Fall Ursula Herrmann: Einige Akten sind spurlos verschwunden - sitzt tatsächlich seit Jahren ein Unschuldiger im Gefängnis?

Hat die Justiz im Fall Herrmann den falschen Mann verurteilt? (Foto: Sebnem Ragiboglu, 123rf.com)

Im Fall Ursula Herrmann geht es Schritt für Schritt weiter. Nachdem bereits im September einer der ermittelnden Kripobeamten aussagte, hat nun die Zivilkammer am Landgericht Augsburg den Leiter der damaligen Sonderkommission vernommen.

Knapp vier Stunden lang muss der heute 73-Jährige am Donnerstag zu den Ermittlungen Rede und Antwort stehen. Die Chancen auf eine Wiederaufnahme seien "auf jeden Fall nicht schlechter geworden", sagt danach Rechtsanwalt Walter Rubach, der den zu lebenslanger Haft verurteilten Werner Mazurek vertritt.

Mazurek bestreitet bis heute, dass er mit dem Mord an Ursula Herrmann etwas zu tun hat. Auch Michael Herrmann, der Bruder von Ursula, glaubt nicht, dass mit Mazurek der wahre Täter gefasst wurde. In einem Zivilprozess verklagte er den Verurteilten dennoch auf 20 000 Euro Schmerzensgeld, weil er 2010 wegen des Prozesses einen Tinnitus erlitten hatte.

Die jetzige Verhandlung soll auch Fakten zutage fördern, die eine Wiederaufnahme des Falls ermöglichen. Wie der ehemalige Kripobeamte betont, habe sich im September 1981 der Fokus schnell auf die Tatverdächtigen Mazurek und Klaus Pfaffinger gerichtet. In der Anhörung des Ermittlers geht es hauptsächlich um Pfaffinger, der nicht mehr vernommen werden kann, weil er schon seit Jahren nicht mehr lebt.

Pfaffinger wurde von Zeugen beobachtet, wie er auf seinem Moped einen Spaten transportierte. Mit diesem soll er das Loch gegraben haben, in dem später die damals zehnjährige Ursula Herrmann erstickte. Für die Tatzeit habe Mazurek ein Alibi vorlegen können. Dieses sei jedoch abgesprochen und nicht hundertprozentig, erklärt der damalige Chefermittler.

Trotzdem, "Mazurek war auf Eis gelegt, wir kamen nicht weiter". Pfaffinger habe in seinen Aussagen Insiderwissen gehabt. "Er wusste genau, wie die Kiste beschaffen war, dass Lebensmittel für drei Tage darin waren und dass es einen Stuhl zum Hinsetzen gab. Ich war mir sicher, dass er Dinge erzählt, die nur der Täter wissen konnte."

Haben die Ermittler im Fall Hermann versagt?

Er sei von Mazurek beauftragt worden, das Loch zu graben, in dem die tödliche Kiste war, beteuerte Pfaffinger. 1000 Mark und ein Farbfernseher seien ihm in Aussicht gestellt worden. Erhalten habe er nichts. Pfaffinger belastete Mazurek immer wieder schwer, dann "hat er aber alle Aussagen auch immer wieder widerrufen". Er sei ein "exzellenter Schauspieler" gewesen.

Rubach konfrontiert den 73-Jährigen damit, dass das sogenannte Täterwissen vom Landeskriminalamt in einer Pressemitteilung veröffentlicht wurde. Haargenau wurde beispielsweise der Inhalt der Kiste und auch der Fundort mitgeteilt. Rubach schont den Zeugen nicht. Der Vorsitzende Richter Harald Meyer sieht sich zwischendurch gezwungen, den damaligen Ermittler in Schutz zu nehmen.

Rubach lässt aber nicht locker. So kommt heraus, dass bei den Ermittlungen nicht nur vieles nicht protokolliert wurde, sondern auch einige Akten spurlos verschwunden sind. Der Zeuge wehrt sich, er habe den Fall im Juni 1982 abgeben, dann übernahm vorübergehend das Landeskriminalamt: "Die haben den Fall vermurkst." Nähere Ausführungen darüber, dass es wegen eines anderen Mordfalls 2006 plötzlich im Fall Herrmann einen neuen "Tatverdächtigen Nummer eins" gab, unterbindet das Gericht hingegen, weil es sich um Spekulationen handeln könnte.

Fest steht nach der ausführlichen Zeugenvernehmung, dass die damals ermittelnden Beamten "meilenweit davon entfernt waren, Mazurek oder Pfaffinger die Täterschaft nachweisen zu können". Das erklärt auch der 73-jährige Zeuge unumwunden.

Am 15. September 1981 wurde die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee auf dem Nachhauseweg Opfer einer Entführung. Sie erstickte in ihrem Versteck, einer Kiste, die vergraben war. Nach einem Indizienprozess wurde 2010 der 66-jährige Werner Mazurek vom Landgericht Augsburg wegen Räuberischer Erpressung mit Todesfolge zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er sitzt in einem Lübecker Gefängnis. (Von Alfred Haas)
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