Harry S.: 13 Jahre Haft für unzählige Horrortaten

Kinderarzt Harry S. auf dem Weg zu seiner Urteilsverkündung: Scheinbar unberührt nimmt er auf der Anklagebank Platz.

Schon 30 Minuten vor Beginn des letzten Prozesstages ist der Andrang an Medienvertretern und Zuschauern vor den Türen des Schwurgerichtssaals enorm. Als Harry S., der sich wegen des schweren Missbrauchs von 21 Buben seit November vor der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts verantworten muss, schließlich um kurz vor 10 Uhr den Saal betritt, richten sich sofort Dutzende Kameras auf ihn.

Der 40-Jährige mit Brille und schwarzem Kapuzenpulli blickt zu Boden, geht schnell zu seinem Platz. Während der gesamten rund zweistündigen Urteilsverkündung wird er seinen Blick nicht einmal in den Zuschauerraum richten. Ob aus Scham oder aus Selbstschutz vor der massenhaften Medienpräsenz, weiß wohl nur S. selbst.
Fest stehen indes seine Taten: Schwerer sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung und der Besitz kinderpornographischer Schriften werden dem Kinderarzt zur Last gelegt. Dass er dafür lange Zeit hinter Gitter muss, stand schon während des Prozesses fest. Seit gestern ist nun auch klar, wie lange genau. „13 Jahre und sechs Monate Haft“, entscheidet das Gericht. „Außerdem anschließende Sicherungsverwahrung und ein lebenslanges Berufsverbot.“ S. verzieht kaum eine Miene als der Vorsitzende Richter sein Urteil verliest. Er blickt regungslos zum Richtertisch, hält die Hände auf dem Tisch vor sich fest verschränkt und wirkt weitgehend gefasst und unberührt.
In den folgenden eineinhalb Stunden der Urteilsbegründung lässt der Richter die Verhandlung noch einmal Revue passieren, schildert das Leben des Arztes und seine Taten, die während des Prozesses im Detail zur Sprache kamen. Von den behüteten Verhältnissen, in denen S. aufgewachsen sei, berichtet er, von seiner Karriere als Arzt, aber auch von den Schwierigkeiten, den Erwartungen seiner Eltern gerecht zu werden, sich eine Freundin zu suchen, eine Familie zu gründen. Denn S. habe eben nicht gefühlt, wie andere junge Männer, schon auf dem Schulhof habe er sich zu jüngeren Buben hingezogen gefühlt. S. folgt auch weiterhin scheinbar aufmerksam den Worten des Richters mit verschränkten Fingern. Ab und zu schaut er in die Unterlagen seines Verteidigers oder bespricht sich kurz mit ihm. Immer darauf bedacht, den vielen Zuschauern und Medienvertretern nicht mehr als sein Profil zuzuwenden.
Das ändert sich auch nicht als der Richter noch einmal von jedem einzelnen der vier- bis zehnjährigen Opfer berichtet. Erzählt, wie S. sie in Garagen, Keller oder Hauseingänge gelockt hat, ihnen kleine Geldbeträge und Playmobilfiguren dafür geboten hat, dass sie sich auszogen und er Fotos von ihrem Intimbereich schießen durfte oder wie er sie betäubte und vergewaltigte. Auch die Folgen, unter denen viele der Kinder aufgrund der Taten des 40-Jährigen bis heute leiden, lässt der Richter nicht unerwähnt. Manche seien aggressiv, manche anhänglich, manche trauten sich nicht mehr allein nach draußen zum Spielen oder hätten Angst vor fremden Männern. Dem Gesicht des Kinderarztes ist nicht zu entnehmen, ob ihn die Schilderungen berühren. Er scheint sich seinem Schicksal ergeben zu haben und sitzt die Ausführungen des Gerichts geduldig ab.
57 000 kinderpornografische Schriften und Videos mit insgesamt mehr als 32 Tagen Länge habe man auf dem Computer des Angeklagten entdeckt. Ungeheuerliche Zahlen, die einmal mehr zeigen, wie viel Raum das krankhafte Verlangen im Leben des Kinderarztes eingenommen hat. Eine verminderte Schuldfähigkeit, wie die Verteidigung argumentierte, sieht das Gericht aber nicht. Ein Gutachter hat dem Angeklagten zwar eine sogenannte Kernpädophilie, also eine krankhafte sexuelle Zuneigung zu Kindern, bescheinigt. Doch aus Sicht des Gerichts habe S. sich durchaus steuern können. „Während seiner Arbeit als Kinderarzt hat er sich nichts zuschulden kommen lassen und wurde stets für sein Verhalten den kleinen Patienten gegenüber gelobt“, begründet der Richter. Eine Unterbringung in der Psychiatrie statt im Gefängnis komme daher nicht in Frage.
Zugute hielt der Richter S. aber, dass er seine Taten vor Gericht gestanden hat, sich ehrlich reumütig gezeigt habe und Therapiebereitschaft äußerste, dass er freiwillig seine Approbation abgegeben habe, nicht vorbestraft sei und im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs bereits eine fünfstellige Summe gezahlt habe. Nichtsdestotrotz seien eine Strafe von 13 Jahren und sechs Monaten sowie Sicherungsverwahrung angemessen.
S. sei durch seinen Intellekt und seine kognitiven Fähigkeiten durchaus therapiefähig, so der Richter. „Doch Pädophilie ist nun einmal unheilbar. Da hilft auch die Bereitschaft zur Therapie nichts.“
Er hoffe, dass S. mit den richtigen Therapieangeboten eines Tages wieder in Freiheit leben könne, schloss der Richter. Denn ein „lebenslanges Wegsperren“ habe er nicht im Sinn.

Kristin Deibl
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