Der Tag der Bombe in Augsburg: So lief die Evakuierung ab

 

Menschenleere Straßen, der Dezemberwind weht Wortfetzen vorbei. "Achtung! Dieses Gebiet wird geräumt.“ Ein Feuerwehrauto dreht einsam seine Runden im Kern der drittgrößten Stadt Bayerns. Aus den Lautsprechern dröhnt die immer gleiche Warnung. Bis 10 Uhr haben die Innenstadtbewohner Zeit, die Sperrzone zu verlassen.

Ursache für die Aufregung ist eine Fliegerbombe, auf die fünf Tage zuvor ein Baggerfahrer bei Arbeiten für eine Tiefgarage an der Grenze zur historischen Altstadt gestoßen war. Mit 1,8 Tonnen war sie als „Wohnblock-Knacker“ gedacht, hergestellt in Großbritannien und im Zweiten Weltkrieg abgeworfen. Nur war die Bombe nicht explodiert, sondern hatte sich ins Erdreich gebohrt und dort die vergangenen 70 Jahre gewartet.

Weil solch eine Bombe eine immense Sprengkraft besitzt, wollten Stadt und Polizei kein Risiko eingehen: In einem Radius von 1,5 Kilometer um den Fundort soll die Stadt für die Entschärfung geräumt werden. 54.000 Personen in 32.000 Haushalten, darunter ein Krankenhaus und mehrere Seniorenheime – Augsburg stand die größte Evakuierung in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg bevor. 4000 Helfer sollten zum Einsatz kommen. Als Termin setzten die Behörden den ersten Weihnachtsfeiertag an: „An einem Werktag wäre die Evakuierung ungleich schwieriger, da auch der ganze Arbeits- und Geschäftsbetrieb beeinträchtigt wäre. An einem Feiertag gibt es zudem weniger Verkehr“, begründet die Stadt Augsburg.

Es ist kurz nach 10 Uhr. Die Frist ist abgelaufen. Trupps aus Polizei und freiwilligen Helfern beginnen mit der Nachkontrolle, ob auch wirklich niemand mehr in seiner Wohnung ist. 32.000 Haushalte, das sind 32.000 Türklingeln, auf die nun jemand drücken muss. „Wenn jetzt einer darauf nicht reagiert und meint, er müsse in der Wohnung bleiben, dann trägt er allein die Verantwortung“, sagt Polizeisprecher Manfred Gottschalk.

Doch keine 20 Meter von der Bombe entfernt zeigt sich das erste Problem. Auf einem Balkon im ersten Stockwerk eines Mehrparteienhauses steht eine ältere Dame. Sie und ihr Mann seien nicht abgeholt worden und so nah an der Bombe werde ihr jetzt doch etwas mulmig. Während ein Mitarbeiter der Stadt noch zu erklären versucht, dass sie die falsche Telefonnummer gewählt hätte, organisiert die Feuerwehr rasch einen Transport aus der Sperrzone. Die Trupps suchen weiter.

Am Fundort sind inzwischen die Sprengmeister eingetroffen. Ruhig stehen die drei Männer zusammen. Reden wollen sie jetzt nicht, auch keine Fotos. Einer von ihnen ist Andreas Heil. „Heil, wie kaputt“, stellt er sich vor. Er spricht für das Unternehmen, das mit der Entschärfung beauftragt wurde. Heil wird nicht an der Bombe arbeiten und ist gesprächiger. In nüchternem Tonfall macht der 58-Jährige den Ernst der Lage klar. „Wenn die Bombe explodiert, dann ist alles in Sichtweite platt.“ Seine Firma hätte deswegen gerne eine größere Evakuierungszone gehabt. „1500 Meter sind das absolute Minimum.“

Warum die Bombe nach dem Abwurf nicht explodierte, kann auch Heil nicht sagen. Viele mögliche Gründe gebe es da: ein Fehler in der Fertigung, Sabotage, eingefrorene Auslöser oder nur ein ungünstiger Aufprallwinkel. Auf die Frage, welchen Schutz die Sprengmeister hätten, falls die Bombe hochgehe, muss Heil lachen. „Schutz? Bei 1500 Kilogramm Sprengstoff?“. Nein, das gehöre zum Berufsrisiko dazu, sagt Heil und vergleicht die Situation mit einem Polizisten, auf den auch bei einer Routinekontrolle geschossen werden könne. Gleichwohl sei die Entschärfung dieser Bombe keine Routine. „Aber die Aufgabe ist überschaubar.“

Doch bis die Sprengmeister zur Tat schreiten können, vergehen weitere fünf Stunden. Während die Suchtrupps überraschend schnell die Schutzzone als geräumt melden, haben die Organisatoren der Evakuierung eines unterschätzt: die Krankentransporte. Zwischen 6 und 10 Uhr sollten am ersten Weihnachtsfeiertag noch 400 Menschen, die liegend oder sitzend transportiert werden müssen, aus der Schutzzone gebracht werden. Doch im Laufe des Vormittags erhöht sich ihre Zahl auf 560.

Die Wartezeit nutzen die zwei Sprengmeister für ihre Vorbereitungen. Das Technische Hilfswerk liefert schweres Gerät: einen Radlader. Wofür er zum Einsatz kommt, bleibt ein Geheimnis. Auch sonst mag Heil nichts über die Methoden der Sprengmeister verraten. Zu groß sei die Gefahr, dass jemand versuchen könnte, eine Bombe selber unschädlich zu machen.

Endlich ist es 15 Uhr und die Evakuierung ist abgeschlossen. In einer Pressekonferenz verkündet Oberbürgermeister Kurt Gribl, dass die Bombe jetzt zur Entschärfung freigegeben ist. Nun verlassen auch alle Polizisten und Feuerwehrleute die Sperrzone. Die Sprengmeister sind allein mit der Bombe und die Stadt hält den Atem an.

Wieder verstreichen die Stunden quälend langsam. Es gibt Schwierigkeiten an der Bombe. Die drei Zünder wurden beim Aufprall verformt, lassen sich nicht einfach entfernen. Das Duo fordert einen dritten Mann an und Spezialwerkzeug. Per Twitter-Nachricht vermeldet die Polizei, dass es länger dauern werde. Fünf Stunden waren zuvor als realistisch angegeben worden. In Augsburg stellt man sich auf eine lange Nacht ein. Für die 1000 Menschen in den Notunterkünften stehen Feldbetten bereit.

Doch dann die Erleichterung: Die Truppe schafft es trotz der Komplikationen in knapp vier Stunden. „Ich darf Ihnen mitteilen, dass die Bombe soeben entschärft wurde“, sagt Gribl mit belegter Stimme. Augsburg atmet auf.

Von Markus Höck
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