"Ich steche euch ab"- Drogenabhängiger attackiert Polizisten mit Schere

Der Angeklagte wird beschuldigt Polizeibeamte angespuckt, beleidigt und mit einer Schere bedroht zu haben. (Foto: tom_u-123rf.com/Symbolbild)

Ein 29-jähriger Drogenabhängiger soll im vergangenen Jahr Einsatzkräfte beleidigt, bespuckt und bedroht haben. Nun stand er vor dem Augsburger Amtsgericht.

Alkohol, Cannabis, Ecstasy, Kokain, Heroin, Methamphetamine, Badesalze... Mit neutralem Ausdruck rattert der 29-jährige Angeklagte die Drogen herunter, die er teilweise konsumiert, seit er zwölf Jahre alt ist.

Nun musste er sich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte vor Gericht verantworten. Im April 2016 hatte er in der Wohnung seiner Eltern unter extremem Alkohol- und Drogeneinfluss zwei Polizeibeamte mit einer Schere bedroht, bespuckt und massiv beleidigt.

Der Angeklagte, welcher seit vier Jahren arbeitslos gemeldet ist, starrt emotionslos aus dem Fenster, während die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift verliest. Er ist eher klein, trägt Jeans, T-Shirt und eine Bomberjacke und macht einen gepflegten Eindruck. Es ist schwer vorstellbar, dass der 29-Jährige zur Tatzeit von vier erwachsenen Männern am Boden fixiert werden musste, weil er nicht zu beruhigen war. Er selber sagt aus, er könne sich an den entsprechenden Abend kaum erinnern, habe eine Art „Blackout“.

Die Eltern des Angeklagten mussten die Polizei alarmieren

Er habe bereits am Morgen drei bis vier Tabletten der Wirkstoffgruppe „Benzodiazepin“ eingenommen, alles was er an Drogen noch zur Verfügung gehabt hätte.

Seine Mutter, der die massive Drogenabhängigkeit ihres Sohnes bekannt ist berichtet, er wäre anschließend auf Alkohol umgestiegen. 16 halbe Bier hätte er über den Tag hinweg verteilt getrunken, dazu nahezu einen Liter Wodka. Letzterer hätte, wie der Angeklagte aussagt, immer dieselbe Wirkung auf ihn – Schnaps mache ihn aggressiv. Auch die Mutter des Beschuldigten bestätigt: Seine Stimmung wäre abrupt umgeschlagen. Während er sonst ein offener, zugänglicher Mensch sei, hätte der Alkohol eine „wesensverändernde“ Wirkung auf ihn gehabt. Sie rief daraufhin vorsorglich die Polizei, da sie hitzige Ausbrüche ihres Sohnes schon mehrmals miterlebt hatte.

Wenig später erreichten zwei Polizisten die Wohnung in Königsbrunn. Sie trafen dort auf zwei Rettungssanitäter, denen der Angeklagte bereits bekannt war, berichtet einer der Beamten vor Gericht. Zu viert hätten sie sich der Wohnungstür genähert. Der 29-Jährige hätte eine Schere in der Hand gehabt und geschrien: „Kommt rein ihr Scheißbullen, ich steche euch ab.“ Auch nachdem die Beamten drohten, von ihren Schusswaffen Gebrauch zu machen, ließ er die Schere nicht fallen und führte „Stichbewegungen“ in ihre Richtung aus.

Der 29-Jährige spuckte, trat und schlug wild um sich

Nach dem zweimaligen Gebrauch von Pfefferspray gegen den Angeklagten ging dieser schließlich zu Boden, schleuderte die Schere noch blindlings in Richtung der Polizisten, traf diese allerdings nicht.

Gemeinsam mit den Rettungssanitätern gelang es den Beamten, den ziellos um sich Tretenden erst am Boden und dann auf einer Trage zu fixieren. Auch auf der Fahrt im Krankenwagen habe der 29-Jährige weiterhin nach dem mitfahrenden Polizisten gespuckt, wie dieser sich erinnert. Trotz der Unterstützung durch zwei Security-Mitarbeiter des Krankenhauses war der Angeklagte nicht zu beruhigen und musste schließlich von einer Krankenschwester sediert werden.

Bevor die Zeugen aus dem Sitzungssaal entlassen werden, entschuldigt sich der Angeklagte förmlich für sein Verhalten sowie für alle Unannehmlichkeiten, die er ihnen bereitet hat. Anschließend schildert er ausführlich seine Vorgeschichte mit Betäubungsmitteln.

Von 2010 bis 2016 sei er 35 Mal auf der Entgiftungsstation gelandet, habe sich zwei Langzeittherapien unterzogen und unzählige Abstinenzen eingelegt, die jedoch alle im Rückfall endeten. Davongetragen hat er Schulden in Höhe von 30 000 Euro, Hepatitis C, Narben und Wassereinlagerungen in den Armen. Zudem ist der 29-Jährige vorbestraft wegen nahezu identischer Vergehen, wie jene, für die er nun geahndet wird.

Nun ist er seit dem Tathergang in 2016 in Therapie, sein Verteidiger erklärt, in seinem Mandanten hätte ein „Umdenken“ stattgefunden.

Verteidigung plädiert für "nicht schuldig"

Der ebenfalls anwesende Sachverständige sagt aus, der zum Tatzeitpunkt ermittelte Blutalkoholwert von 2,15 Promille könne, durch die Extreme Abstumpfung des Angeklagten gegenüber Rauschmitteln, zwar nicht den kompletten Erinnerungsverlust erklären, die Aussage des 29-Jährigen sei dennoch glaubhaft. Er hätte sich durch den Mangel an verfügbaren Drogen auf „einer Art Entzug“ befunden und seine Steuerfähigkeit sei erheblich eingeschränkt gewesen. Er empfiehlt, „weitere Maßregelvollzugsmaßnahmen einzuleiten“.

Die Staatsanwaltschaft fordert schließlich ein Jahr und sechs Monate Freiheitsentzug. Der Angeklagte hätte unter erheblichem Alkoholeinfluss gestanden und sich bei den Betroffenen entschuldigt, allerdings habe er unter offener Bewährung gehandelt und sei schließlich gegen Polizeibeamte vorgegangen, so der Vertreter der Anklage.

Die Verteidigung hingegen streitet die Schuldigkeit ihres Mandanten ab, eine Schuldunfähigkeit könne zum Tatzeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, daher plädiere sie für „nicht schuldig“.

In der kurzen Pause vor der Urteilsverkündung steht der 29-Jährige mit seinen Eltern und dem Verteidiger zusammen, ab und zu lächelt er sogar.

Als das Gericht ihn schließlich schuldig spricht und zu einem Jahr und zwei Monaten Freiheitsentzug ohne Bewährung verurteilt, akzeptiert er das Urteil mit einem Kopfnicken. (hk)
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