Horrorabend am Derchinger Baggersee

Für das junge Paar muss es sich angefühlt haben, als sei es in einen Horrorfilm geraten: Als die Jugendlichen im September vergangenen Jahres in ihrem Auto auf dem Parkplatz am Derchinger Baggersee Zärtlichkeiten austauschten, stand plötzlich ein Mann mit blutigen Händen vor ihnen und bedrohte sie. Nun hatte sich dieser vor dem Aichacher Schöffengericht zu verantworten.

Es geschah am 29. September, zwischen 18.15 und 18.45 Uhr. Eine 17-Jährige und ihr kaum älterer Freund wähnten sich allein und ungestört, als sie sich auf dem Rücksitz des Hyundai des jungen Mannes näher kamen. Was sie nicht wussten: Jemand beobachtete sie. Und dieser riss plötzlich die Autotüre auf und schrie: "Hab ich euch erwischt!" Vor den nackten Jugendlichen stand ein bulliger, durchtrainierter Typ mit blutverschmierten Händen. Sie befänden sich auf Privatgrund und überdies im Vogelschutzgebiet, behauptete er. Er forderte 2500 Euro "Strafe" und tat so, als würde er seinen Bruder anrufen: "Der ist Jäger und kommt mit seinem Gewehr!" Er herrschte sie an, er habe gerade schon fünf andere Pärchen beobachtet und verscheucht. Dann forderte er das verschreckte Paar auf, vor seinen Augen Geschlechtsverkehr auszuüben und drohte wieder mit seinem bewaffneten Bruder. Der Bursche und seine Freundin waren, so Staatsanwältin Julia Keilbach, "zu Tode erschrocken, und beide hatten an diesem abgelegenen Ort Angst um ihr Leben." So kamen sie schließlich der Aufforderung des Täters nach, der sie genau anwies, was sie zu tun hätten, sich dabei selbst befriedigte und das Mädchen auch noch anfasste.

Das junge Paar wird seitdem psychotherapeutisch behandelt, der junge Mann hat an die zehn Kilogramm abgenommen und leidet unter Schlaf- sowie Konzentrationsstörungen. Er trat als Nebenkläger mit seinem Anwalt Ralf Schönauer auf. "Er wollte dem Angeklagten ins Gesicht sehen. Seine Freundin kann das nicht, sie ist heute nicht hier", erklärte Schönauer. Er berichtete zudem, dass der Angeklagte geschnappt wurde, weil er zwei Tage nach dem Horrorabend, am 1. Oktober, schon wieder ein Pärchen ausspionierte. Sein Mandant hatte sich mit seiner Mutter am Baggersee auf die Lauer gelegt und ihn auf frischer Tat ertappt. Zwar floh er, doch er trug ein Firmen-T-Shirt.

Der Angeklagte ist 26 Jahre alt und stammt aus dem nördlichen Landkreis. Der Fahrzeugbauer ist verheiratet und wird demnächst Vater. Er räumte ein, dass alles, was in der Anklageschrift steht, so stimme. Er könne sich nicht erklären, wie es zu den Taten kommen konnte, sagte er: "Ich weiß nicht, was da mit mir für ein Film gelaufen ist. Es tut mir schrecklich leid, und würde mich gern dafür entschuldigen." Blutige Hände habe er gehabt, weil er sich an Schilfhalmen verletzt hatte. Gefragt, ob er sich in Therapie begeben würde, meinte er: "Das ist nicht notwendig. Ich bin nicht der Typ. Null. Aber wenn das Gericht will, dass ich eine Therapie mache, dann tu ich das." Staatsanwältin Julia Keilbach hielt dem Mann zugute, dass er sich geständig und reuig zeigte und nicht vorbestraft ist. Allerdings handele es sich um "massive, nachhaltige Taten". Dem 26-Jährigen sei klar gewesen, wie es auf seine merkbar jungen Opfer gewirkt habe, als er in der Einsamkeit mit blutigen Händen vor diesen stand und sie bedrohte. Sie forderte zwei Jahre und neun Monate Haft. Dem schloss sich der Nebenklagevertreter an und betonte noch einmal, wer so eine Tat begehe und zwei Tage danach schon wieder auf der Lauer liege, der habe "ein massives Problem", und es sei davon auszugehen, dass der Angeklagte Ähnliches schon öfter getan habe.

Verteidigerin Alexandra Gutmeyr sagte: "Der Sachverhalt ist nicht schön. Punkt." Aber ihr Mandant habe sofort alles zugegeben. "Er ist zu mir gekommen, hat gesagt, ich habe einen Riesenscheiß gebaut, und mir alles erzählt. Ich hab ihn angeschaut wie ein Ufo." In der Regel kämen Beschuldigte mit Ausflüchten. Der Angeklagte sei zudem nur in der Gegend gewesen, weil er im nahen "Pflanzgarten" auf dem Nachhauseweg von der Arbeit ein "Bierle" zu trinken pflege. Dann habe sich plötzlich ein Schalter umgelegt.

Er habe auch seiner Ehefrau alles gestanden, diese stärke ihm den Rücken. Er habe den Opfern bereits eine Schmerzensgeld-Anzahlung zukommen lassen: 2000 Euro dem Jungen, 1500 dem Mädchen. "Er hat gezahlt, was deren Anwälte gefordert haben, da wollte er nie handeln." Sie habe unlängst einen Mann verteidigt, der wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern unter zehn Jahren eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren erhalten habe und könne nicht verstehen, warum die Staatsanwältin "hier so hoch einsteigt."

Richter Dieter Gockel und die Schöffen verurteilten den Fahrzeugbauer schließlich wegen versuchter Erpressung, sexueller Nötigung, sexuellen Missbrauchs Jugendlicher sowie exhibitionistischer Handlungen zu zwei Jahren Haft, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Zudem muss er 2000 Euro an die Organisation Wildwasser zahlen und umgehend eine Sexualtherapie beginnen.

Dass er die Termine bei einem Psychiater wahrnimmt, muss er dem Gericht nachweisen. Außerdem bekommt er einen Bewährungshelfer gestellt. "Es war extrem, was Sie sich da geleistet haben", so der Richter. Bewährung gebe es nur, weil der Angeklagte "selbst reinen Tisch" gemacht habe. Bei diesem sei "eine gewisse Störung da".

Das Urteil lege den Fokus darauf, dass der 26-Jährige behandelt wird: "Sie müssen eine Therapie machen. Bei einer Haftstrafe wären sie nach eineinhalb Jahren draußen, und nichts wäre passiert."
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.