"Jeder Mann, der fehlt, tut uns weh": Augsburger Polizeidienststellen leiden an Personalmangel

1070 neu ausgebildete Polizisten sollen die bayerischen Dienststellen 2016 unterstützen. Diese ersetzen jedoch vor allem Beamte, die aufgrund von Ruhestand oder Schwangerschaft ausfallen. (Foto: Symbolbild/ Christoph Maschke)

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat nun in einer Pressemitteilung vermeldet, dass die bayerische Polizei mit 41 370 Stellen den höchsten Personalbestand aller Zeiten habe. 1070 Beamte sollen in diesem Jahr zusätzlich eingesetzt werden, bis 2025 sind gar 10 000 Neueinstellungen geplant. Was auf dem Papier zunächst gut klingt, erweist sich in der Realität allerdings kaum als Lösung für den chronischen Personalmangel der einzelnen Dienststellen.

480 frisch ausgebildete Polizisten sorgen seit 1. März für mehr Sicherheit in Bayern, so die Mitteilung des Innenministeriums. „Sie werden nun Polizeidienststellen in ganz Bayern verstärken, insbesondere den Streifendienst.“ Insgesamt rechnet Herrmann für 2016 mit rund 1070 neu ausgebildeten Polizisten für die Bayerische Polizei, während etwa 800 Beamte die Altersgrenze für den Ruhestand erreichen. „In diesem Zuteilungsjahr erwarten wir damit ein deutliches Plus von rund 270 Polizistinnen und Polizisten“, freut sich der Innenminister. Das sei ein echter Sicherheitsgewinn für die Bürger und eine wichtige Entlastung für die Bayerische Polizei, die zur Zeit viele Überstunden leiste.
Die Personalzuteilungen erfolgten belastungsorientiert auf Grundlage des aktuell gemeldeten Personalbedarfs aller Verbände der Bayerischen Polizei. „Dabei berücksichtigen wir auch die zusätzlichen Belastungen der Polizei durch den hohen Flüchtlingszustrom“, erläutert Herrmann.
Im Polizeipräsidium Schwaben Nord, und damit auch in Augsburg, wird die „Aufstockung“ deutlich weniger positiv wahrgenommen. Denn: „Unterm Strich gibt es für uns keine Personalmehrung“, erklärt Thomas Rieger, Leiter des Präsidialbüros/ Pressestelle. 29 Beamte wären dem Raum Schwaben Nord zum 1. März zugeteilt worden, doch diese würden lediglich diejenigen Polizisten ersetzen, die in der letzten Zeit aufgrund von Ruhestand oder Schwangerschaft ausgefallen seien. Das sei kritisch zu sehen, so Rieger, denn während die Personalsituation sich nicht verbessere, stiegen dennoch die Anforderungen. „Jeder Mann, der fehlt, tut uns weh“, fasst Rieger zusammen.
Die Inspektion Augsburg Mitte beispielsweise, die derzeit mit rund 115 Beamten besetzt ist, ist neben dem Plärrer, Demonstrationen in der Innenstadt und Eishockeyspielen auch für die nächtliche Partyszene zuständig. Vor allem in den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu heftigen Widerständen gegen Polizeibeamte. Wie Rieger erklärt, würden zur Sicherheit der Polizisten immer mehrere Wagen geschickt, wenn eine Eskalation der Situation zu befürchten sei. Kämen verschiedene Einsätze zur gleichen Zeit zusammen, könnte es dann personell schon eng werden.
Aber auch die kleineren Dienststellen im Raum Schwaben Nord hätten zu kämpfen. „Fällt dort nur ein Mann aus, klappt es mit dem Schichtdienst schon nicht mehr“, sagt Rieger. „Personalmangel ist überall schwierig, egal ob in der Stadt oder auf dem Land.“
Dabei hat sich die Situation in den vergangenen Jahren schon gebessert – zumindest auf dem Papier. Fast jede Inspektion hat neue Planstellen bekommen. Allerdings können diese in den meisten Fällen nicht besetzt werden. Für die Inspektion Augsburg Mitte, das größte Revier in Augsburg, etwa waren noch vor zwei Jahren 142 Stellen geplant, mittlerweile sind es immerhin 154. Tatsächlich verfügbar sind aber nur rund 115 Beamte. Ähnlich sieht es in der Inspektion Augsburg Süd aus. Knapp 100 Polizisten sind dort im Dienst, während es laut Plan 132 sein sollten.
Herrmanns Aussage, die bayerischen Polizeidienststellen seien „bestens gerüstet“ und „für alle Herausforderungen gewappnet“, kann von den lokalen Revieren also kaum bekräftigt werden. Herrmann selbst sieht jedoch auch die deutliche Belastung der Beamten. Zu den aktuellen Herausforderungen gehöre neben den Terrorgefahren insbesondere auch die Flüchtlingssituation. „Umso mehr ist eine rasche und deutliche Reduzierung der Flüchtlingszahlen notwendig“, fordert der Minister.
Rieger und seinen Kollegen allerdings wäre mit einer tatsächlichen Aufstockung des Personals wohl mehr geholfen.

Kristin Deibl
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