucht zu haben.

Der Andrang im Gerichtssaal 101 an der Gögginger Straße ist groß, die Zuschauerplätzen sind belegt. Auch die für die Presse reservierten Reihen sind gefüllt. Alle sind gekommen, um das Monster zu sehen, das sich an kleinen Buben vergeht. Stattdessen wirkt der Angeklagte Harry S. erschreckend normal.
In der Schule ein Mitläufer mit Gewichtsproblemen und Akne, immer gute Noten. „Sport war mein schlechtestes Fach“, erzählt der 40-Jährige mit Halbglatze fast im Plauderton. In der Klassengemeinschaft sei er schon integriert gewesen. Nur eben mit den Mädchen habe es nicht so geklappt. Nicht, dass Harry S. nicht gewollt hätte, aber es wurde nie was draus, erzählt der Mann im blauen Pullover, dessen Ausschnitt ein unschuldig weißes Hemd verdeckt. Mit 17 erwachte sein Interesse an Kindern. „Im Schwimmbad zum Beispiel. Da habe ich Kinder nicht einfach nur wahrgenommen, ich habe bewusst hingesehen“, erklärt Harry S. Als der Vorsitzende der Jugendkammer des Landgerichts Lenart Hoesch nachfragt, wie sich dass dann so habe entwickeln können, bricht Harry S. Stimme für einen kurzen Moment. „Es war wie eine Spirale, die sich immer weiter zugezogen hat“, presst er hervor.

Diese Spirale, die ihn in Wellen zu immer mehr Taten getrieben hat, erfasste seit 1998 das Leben von 21 Buben, die Harry S. in unterschiedlicher Heftigkeit missbrauchte. Den Sohn einer Bekannten, mit der er sogar eine Art Beziehung führte, vergewaltigte er bei gemeinsamen Ausflügen, bei denen sie sich ein Zimmer teilten. Mit 18, 19 Jahren hatte Harry S. das Internet für sich entdeckt, angeregt von einer Fernsehreportage über Kinderpornografie. Im Netz habe er sich dann Bilder mit Kindern angesehen, um sich sexuell zu erregen. Er entwickelte eine wahre Sammelwut. Die Ermittler entdecken mehrere 10 000 Dokumente mit kinderpornografischem Inhalt auf seinen Festplatten und anderen Speichermedien.
Beruflich interessiert sich Harry S. für die Medizin. Seine spätere Berufswahl in der Kindermedizin habe nichts mit seiner Neigung zu Kindern zu tun, betont er.
Vielmehr sei er während eines Praktikums zufällig mit der Kinderklinik im Augsburger Klinikum Kontakt gekommen. Dort habe er sich angenommen gefühlt von den Kollegen. Dort machte er Karriere, wurde sogar Oberarzt. „Der Beruf war für mich wie eine rettende Insel“, sagt Harry S. Im Krankenhaus, obwohl von Kindern umgeben, musste er nicht an Sex mit Kindern denken.

Immer wieder versuchte Harry S., mit gleichaltrigen Frauen eine Beziehung aufzubauen. Er wollte Normalität, sagt der Angeklagte. Er dachte immer wieder, nun habe er es geschafft und sein Verlangen nach Kindern hinter sich gelassen. Doch die Beziehungen scheiterten, Harry S. verging sich weiter an Buben. Nur einmal, nach der Vergewaltigung, suchte er Hilfe und rief anonym bei einer Telefonberatung an. Doch dort habe man ihm keine konkrete Hilfe angeboten, entschuldigt Harry S. im Nachhinein, dass er sein Leben eben nicht änderte.

Als er sich beruflich veränderte und an die Medizinische Hochschule Hannover wechselte, eskalierte seine Pädophilie regelrecht. Er habe sich allein gefühlt, gibt er zu. „Es war immer mehr, dass ich mich in der Parallelwelt bewegt habe.“ Nach der Arbeit ging er ins Internet, schaute Bilder an. Bis das nicht mehr reichte. Als er im Großraum Hannover einen Jungen entführt, in ein Haus verschleppt, dort unter Drogen setzt und missbraucht, war eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die Polizei verhaftete ihn schließlich, bevor sich die Spirale noch weiter drehen konnte.
Die Beweislast gegen Harry S. ist erdrückend. Fast alle seiner Taten hat er selbst fotografiert oder gefilmt und, nach Tatort und Opfername sortiert, auf seinem Computer abgespeichert. Wohl auch deswegen antwortet Harry S. bereitwillige auf die Fragen des Vorsitzenden Richters Hoesch, wohl auch deswegen gibt er die Taten zu.

Und er erhofft sich durch sein Geständnis, an dem, was er getan hat arbeiten zu können. „Ich kann nur um Vergebung bitten, für das, was ich getan habe“, entschuldigt er sich. Wie sich sein Geständnis auf den weiteren Prozess auswirkt, bleibt abzuwarten. Hoesch hatte angedeutet, dass man nach dem Geständnis prüfen werde, welche Möglichkeiten es gebe, das Verfahren abzukürzen. Nicht nur den Kindern bliebe eine Aussage erspart, auch für Harry S. würde ein Prozess sehr belastend werden, wenn er zu jeder einzelnen angeklagten Tat Auskunft geben sollte. Ob sich das Geständnis auf das Strafmaß auswirkt, ist ebenfalls noch offen. Einen Deal mit der Kammer gibt es nicht.
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