Fall Harry S. wird neu aufgerollt: War der pädophile Kinderarzt vermindert schuldfähig?

Der Kinderarzt Harry S. war für den Missbrauch von 21 Buben zu dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Der Kinderarzt Harry S. wurde im März 2016 für den schweren Missbrauch an 21 Buben vor der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren und sechs Monaten und einer anschließenden Sicherungsverwahrung verurteilt. Nun hat der Bundesgerichtshof dieses Urteil aufgehoben.

Der Fall wird nun vor einer anderen Strafkammer des Landgerichts neu verhandelt werden müssen. S. hatte bereits zu Beginn des Prozesses im vergangenen Jahr ein Geständnis abgelegt. Damit wird es in der erneuten Verhandlung nicht um die Frage gehen, ob er schuldig ist. Stattdessen soll geprüft werden, ob er vollumfänglich schuldfähig war oder sein sexuelles Verlangen so krankhaft war, dass er sich nicht kontrollieren konnte.

Neues Gutachten soll verminderte Schuldfähigkeit klären

Dafür soll nun erneut ein Gutachten erstellt werden. Sollte sich eine verminderte Schuldfähigkeit bestätigen, würde das Urteil wohl deutlich milder ausfallen. Statt der Haftstrafe und der anschließenden Sicherungsverwahrung könnte der 42-Jährige möglicherweise auch in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden. Auch wenn Pädophilie als nicht heilbar gilt, könnte er dann entlassen werden, wenn er gelernt hat, seinen Drang zu kontrollieren und ein Gutachter bescheinigt, dass er keine Gefahr mehr darstellt.

In der Verhandlung vor der Jugendkammer hatte das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit ausgeschlossen. Während seiner Arbeit als Kinderarzt habe sich S. nichts zuschulden kommen lassen und sei stets für sein Verhalten gegenüber seinen Patienten gelobt worden. Das zeige, dass er sich kontrollieren könne, hatte das Gericht entschieden.
S. Verteidiger hatten die lange Haftstrafe und die Sicherungsverwahrung schon nach dem ersten Urteil als zu hart empfunden. Sie sind von der verminderten Schuldfähigkeit ihres Mandanten überzeugt.

Der Kinderarzt hatte 21 Jungen sexuell missbraucht

Der Kinderarzt hatte seit Ende der 90er Jahre 21 Buben in Garagen, Keller oder Hauseingänge gelockt, bot ihnen kleine Geldbeträge und Playmobilfiguren dafür an, dass sie sich auszogen und er Fotos von ihrem Intimbereich schießen durfte. Einige Jungen betäubte und vergewaltigte er. Ins Visier der Polizei kam S. erst 2014, als er in Hannover einen fünfjährigen Jungen entführte. Der 42-Jährige missbrauchte diesen in seiner Wohnung, und setzte ihn anschließend völlig verstört wieder aus.
Ob die Opfer des Kinderarztes erneut aussagen müssen, steht noch nicht fest.
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