Menschenhandel in Augsburg: 37-Jähriger zwang Mutter des gemeinsamen Kindes zur Prostitution

Der 31-Jährige zwang die Mutter seines Sohnes zur Prostitution und kassierte bis zu 80 Prozent ihrer Einkünfte. (Foto: Robert Wilson-123rf.com/Symbolbild)

Beide tragen Rot an diesem kalten Dezembermorgen. Die Geschädigte in Form einer Winterjacke mit Fellkragen, der Angeklagte als zerknitterten Pullover über einem weißen Hemd. Sie lernten sich in Rumänien in einer Bar kennen, wurden ein Paar und gingen wenige Monate später gemeinsam nach Deutschland. In Augsburg soll der 37-Jährige seine Freundin zur Prostitution gezwungen und jahrelang ausgebeutet haben. Nun wurde er wegen schweren Menschenhandels, ausbeuterischer Zuhälterei, Körperverletzung und Sachbeschädigung zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.


Die 29-Jährige, die als Nebenklägerin auftritt, schluckt schwer und wirkt angespannt, als der Angeklagte in Handschellen in den Saal geführt wird. Er stammt aus Rumänien, ist Musiker und Autohändler. Anders als die Geschädigte spricht er kein Deutsch – eine Dolmetscherin übersetzt für ihn.

Er lernte die Frau 2010 in der Bar kennen, in der sie arbeitete. Sie war Mutter einer dreijährigen Tochter, die an schwerer Anämie litt. Die Behandlung sei für sie damals nicht zu bezahlen gewesen und so sei sie mit dem Angeklagten nach Deutschland gegangen, wo er ihr einen Job in einer Bar versprochen hatte, erzählt sie mit leiser Stimme. Das Lokal, in dem die damals 22-Jährige bedienen sollte, hieß „Colosseum“; keine einfache Bar, sondern ein privater FKK-Sauna-Club, in dem sie in Zukunft als Prostituierte arbeiten sollte.

"Es ist viel Geld oder es ist wenig Geld, aber es ist für uns."

Die Geschädigte habe sich auch aufgrund des Gesundheitszustandes ihrer Tochter darauf eingelassen. Zusätzlich habe ihr der Angeklagte versichert, die Arbeit sei nicht schlimm.

In der Zeit von 2010 bis 2013 arbeitete die junge Mutter im „Colosseum“, anfangs sei sie sogar täglich dort gewesen. Ihre Einnahmen stellte sie größtenteils dem Angeklagten zur Verfügung, teilweise 800 Euro am Tag. Wenn sie Geld nach Hause zu ihrer Tochter senden wollte, habe er sie ermahnt, „nicht so viel“ zu schicken. Die Familie solle nicht erfahren, dass sie viel verdiene.

Anders stellt das der Verteidiger des 37-Jährigen dar. Die Idee, nach Deutschland zu gehen, sei von der Geschädigten gekommen. Von dem Club habe sie wohl von anderen rumänischen „Tänzerinnen“ erfahren. Das Geld habe außerdem keinesfalls nur der Angeklagte ausgegeben, die 29-Jährige soll sich Designermode und teure Handtaschen zusätzlich zu der Miete für mehrere Wohnungen in Rumänien davon geleistet haben.

2013 wurde die Geschädigte vom Angeklagten schwanger. Sie beendete daraufhin ihre Arbeit im FKK-Club und fuhr mit dem Vater des Kindes zu ihrer Familie in Rumänien. Doch bereits nach drei Wochen sei der Angeklagte zurück nach Deutschland gekehrt. 2015 kehrte sie schließlich ebenfalls nach Augsburg zurück und ging erneut der Prostitution nach, um ihre Schulden und den Unterhalt ihrer Kinder zu bezahlen. Mit dem Angeklagten nahm sie die Beziehung wieder auf und begann erneut, ihm 70 bis 80 Prozent ihrer Einkünfte zu überlassen. Er habe ihr eine gemeinsame Zukunft in Aussicht gestellt.

Die Situation sei schließlich im Oktober 2016 eskaliert. Der Angeklagte sagt aus, seine damalige Freundin sei mit einem Veilchen im Gesicht nach Hause gekommen, das wohl von einem Streit mit einem Freier stamme.

"Ich habe Angst bekommen."

Die 29-Jährige hingegen erzählt, der Beschuldigte habe ihr vorgehalten, nicht genug Geld zu verdienen. Die zierliche Frau kämpft mit den Tränen. Mehrmals habe er ihr ins Gesicht geschlagen und mit einem Messer auf ihre Tasche und ihren Koffer eingestochen. Anschließend habe er die Tür abgeschlossen und sich schlafen gelegt. „Sie hätte ja die Schlüssel aus der Hosentasche nehmen können“, sagt der Verteidiger dazu, das wäre doch keine Freiheitsberaubung. Die Geschädigte informierte eine Kollegin über die Situation, die wiederum die Polizei alarmierte. Die stellte Hämatome und Kratzverletzungen fest, sagt ein Beamter aus. Fotos bestätigen das.

Als der Geschädigte zur Urteilsverkündung in den Saal geführt wird, wirft er ein Lächeln in den Zuschauerraum, in dem seine Schwester sitzt. Er sieht beinahe vergnügt aus. Als die Richterin ihn schließlich in allen Anklagepunkten schuldig spricht und zu dreieinhalb Jahren Freiheitsentzug und Wertersatz in Höhe von 43 000 Euro verurteilt, zuckt er nur mit den Schultern. (hk)
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