Hinter Gögginger Gardinen

Äußerst spärlich sind die Zellen im Keller des Polizeipräsidiums Schwaben ausgestattet. Eine der 19 Zellen ist eine Sammelzelle (Bild) für mehrere Verhaftete. Foto: Jessica Kuska


Ein langer Gang, rechts und links dicke Türen mit einer Klappe zum durchschauen. Innen befindet sich eine harte Pritsche und ein Metallklo. Abgesperrt von dicken Metallstangen. Davor ein kleiner Vorraum mit einem Waschbecken. Eine kalte und bedrohliche Atmosphäre geht von den Zellen aus. Es ist ein Ort, wo Kriminelle oder Betrunkene nach einer Verhaftung zuerst hinkommen: Die Arrestzellen im Polizeipräsidium Schwaben Nord.

Die Polizisten bringen die Verhafteten direkt aus der Tiefgarage des Präsidiums über einen Gang zur Haftaufnahme und zu den Arrestzellen. So müssen sie nicht durch das komplette Haus geführt werden. Denn teilweise sind es unschöne Szenen, die sich in diesen Räumen abspielen. "Nicht alle gehen freiwillig mit uns mit", scherzt der Polizist Manfred Gottschalk, der stellvertretende Leiter der Pressestelle. Durch zwei dicke Türen abgetrennt und von zahlreichen Kameras überwacht, befindet sich ein langer Gang mit insgesamt 19 Zellen im Keller des Präsidiums.

Bevor es für die Verhafteten jedoch in die Zellen geht, erfolgt zuerst eine gründliche Durchsuchung. Auf einer kleinen Holzbank im Gang müssen sie Platz nehmen und alle Gegenstände ablegen, die sich bei sich haben. Alles wird genauestens aufgeschrieben, fotografiert und in einem Plastikbeutel in ein Fach gelegt. Jede Zelle hat ein eigenes Fach. Diese Genauigkeit ist notwendig, denn nicht selten kommt es vor, dass der Arrestant den Polizisten Diebstahl bei der Durchsuchung vorwirft.

Bei der Haftaufnahme sind immer eine Frau und ein Mann anwesend. Außerdem die beiden zuständigen Polizisten, die die Verhaftung durchgeführt haben. Während der Verhaftete von den Beamten akribisch nach Rauschgift und Waffen durchsucht wird, müssen die Polizisten, die für die Verhaftung zuständig waren, einen Einlieferungsbericht verfassen.

Für die Beamten gibt es drei Gründe, um eine Person festzunehmen: Fluchtgefahr, die Schwere der Tat und die sogenannte Verdunklungsgefahr, wenn die Person beispielsweise Beweismittel verschwinden lassen könnte. Im vergangenen Jahr haben die Augsburger Polizisten 44 Prozent der Gefangenen aus einem dieser Haftgründe festgenommen. In den kleinen Zellen bleiben die Verhafteten höchstens bis zum Ende des folgenden Tages. Dann müssen sie im Justizgebäude dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden. Er entscheidet über das weitere Vorgehen. Erlässt der Richter einen Haftbefehl, bringen die Polizeibeamten den Verhafteten direkt in die zuständige Justizvollzugsanstalt (JVA).

Neben den drei gesetzlichen Haftgründen können die Polizeibeamten auch nach dem Polizeiaufgabengesetz (PAG) handeln. Finden sie beispielsweise einen Volltrunkenen im Winter auf der Straße, können die Beamten die Person mitnehmen und zur Ausnüchterung einsperren. 2014 kamen 54 Prozent aller Arrestanten nach dem PAG in die Zellen des Polizeipräsidiums Schwaben Nord.

In den speziellen Ausnüchterungszellen sind die Pritschen extra niedriger gebaut und in der Mitte befindet sich ein Gulli. Ohne den Gefangenen dem Ermittlungsrichter vorzuführen, entlässt die Polizei die Person schließlich am nächsten Morgen.

Zu den 19 Zellen, davon fünf Ausnüchterungszellen und eine Sammelzelle, gibt es auch einen kleinen Raum für den Jour-Richter. Denn auch an Sonn- und Feiertagen muss über die Bestrafung der Kriminellen entschieden werden. Statt im Justizgebäude, kommt der Richter direkt in die Haftaufnahme und entscheidet vor Ort.

Komplett ausgelastet waren die Zellen bisher nur einmal, erzählt Gottschalk. Bei einem Lokalderby des FC Augsburg, als der Verein noch in der zweiten Liga spielte. 70 Fans der Gegnermannschaft demolierten einen Bus. Die Polizei erteilte deshalb allen einen erweiterten Platzverweis. Bis zum Ende des Spiels waren die "Fans" in den Zellen eingesperrt. Entgegen der Vorschriften mussten die Beamten die Zellen damals sogar mehrfach belegen.

Die kalte Atmosphäre, die von den kleinen Zellen ausgeht, ist bedrückend. Die spartanische Einrichtung, die kühlen, grauen Fliesen und die dicken Metallstäbe, die den Gefangenen von der Außenwelt abtrennen, sind angsteinflößend. "Für manche bricht hier eine Welt zusammen", berichtet Gottschalk. Psychische Probleme und Zusammenbrüche seien an der Tagesordnung. Um deshalb das Selbstmordrisiko so gering wie möglich zu halten, gibt es in den Zellen, keine scharfen Gegenstände. Trotzdem gibt es immer eine Gefahr. "Einer hat mal versucht, sich in der Kloschüssel zu ertränken", erzählte Gottschalk. In solchen Fällen muss ein Arzt kommen und über die Haftfähigkeit des Gefangenen entscheiden. Ist das gesundheitliche Risiko zu groß, so muss der gefangene beispielsweise in ein Krankenhaus gebracht werden. Dort müssen zwei Polizisten den Verhafteten dann überwachen.

Wie die Einrichtung, so beschränkt sich auch die Verpflegung auf das Mindeste. Zum Frühstück gibt es Tee und ein Käsebrot, mittags kommt das Essen aus der JVA. Am Abend wieder Tee und ein Butterbrot. "Sie sehen, es lohnt sich nicht zu uns zu kommen", witzelt Gottschalk. Das Essen wird ausschließlich in Plastikbehältern serviert. Als Besteck gibt es nur einen Löffel.

Der Gefangene steht in seiner Zelle unter ständiger Beobachtung. Die Klappe, die sich an den eisernen Zellentüren befindet, bleibt immer geöffnet. Jede halbe Stunde kontrolliert ein Polizeibeamter den Gefangenen. Das Licht bleibt immer an - Tag und Nacht.

Trotz enormen Sicherheitsmaßnahmen ist die Arbeit hier keinesfalls ungefährlich. Gottschalk erzählt von einer Festnahme, als der Festgenommene aus heiterem Himmel los sprintete und durch die 16 Millimeter dicke, vierfach verstärkte Tür am Ende des Ganges rannte. Der Polizist rannte dem Verbrecher hinterher. Fazit der Verhaftung: Nach dem missglückten Fluchtversuch wurde der Mann eingesperrt - mit gebrochenen Schlüsselbein. Der Polizist zertrümmerte sich das Knie und ist seither nur noch beschränkt berufsfähig. Auch in den Zellen selbst ist für die Beamten höchste Vorsicht geboten. Den nötigen Sicherheitsabstand bietet der kleine Vorraum in jeder Zelle. Bis die Zelle geschlossen ist, sind die Polizisten mindestens zu dritt.

Allein im Jahr 2014 gingen in der Haftaufnahme 2374 kriminelle Männer und Frauen ein und aus. Durchschnittlich fast 200 Straftäter im Monat. Für die Polizeibeamten ist die Arbeit hier gefährlich und nie langweilig. Für die Arrestanten ist der Aufenthalt sicherlich kein Vergnügen. "Besuchen sie uns wieder", sagt Gottschalk zum Abschied. Doch nach der Führung in den Arrestzellen ist für die meisten Besucher klar: Lieber nicht.
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