Fast verhungertes Baby: "Lebensbedrohliche Unterernährung" von Gutachterin bestätigt

Teilnahmslos verfolgt Sarah P. die Ausführungen der Rechtsmedizinerin.

Teilnahmslos verfolgt Sarah P. (alle Namen im Text geändert), wie die Rechtsmedizinerin vor Gericht vom akut lebensbedrohlichen Zustand ihres Sohnes Janosch berichtet. Erläutert, welche Auswirkungen wochenlanges Hungern auf den Körper hat. Die 29-jährige Mutter muss sich zur Zeit unter anderem wegen versuchten Mordes an dem kleinen Janosch vor dem Schwurgericht des Augsburger Landgerichts verantworten. Neben der Rechtsmedizinerin standen gestern auch zwei ehemalige Freunde der Angeklagten im Zeugenstand.

Die 29-Jährige soll ihre drei Kinder sträflich vernachlässigt haben, der jüngste Sohn sei aufgrund ihrer mangelnden Fürsorge beinahe verhungert, so die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift. Aufgabe der Rechtsmedizinerin war es am dritten Verhandlungstag, zu beurteilen, ob die Kinder in akuter Lebensgefahr schwebten, als sie im April 2015 vom Jugendamt aus der Wohnung der Angeklagten geholt und ins Klinikum beziehungsweise Josefinum eingeliefert wurden. Janosch, der zu diesem Zeitpunkt nur 3950 Gramm wog und nur 65 Zentimeter groß war, sei definitiv in einem lebensbedrohlichen Zustand gewesen, so die Ärztin.

Um seine Maße besser bewerten zu können, vergleicht die Medizinerin diese mit Daten der WHO (Weltgesundheitsorganisation). Diesen Daten zufolge wiegen weltweit nur zwei Prozent der Kinder mit gleicher Größe gleich viel oder weniger als Janosch damals. Damit leide er unter einer drittgradigen Unterernährung und „mehr als drei Grad gibt es nicht“, verdeutlicht die Rechtsmedizinerin. Die Wahrscheinlichkeit, dass solch hochgradig unterernährte Kinder noch im Krankenhaus sterben, liege bei 30 Prozent.

Als Ursache für das Untergewicht sei keine körperliche Vorerkrankung gefunden worden, sondern ein sogenannter Marasmus, also eine Mangelernährung, bei der dem Körper zu wenig Proteine und Energie zur Verfügung stehen. „Die Langzeitfolgen von Marasmus sind noch nicht erforscht. Möglich wäre etwa Diabetes“, erklärt die Ärztin. Dass für die Unterernährung nur ein Nahrungsentzug in Frage kommt, steht für sie fest. „Seine verminderte Größe weist auf vier bis sechs Wochen Nahrungsentzug hin“, macht sie deutlich. Klar ist für die Medizinerin auch, dass Janosch insgesamt vernachlässigt worden ist. Muskelverkürzungen und Gelenkversteifungen sowie ein angehendes Geschwür seien auf mangelnde Bewegung zurückzuführen. Zudem hätte sie Verschmutzungen wie die auf seiner Haut bislang nur bei Obdachlosen gesehen.

Janoschs älterer Bruder, der zweijährige Julian, sei bei seiner Einlieferung ins Josefinum ebenfalls unterernährt gewesen und habe Zeichen von Austrocknung und Verwahrlosung gezeigt. Seinen Zustand stufte die Rechtsmedizinerin als gefährdet ein. Ebenso den der sechsjährigen Melanie. Diese sei zwar dünn gewesen, habe aber hauptsächlich Verzögerungen in den Bereichen Sprache und Verhalten gezeigt.

Eine mögliche Erklärung für den Zustand der Kinder liefern eine ehemalige Freundin der Angeklagten und ihr Bruder. Sarah P. habe sich nicht für ihre Kinder interessiert, schildert die Zeugin ihren Eindruck von der 29-Jährigen. Sie sei lieber feiern gegangen, habe sich zu Hause nur mit ihrem Handy beschäftigt. Die Wohnung sei dreckig, verqualmt und voller Schimmel gewesen. Die Kinder hätten immer nur geschlafen, egal zu welcher Tageszeit sie zu Besuch gekommen sei. Die damalige Freundin war es auch, die sich aufgrund ihrer Beobachtungen erstmals an das Jugendamt wandte. P. habe oft und gerne getrunken, berichtet der Bruder der Zeugin. Sie habe viel über Männer geredet und die Kinder nicht beachtet. „Ich habe sie mal gefragt, warum Melanie mit fast sechs Jahren noch Windeln trage und kaum sprechen könne. Das hat sie nicht interessiert.“

Die Verhandlung wird am Mittwoch fortgesetzt. Dann wird voraussichtlich ein Urteil fallen.

Kristin Deibl
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