Eltern erheben schwere Vorwürfe

Zwei Ärzte der Hessing-Klinik müssen sich vor dem Augsburger Amtsgericht verantworten. Foto: Archiv

In Augsburg müssen sich derzeit zwei Ärzte der Hessing-Klinik in Göggingen vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Ein 13 Jahre alter Junge war 2010 nach einer Operation an der Wirbelsäule gestorben. Am Mittwoch haben die Eltern des Buben als Zeugen ausgesagt. Man habe sie mit ihren Sorgen um ihren Sohn nicht ernst genommen, werfen sie den Medizinern vor.

Zu Beginn der Verhandlung gestern erklärte zunächst einer der beiden angeklagten Mediziner den Eingriff an dem damals 13-jährigen Jungen. Das Kind war wegen einer Fehlstellung der Wirbelsäule an dem Krankenhaus vorgestellt worden. Die Wirbelsäule war einerseits gekrümmt und zusätzlich noch in sich verdreht gewesen. Deshalb brachten die Ärzte in einer Operation Fixierungen an, um sie gerade zu stellen. Zwölf Tage nach dem Eingriff verstarb das Kind jedoch.

An die Eltern gerichtet sprachen beide Angeklagte ihr Mitgefühl und ihr tiefes Bedauern aus. Behandlungsfehler schlossen beide jedoch aus. Die Anklage wirft den Medizinern vor, dass eine der gesetzten Schrauben die Aorta verletzt hätte und so zum Tod des 13-Jährigen geführt habe. Die Ärzte beteuerten gestern jedoch, dass die Schrauben korrekt an ihren Plätzen saßen. Auch die Kontrolle durch Röntgenaufnahmen hätten keinerlei Auffälligkeiten gezeigt. Eine Computertomografie (CT) hielten sie deshalb nicht für notwendig. Als es dem Jungen wegen Blähungen und Fieber immer schlechter ging, haben die Ärzte der Hessing-Klinik veranlasst, ihn in die Augsburger Kinderklinik zu verlegen. Dort starb das Kind wenige Tage später. "Das Leid bedrückt mich persönlich schwer, aber ich kann mir keine Vorwürfe bezüglich der Behandlung machen", erklärte der zweite Angeklagte am Ende seiner Ausführungen zum Krankheitsverlauf.

Die Vorwürfe, die die Eltern des Jungen erheben, wiegen schwer. "Keiner hat uns geglaubt, dass er Schmerzen hat", berichtete die Mutter. Zunächst habe es den Anschein gemacht, als sei die Operation gut verlaufen, sagte sie. Ihr Sohn war nach dem Eingriff wach, konnte seine Arme und Beine bewegen. Erst später seien die großen Bauch- und Rückenschmerzen aufgetreten. Nachts konnte er weder auf dem Rücken, noch auf der Seite schlafen. "Die Nächte waren immer furchtbar", erinnerte sie sich. Da war ihr Junge bereits in die Kinderklinik verlegt worden.

Jeden Tag hätten sie dort um eine CT gebettelt, aber man habe sie immer vertröstet. Geduld sollten sie haben, ein operierter Rücken muss wehtun, hieß es immer wieder von den Ärzten und dem Pflegepersonal. Immer wieder muss sie tief durchatmen, damit sie erzählen kann. Erst am zwölften Tag wurde endlich eine CT durchgeführt. Doch das Ergebnis haben sie nicht bekommen, nur zufällig konnten sie und ihr Mann einen Blick in die Patientenakte ihres Sohnes werfen und entdeckten einen Vermerk, dass eine der Schrauben falsch saß. "Drei Ausrufezeichen waren dahintergesetzt", klagt die Mutter, aber erklärt habe es ihr niemand. Nicht einmal auf Nachfrage.

Doch zu diesem Zeitpunkt war es für den 13 Jahre alten Jungen wohl schon zu spät. Noch am selben Abend begann er Blut zu brechen. 45 Minuten lang kämpften die Ärzte um sein Leben, doch es war vergeblich. Er starb. Man habe ihr noch erklärt, dass man noch keine Todesursache in den Totenschein eingetragen habe. Sie wüssten nicht, woher das viele Blut kam.

"Es ist so schwer", wandte sie sich an die Ärzte, "im ersten Jahr ist man unter Schock, im zweiten Jahr fragt man nach dem Warum", sagte sie unter Tränen. "Er war immer der wehleidige Bua, ich die überbesorgte Mutter", warf die Frau den angeklagten Medizinern vor.

Auch aus den Worten des Vaters spricht Verbitterung. "Vielleicht wollten sie die Verantwortung nur abschieben und haben ihn deshalb verlegt", sagte er kalt. "Wahrscheinlich ist das Ganze nicht so ernst genommen worden", legte er nach.

Nach den sehr emotionalen Aussagen der Eltern des verstorbenen Kindes versuchte ein Gutachter, den Vorfall wieder von der fachlichen Seite zu beleuchten. Doch das warf zunächst mehr Fragen auf, als es beantworten konnte. Der Sachverständige urteilte, dass die Röntgenaufnahmen nicht aufschlussreich genug seien, um eine Aussage über eine richtige oder falsche Positionierung der Schrauben zu treffen. Im CT sei es jedoch ersichtlich.

Dabei lagen dem Radiologen die Bilder von der Untersuchung, die am Todestag des Kindes noch in der Kinderklinik angefertigt worden waren, für sein Gutachten gar nicht vor. Auch eine Gerichtsmedizinerin, die die Obduktion durchgeführt hatte, gab gestern ihre Expertise ab. Ein Urteil wurde allerdings noch nicht gefällt. Der Prozess wird an einem anderen Tag fortgesetzt.
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