Dem Hungertod nahe: 29-Jährige steht wegen versuchten Mordes an ihrem Baby vor Gericht

Teilnahmslos verfolgt Sarah P. die Aussagen der Kindsväter vor Gericht.

Weil ihr acht Monate altes Baby fast verhungert wäre, muss sich die 29-jährige Sarah P. (alle Namen im Text geändert) seit Dienstag vor dem Schwurgericht des Augsburger Landgerichts verantworten. Die fünffache Mutter beteuert zum Prozessauftakt, sie habe von dem lebensbedrohlichen Zustand des Kindes nichts bemerkt.

Unter vier Kilo wog der acht Monate alte Janosch noch, als er im Mai 2015 in eine Kinderklinik eingewiesen wurde. Er litt unter extremer Unterernährung sowie einer Infektion mit Rotaviren. Der Angeschuldigten sei bekannt gewesen, dass Janosch wegen ihrer mangelnden Versorgung immer dünner geworden sei, so die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift. Sein Leben habe nur durch die andauernde stationäre Behandlung gerettet werden können.

Auch die Entwicklung des dreijährigen Bruders und der sechsjährigen Schwester sei „erheblich gefährdet“ gewesen. Spätestens ab April „vernachlässigte sie böswillig, aufgrund eigensüchtiger Beweggründe die Kinder körperlich und geistig, insbesondere ernährte sie die Kinder nicht ausreichend und kümmerte sich nicht um deren Belange“, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Ihr Vorwurf lautet daher auf versuchten Mord, Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Sarah P. war schon vor diesen Vorfällen keine Unbekannte beim Jugendamt. Ihre beiden ältesten Kinder wurden bereits 2008 in die Obhut des Kindsvaters übergeben, weil die 29-Jährige wiederholt feiern ging und ihre Kinder alleine zu Hause ließ. Mit den drei jüngeren Kindern, die von jeweils unterschiedlichen Asylbewerbern stammen, lebte sie zuletzt in einer Obdachlosenunterkunft. Vom Jugendamt wurde ihr eine ambulante intensive Begleitung zur Seite gestellt, die ihr verschiedene Hilfsmöglichkeiten vorschlug. P. habe die Probleme jedoch heruntergespielt, sei oftmals nicht zu erreichen gewesen, schildert die Staatsanwaltschaft.

Vor Gericht wirkt die 29-Jährige verzweifelt, ist oft den Tränen nahe und schluchzt hemmungslos, sobald das Gespräch auf den Zustand des kleinen Janosch kommt. Sie liebe ihre Kinder, beteuert sie immer wieder. Sie würde ihnen nie etwas antun. Sie habe schon bemerkt, dass Janosch dünn geworden sei, aber als „die Frau vom Jugendamt gesagt hat, dass sein Zustand lebensbedrohlich ist, war ich schockiert“.
Das Gericht zeigt trotz der Tränen der Angeklagten Strenge. „Janosch wäre gestorben, wenn niemand eingegriffen hätte. Wie hätten Sie sich die Situation denn weiter vorgestellt?“, haken die Richter nach. Zum Kinderarzt war P. mit Janosch von Anfang an nicht gegangen. Sie habe keine Krankenkassenkarte für ihn gehabt und nicht gewusst, wie sie ihn ohne Kinderwagen hätte hinbringen sollen. Außerdem habe sie „gefühlt, dass mit ihm alles in Ordnung ist“. Als der Vorsitzende Richter Christoph Wiesner ihr Bilder zeigt, auf denen Janosch bei seiner Einlieferung in die Klinik zu sehen ist, weint sie und betont erneut, sie habe das nicht bemerkt. Wiesner ist skeptisch: „Solche Bilder kenne ich nur von Kindern aus Afrika.“

Seit Februar 2015 habe sie unter schweren Depressionen gelitten, versucht P. ihre Situation zu erklären. Immer wieder sei sie von Bildern aus ihrer eigenen Jugend heimgesucht worden. Mit zwölf hätte ihr eigener Vater sie sexuell missbraucht. Die Bilder in ihrem Kopf habe sie nur unter Einfluss von genügend Alkohol vergessen können. Eine halbe Flasche Wodka oder Whiskey pro Tag trank sie laut eigener Aussage. Trotzdem habe sie ihre Kinder mit ausreichend Essen versorgt und mit ihnen gespielt, versichert die 29-Jährige. Denn die Staatsanwaltschaft wirft ihr neben der körperlichen auch eine emotionale Vernachlässigung vor. „Janosch hat mit acht Monaten nicht mal auf ein Lächeln reagiert“, beschreibt der Staatsanwalt.
Seit Oktober sitzt P. nun in Untersuchungshaft. Janosch lebt seit seinem Aufenthalt in der Kinderklinik bei seinem Vater. Der 34-jährige Nigerianer habe seit der Geburt seines Sohnes immer wieder versucht, ihn zu sehen. Doch P. blockte das mit verschiedenen Ausreden ab. Sie habe sich für die Verhältnisse in ihrer kleinen Wohnung geschämt, erklärt die Angeklagte. Der 34-Jährige berichtet, dass er P. immer wieder nach seinem Sohn gefragt hätte. Schließlich sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich an das Jugendamt zu wenden. Nur wenige Tage später hätte ihn die zuständige Sachbearbeiterin zurückgerufen und ihm erklärt, dass Janosch in lebensbedrohlichem Zustand in die Klinik eingewiesen worden sei.
Heute gehe es Janosch soweit gut, erklärt sein Vater, er wiege nun 13 Kilo und mache erste Versuche zu laufen. Außer „Papa“ und „Hallo“ rede er jedoch bislang nicht.

Auch die Väter der anderen Kinder kommen vor Gericht zu Wort. P. verfolgt die Aussagen weitestgehend teilnahmslos, starrt meist vor sich auf den Tisch. Der Angeklagten droht im Höchstfall eine lebenslange Haft. Dass Janosch nicht gestorben ist und sie nicht aktiv gehandelt, sondern „nur“ unterlassen hat, sich ausreichend um die Kinder zu kümmern, könnte zu ihren Gunsten ausgelegt werden.

Weitere Verhandlungstermine sind für den 23., 27. und 29. Juni angesetzt. Schon nächste Woche könnte ein Urteil fallen.

Kristin Deibl
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