Das 1,5-Millionen-Zigaretten-Rätsel: 57-Jähriger steht in Augsburg wegen Schmuggels vor Gericht

Verhandlungsauftakt in Augsburg: Der Angeklagte möchte sich nicht äußern- oder etwa doch? (Foto: rclassenlayouts - 123rf.com/Symbolbild)

20 Minuten braucht die Staatsanwaltschaft, um die Anklageschrift zu verlesen. So umfangreich ist die Tabelle, die das Ausmaß des Zigarettenschmuggels wiedergibt, an dem der Angeklagte beteiligt gewesen sein soll. Marke, Anzahl, Wert sowie die umgangenen Zoll- und Steuerbeträge sind aufgeführt. Der aus Russland stammende Angeklagte soll von 2011 bis 2015 insgesamt mehr als 1,5 Millionen Zigaretten, auf 57 Transporte verteilt, nach Deutschland gebracht haben. Seit Mittwoch muss er sich wegen gewerbsmäßigen Schmuggels und Steuerhinterziehung von 375.000 Euro vor dem Augsburger Amtsgericht verantworten.

Der 57-Jährige ist als Busfahrer bei einem Reiseunternehmen angestellt. Er spricht nur gebrochen Deutsch. Diese vermeintliche Sprachbarriere hält ihn allerdings nicht davon ab, die Richterin wiederholt zu unterbrechen, als sie ihn fragt, ob er zu sich zur Anklage äußern möchte. Mit lauter Stimme beharrt er darauf, eine „Stellungnahme machen“ zu wollen.
Wozu genau er sich äußern möchte, kann auch im weiteren Verfahren nicht geklärt werden, denn zu den Vorwürfen an sich möchte der Angeklagte „kein Wort sagen“.
Die Transporte der unverzollten und unversteuerten Zigaretten sollen in einem Zeitraum von vier Jahren stattgefunden haben, entstanden ist dadurch ein Gesamtschaden im sechsstelligen Bereich. Der Beschuldigte soll die Transporte aus Weißrussland teilweise selbst organisiert und die Zigaretten verschiedener Marken anschließend gewinnbringend weiterveräußert haben. Näher bekannt ist bisher weder, wo genau die Ware erworben wurde, noch auf welchem Weg der Angeklagte sie nach Deutschland einführte.

Die Richterin muss den Angeklagten entschieden zurechtweisen.

Ein Zollbeamter sagt aus, die Ermittler seien über eine „weitere Tätergruppierung“ auf den Angeklagten aufmerksam geworden. Der 57-Jährige soll Personen, die sich momentan in separaten Ermittlungsverfahren befinden, mit den Zigaretten beliefert haben.
Ursprünglich sei der Russe mit deutscher Staatsbürgerschaft „nur zur Aufenthaltsermittlung“ observiert worden, da er unter falscher Adresse gemeldet war. Der Bezug zu den Zigaretten habe sich für den Zoll erst später herausgestellt, erläutert der Zeuge.
Der Angeklagte scheint derweil in seine eigenen Notizen vertieft zu sein, er fährt sich dauernd durch die Haare und diskutiert mit seiner Dolmetscherin. So intensiv, dass die Vorsitzende ihn entschieden darauf hinweist, die Übersetzerin sei nicht anwesend, um ihm „bei der Bearbeitung der Schriftstücke behilflich zu sein“.

Woher die 1,5 Millionen Zigaretten genau kamen, ist bisher noch unklar.

Das Verfahren wird am 22. November fortgesetzt, darauf folgen noch zwei weitere Verhandlungstage. Am 24. November sollen auch zwei der vermeintlichen Empfänger der Zigaretten als Zeugen vernommen werden, ihre Aussagen können vielleicht ein wenig Licht auf die genauen Abläufe des Gewerbes werfen. Einer von ihnen wurde bereits Ende vergangenen Jahres verurteilt.
Bis jetzt hat der meist teilnahmslos dasitzende Angeklagte jedwede Angaben verweigert. Doch als die Richterin die Sitzung nach knapp eineinhalb Stunden für beendet erklärt, erhebt der 57-Jährige sich und fragt, wann er denn nun Stellung nehmen könne. Zu spät. (hk)
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