Lebenslang für Raimund M.: Erleichterung bei Angehörigen ist groß

Im zweiten Polizistenmordprozess ist am Donnerstag das Urteil gesprochen worden. Foto: Archiv

Die Prozessbeteiligten reagierten nach dem Urteil im Polizistenmordprozess erleichtert. Für die Hinterbliebenen, wie die Familie Vieth und die Polizeibeamtin Diana K., die in jener Nacht selbst verletzt wurde, ist der Abschluss "ein wichtiger Schritt in Richtung Bewältigung und Trauerarbeit".

Der zweite Mammutprozess um den Polizistenmord vor dem Augsburger Landgericht ging am Donnerstag deutlich früher als erwartet zu Ende. Denn die Nebenklagevertreter und die Verteidiger peitschten ihre Plädoyers in Rekordzeit durch. Damit schloss die Achte Strafkammer unter Vorsitz des Richters Christoph Wiesner einen der größten Kriminalfälle in jüngster Zeit. Der Friedberger Raimund M. muss wegen Mordes an Mathias Vieth lebenslang in Haft. Außerdem wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt.

Damit verhängte das Schwurgericht aber nicht die Höchststrafe wie bei M.s Bruder Rudi R., der inzwischen rechtskräftig verurteilt ist. Bei ihm wurde im ersten Prozess ebenfalls lebenslange Haft und besondere Schwere der Schuld festgesetzt. Allerdings verhängte die Kammer zusätzlich Sicherungsverwahrung, worauf sie gestern verzichtete, obwohl Staatsanwaltschaft und Nebenklagevertreter sie in ihren Plädoyers gefordert hatten.

Als Grund nannte das Gericht zum einen M.s Parkinsonerkrankung, die während des gesamten Prozesses Thema war und wegen der die Verfahren der beiden Brüder getrennt wurden. Zwar habe M. laut eines Gutachters eine ähnliche Lebenserwartung wie ein Gleichaltriger, "aber die Frage ist, in welchem Zustand er sich in 20 Jahren befinden wird, denn die Erkrankung schreitet fort", stellte Wiesner in den Raum. Außerdem müsse dem Friedberger zugute gehalten werden, dass er bis zum Polizistenmord nicht vorbestraft war. Bei R. sei der Fall anders gelagert gewesen: Er hat bereits 1975 einen Polizisten erschossen - den Todtenweiser Bernd-Dieter Kraus, saß deswegen 20 Jahre hinter Gittern und "hat offenbar nichts daraus gelernt", so Wiesner. Die Verhängung der Sicherungsverwahrung müsse "unerlässlich sein und auf besonders extreme Fälle beschränkt", was bei R. - nicht aber bei M. gegeben sei. "Es gibt dafür keine rechtliche Möglichkeit, aber lebenslang kann auch lebenslang bedeuten", erklärte der Richter.

Raimund M. nahm Urteil ohne sichtliche Regung auf


Raimund M. nahm das Urteil ohne Worte und sichtliche Regung auf. Die Verkündung verfolgte er mit gesenktem Kopf und mit dem Rücken zum vollen Gerichtssaal. Sein rechtsseitiges Zittern war gestern wieder stark sichtbar. Ein Arzt hatte zuletzt erklärt, dass bei Erregung die Symptome schlimmer würden. Verteidiger Werner Ruisinger sagte hinterher, M. habe kein anderes Urteil erwartet, sei aber kämpferisch und setze nun seine Hoffnung in die Revision, die Ruisinger und der zweite Verteidiger Adam Ahmed, der bei der Urteilsverkündung nachmittags nicht mehr in Augsburg war, bereits lange zuvor angekündigt haben.

Die anderen Prozessbeteiligten reagierten erleichtert und sprachen davon, froh zu sein, diesen monatelangen Prozess endlich abschließen zu können. Für die Hinterbliebenen, wie die Familie Vieth und die Polizeibeamtin Diana K., die in jener Nacht selbst verletzt wurde, sei der Abschluss laut Nebenklagevertreter Walter Rubach ein wichtiger Schritt in Richtung Bewältigung und Trauerarbeit.

Mathias Vieths Schwester nutzte die wohl letzte Gelegenheit, dem Gericht und allen Prozessbeteiligten ihre Sicht der Dinge zu erklären. Als langjährige Krankenschwester habe sie viele Male erlebt, zu welchen Leistungen Patienten in der Lage sind, wenn der entsprechende Wille dazu da sei. Das gelte eben auch für den Angeklagten Raimund M. Sie habe keine Zweifel, dass er die Tat begangen hat und trotz seiner Parkinsonkrankheit auch tatsächlich begehen konnte.

"Mein Bruder fehlt, fehlt, fehlt"


Ihre Stimme zitterte als sie sagte: „Mein Bruder Mathias hat sich bis zuletzt gewehrt. Bis er nicht mehr konnte. Und hätte lebenslang wirklich lebenslang bedeutet, wäre er nicht gestorben. Eine gerechte Strafe wäre für mich, wenn der Angeklagte auch keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder haben dürfte – kein Treffen, kein Brief, kein Telefonat. So wie ich keinen Kontakt mehr zu meinem Bruder haben kann. Und mein Bruder fehlt, fehlt, fehlt.“
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