Nach den Silvesterübergriffen in Köln: Wie sicher fühlen sich die Augsburger?

In einem Seminar haben angehende Juristen das Sicherheitsempfinden der Augsburger und Methoden zur Kriminalprävention untersucht. (Foto: Symbolbild/ Christoph Maschke)
Wie sicher fühlen sich die Augsburger eigentlich? Könnten höhere Strafen Kriminalität vermindern? Und wie zuverlässig sind die Ergebnisse von Kriminalitätsstatistiken? Mit diesen und ähnlichen Fragen haben sich nun Jura-Studenten der Uni Augsburg im Rahmen des Seminars „Kriminalität und Kriminalprävention am Beispiel der Stadt Augsburg“ auseinander gesetzt. Die Ergebnisse hat die Uni nun online zur Verfügung gestellt.
„Verbrechensbekämpfung findet nicht nur im Rahmen der Strafverfolgung durch Polizei und Staatsanwaltschaft statt, sondern auch durch gezielte Prävention. Nicht zuletzt die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015/16 haben diesem Thema erhebliche Aktualität und Brisanz verschafft“, erklärt die Universität auf ihrer Internetseite. In Augsburg gebe es zahlreiche Akteure aus allen Bereichen der Gesellschaft, die sich dafür einsetzen, dass die Ermittlungsbehörden erst gar nicht zum Einsatz kommen müssten. Die Kriminalprävention als die Gesamtheit aller Maßnahmen, die dazu dienen sollen, kriminelle Verhaltensweisen bereits vorbeugend zu unterbinden und mögliche Entstehungsursachen für delinquentes Verhalten bereits im Keim zu ersticken, spiele in Augsburg eine wichtige Rolle.
Als Schnittstelle für die Koordination der unterschiedlichen Programme, die zur Verminderung der Verbrechensbelastung in der Stadt beitragen und das Sicherheitsgefühl stärken sollen, fungiert der Kriminalpräventive Rat Augsburg (KPR). Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Kriminologie und Sanktionenrecht war es auch der KPR, der das Seminar für die angehenden Juristen erst möglich gemacht hat.
Die Studenten haben sich unter anderem mit der Furcht der Bürger vor Kriminalität auseinander gesetzt. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass vor allem Frauen Angst haben, Opfer einer Straftat zu werden. Außerdem sei die Kriminalitätsfurcht auch abhängig davon, wie Menschen ihr Wohngebiet empfinden. „Je freundlicher und ordentlicher die eigene Wohnumgebung und je stärker der soziale Zusammenhalt der Bewohner, desto niedriger ist die Kriminalitätsfurcht“, so das Fazit der Studenten.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam 2013 auch eine Bürgerbefragung in Augsburg. Nach dem Ergebnis der Umfrage herrschte die größte Unsicherheit bei Frauen im Stadtteil Oberhausen-Süd. 59 Prozent der weiblichen Befragten gaben an, sich in Oberhausen Süd „eher sicher“ zu fühlen, wohingegen die meisten Frauen anderer Stadtteile sich „sehr sicher“ fühlen (61 Prozent). Zu nächtlicher Stunde lasse sich ein noch stärkerer Anstieg dieses Unsicherheitsgefühls beobachten. So gaben 47 Prozent der befragten Frauen an, sich in Oberhausen-Süd nachts „eher unsicher“ zu fühlen, 22 Prozent sogar „sehr unsicher“. Zum Vergleich, etwa die Hälfte der Augsburgerinnen fühlt sich, gesamtstädtisch betrachtet, „eher sicher“ in ihrem Stadtteil und nur vier Prozent fühlen sich „sehr unsicher“.
Um das Sicherheitsgefühl zu steigern, sehen die Studenten ein gutes Potenzial in sogenannten Stadtteilspaziergängen, die Bürger gemeinsam mit Experten unternehmen. Ziel dieser Touren ist es, mehr über Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten von den Bürgern direkt zu erfahren. In Augsburg hat bislang genau ein solcher Stadtteil-Spaziergang stattgefunden. 2015 waren zwei Mitarbeiter des KPR mit jugendlichen und erwachsenen Anwohnern in Oberhausen-Süd unterwegs. Dabei hätten sich wertvolle Hinweise darauf ergeben, was die Stadt tun könne, um die Lebensqualität im Viertel zu verbessern.
Tatsächlich ist die Kriminalitätsrate in Oberhausen nicht höher als in anderen Teilen Augsburgs. Das kann man zumindest der Kriminalitätsstatistik entnehmen. Doch bildet die Statistik die Realität zuverlässig ab? Auch damit haben sich die Studenten im Seminar beschäftigt. Die Statistik enthält Angaben über Art und Zahl der polizeilich erfassten Straftaten, Tatort und Tatzeit, Opfer, Schäden sowie Alter, Geschlecht und Nationalität der Täter. Damit sei sie, so das Ergebnis der Jura-Studenten, ein gutes Mittel „für vorbeugende und verfolgende Kriminalitätsbekämpfung, organisatorische Planungen und Entscheidungen“. Allerdings erlaube die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten keine Aussage über die gesamte Kriminalität. Die Dunkelziffer an Straftaten sei vermutlich deutlich höher und die Kriminalstatistik somit nicht wirklich aussagekräftig.
Wie sich die Vielzahl an Straftaten schon im Vorfeld verhindern lassen könnte, haben die künftigen Juristen ebenfalls untersucht. Vor allem wie sich schärfere Sanktionen, Videoüberwachung und die Präsenz von Sicherheitspersonal auf die Kriminalitätsrate auswirken könnten. Anhand der Ergebnisse verschiedener Studien kommen die Studenten zu dem Schluss, dass die Strafhöhe mehrheitlich keinen Abschreckungseffekt habe. Eine hohe Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden, könne dagegen durchaus eine abschreckende Wirkung haben.
Bei Videoaufnahmen sehen die Studenten vor allem das Problem, den Nutzen gegen die Wahrung der Persönlichkeitsrechte abzuwägen, denn daraus ergäben sich oftmals Konflikte. Dass Kameras manchmal sogar das Gegenteil bewirken, zeigt der Blick nach Schweden und Österreich. Dort zeigen Statistiken, dass das Sicherheitsgefühl durch Videoüberwachung nicht zugenommen, in manchen Fällen gar abgenommen hat. Allerdings halten die Studenten eine Überwachung öffentlicher Plätze trotzdem für sinnvoll, da eine Kamera Handlungen genauer erfassen könne als das menschliche Auge.
Seit 1993 gibt es in Bayern die Sicherheitswacht, die die Polizei bei der Bekämpfung von Straßenkriminalität und bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit unterstützen soll. Auch in Lechhausen, Oberhausen, dem Univiertel und dem Herrenbach-/ Schäfflerbachviertel sorgt die Augsburger Sicherheitswacht für Ordnung. Ob sich der Einsatz der freiwilligen Kräfte allerdings lohnt, ist aus Sicht der Studenten nur schwer messbar. Da es sich beim Sicherheitsempfinden um einen subjektiven Wert handle, könnten lediglich Bürgerbefragungen sichere Ergebnisse liefern. Seit Einführung der Sicherheitswacht wurde aber nur eine Umfrage durchgeführt: Diese ergab, dass das Staatsministerium und die Wächter selbst das Projekt als Erfolg einstuften, während Polizeigewerkschaften skeptisch blieben.
Neben solch eher allgemeinen Themen haben die Studenten auch konkrete Kriminalitätsphänomene unter die Lupe genommen, etwa der strafrechtliche Schutz von Prostituierten, der Umgang mit Rauschgiftkriminalität, mit Graffiti oder mit Gewalt im Fußball.
Alle Ergebnisse des Seminars finden Interessierte unter www.uni-augsburg.de/kpr-Seminar.
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