Kriminalstatistik: Verbrechen und Vorurteil

Die Polizei hat die Kriminalstatistik 2015 veröffentlicht. (Foto: Christoph Maschke)
Auf den ersten Blick ist die Statistik erschreckend: Um rund zehn Prozent ist die Zahl der Straftaten zwischen 2014 und 2015 angestiegen. 46.267 Verbrechen wurden im Bereich der Polizei Schwaben Nord im vergangenen Jahr begangen, 4409 mehr als im Jahr zuvor. Ängstlichere Augsburger sollten sich diese Zahlen jedoch genauer ansehen, bevor sie einem Trugschluss erliegen und den Anstieg in der Straftaten-Statistik mit marodierenden Flüchtlingen zusammenbringen. Denn wie immer steckt der Teufel im Detail.

„Wir haben es hier mit einer Verzerrung zu tun“, erklärt der Augsburger Polizeipräsident Michael Schwald. Mit ernster Miene blickt er zu den versammelten Journalisten, die am Mittwoch zur Präsentation der Kriminalstatistik 2015 gekommen sind. „Ich möchte ausdrücklich an Sie appellieren, mit den Daten verantwortungsvoll umzugehen“, sagt er – und sieht womöglich bereits reißerische Boulevard-Schlagzeilen vor seinem geistigen Auge. Die Statistik, so betont Schwald, müsse genau erläutert werden.

Hintergrund seiner mahnenden Worte sind die sogenannten „ausländerrechtlichen Verstöße“. Diese sind Schuld an der starken Zunahme der Straftaten – bedeuten aber mitnichten einen Anstieg der „Ausländerkriminalität“: Denn mit Raub, Körperverletzung und dergleichen hat diese Deliktsgruppe nichts zu tun. „Viele Menschen, die im vergangenen Jahr zu uns gekommen sind, haben alleine schon durch ihre Einreise beziehungsweise durch ihren Aufenthalt einen Verstoß gegen das Ausländerrecht begangen“, erklärt der Polizeipräsident. Das bedeutet: Flüchtlinge, die durch die offenen Grenzen nach Nordschwaben gekommen sind – etwa mit dem Zug aus Österreich oder mit Schlepperbanden über die A8 – und erst in Augsburg oder im Umland einen Asylantrag gestellt haben, gehen bereits durch ihre bloße Anwesenheit in die Kriminalstatistik ein. Denn bis zu ihrer Registrierung war ihr Aufenthalt in Schwaben illegal.

Spätestens beim Blick auf die absoluten Zahlen der „ausländerrechtlichen Verstöße“ wird deutlich, wie sehr dieser bürokratische Bereich ins Gewicht fällt: Waren es 2014 noch lediglich 672 Verstöße, schnellt die Zahl für das vergangene Jahr nach oben, bis auf 6.511 Fälle.

Um also eine seriöse Vergleichbarkeit mit den Vorjahreszahlen zu gewährleisten, müsse die Kriminalstatistik um dieses Delikt bereinigt werden, erklärt Schwald – und schlussfolgert: „So gesehen sank die Anzahl der registrierten Straftaten um 1.430 Fälle beziehungsweise 3,5 Prozent.“ Statt 46 267 Straftaten also nunmehr lediglich 39.756; gegenüber 41.186 im Jahr 2014.

Wer immer noch nicht überzeugt ist, dass mehr Flüchtlinge eben nicht mehr Kriminalität bedeutet, sollte die Rubrik „Zuwanderer als Tatverdächtige“ genauer betrachten. Diese umfasst Straftaten über die „ausländerrechtlichen Verstöße“ hinaus, die etwa von Asylbewerbern oder von Personen mit ausländerrechtlicher Duldung begangen wurden. Im Jahr 2015 habe die nordschwäbische Polizei 1189 tatverdächtige Zuwanderer registriert, so Schwald. Dies entspreche lediglich einem Anteil von 6,2 Prozent an allen Tatverdächtigen.

Diese 1189 ausländischen Straftäter haben 1530 Straftaten begangen, davon 449 direkt in Asylunterkünften. Am häufigsten kamen Betrugsdelikte vor, insgesamt 460 Mal. Auch Körperverletzung und Diebstahl stehen mit 361 und 307 Fällen vorne in der Statistik. Die Zahl der Sexualdelikte liegt für den gesamten Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Schwaben Nord bei 20. In der Kategorie „Straftaten gegen das Leben“ weist die Statistik drei Fälle aus – von marodierenden Flüchtlingen in Nordschwaben kann demnach keine Rede sein.

„Nordschwaben gehört zu den sichersten Regionen in Deutschland"


Auch insgesamt zeigt sich der Polizeipräsident mit der Statistik zufrieden. „Nordschwaben mit dem drittgrößten Ballungsraum in Bayern gehört nach wie vor zu den sichersten Regionen in Deutschland“, bilanziert er. Die bereinigte Aufklärungsquote liege zudem bei guten 67,5 Prozent; 0,7 Prozentpunkte besser als im vorvergangenen Jahr und deutlich über dem bayerischen Wert von 62,8 Prozent, freut sich Schwald.

Noch ein Grund zur Freude: „Im vergangenen Jahr hat es glücklicherweise keine Übergriffe auf Asylbewerber gegeben“, so ergänzt Schwalds Kollege Marco Böck, Leiter des Sachgebiets Kriminalitätsbekämpfung. Lediglich ein flüchtlings-feindlicher Angriff sei passiert, die versuchte Brandstiftung im Winter in Stadtbergen, bei der jedoch niemand verletzt wurde und nur ein sehr geringer Sachschaden entstand. Vielleicht der Beweis, dass es in der Region Augsburg gar nicht so viele Angstbürger gibt.



Janina Funk

Viele weitere Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik, auch zu den Entwicklungen in den einzelnen Regionen, sind im aktuellen Sicherheitsbericht 2015 zu finden, unter www.polizei.bayern.de/schwaben/kriminalitaet/statistik
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