Panikattacken nach Polizistenmord: Kollegin klagt vor dem Augsburger Landgericht auf 40.000 Euro Schmerzensgeld

Der Morgen nach dem Mord an Mathias Vieth: Die Polizei durchkämmte die Gebiete Siebentischwald und Hochablass, um die flüchtigen Brüder Rudolf Rebarcyk und Raimund Mayr zu finden (Foto: Anette Liebmann)
Der Mord an dem damals 41-Jährigen Polizisten Mathias Vieth hat im Oktober 2011 ganz Deutschland erschüttert. Der zweifache Familienvater war während einer Verfolgungsjagd erschossen worden. Fünf Jahre später leidet seine Kollegin Diana K., die bei dem Schusswechsel ebenfalls verletzt wurde und einen schweren Schock erlitt, noch immer unter den psychischen Folgen und verklagt die beiden Täter nun auf 40 000 Euro Schmerzensgeld. Der Prozess beginnt heute vor dem Augsburger Landgericht.
Es war um 3 Uhr nachts am 28. Oktober 2011, als Mathias Vieth und seine damals 30-jährige Kollegin Diana K. am Kuhsee zwei verdächtige Männer beobachteten. Als die beiden Streifenpolizisten die Männer kontrollieren wollten, flüchteten diese mit ihrem Motorrad. Die Beamten forderten über Funk Verstärkung an und nahmen die Verfolgung auf. In einem Waldstück geriet das Motorrad ins Schleudern. Als die Polizisten die Verdächtigen stellen wollten, eröffneten diese das Feuer. Vieth wurde mehrfach an Hals und Kopf getroffen und verstarb noch am Tatort. K. erlitt einen Streifschuss an der Hüfte und einen schweren Schock.

Sonderkommission "Spickel"

Die Täter flüchteten zu Fuß. Die Polizei richtete die 40-köpfige Sonderkommission „Spickel“ ein und durchkämmte die Bereiche Siebentischwald und Hochablass – jedoch ohne Erfolg. Lediglich eine Schusswaffe der Täter wurde gefunden. Wenige Tage später wurden erneut beide Ufer des Kuhsees abgesucht. Zudem setzte die Polizei eine Belohnung über 5000 Euro für Hinweise aus, die „zur Aufklärung der Sache“ führen würden. Wenige Tage später wurde die Belohnung auf 55 000 Euro erhöht, Mitte November auf 100 000 Euro. Der Fall des „Augsburger Polizistenmordes“ wurde in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ ausgestrahlt, insgesamt gingen bei den Beamten mehr als 700 Hinweise ein. Doch erst am 29. Dezember 2011 gelang es der Polizei, die Flüchtigen festzunehmen.

Die Brüder Rebarcyk und Mayr

Es handelte sich bei den beiden um die Brüder Rudolf Rebarczyk, damals 56 Jahre alt, aus Lechhausen und Raimund Mayr, 58, aus Friedberg. Rebarczyk hatte bereits im Jahr 1975 den 30-jährigen Polizeibeamten Bernd-Dieter Kraus erschossen und daraufhin eine 19-jährige Freiheitsstrafe abgesessen. Bis August 2011 stand er deshalb unter Führungsaufsicht. Er galt als ausgesprochener Waffenfanatiker. Die Brüder wollten sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
Im Zuge der weiteren Ermittlungen fand die Polizei Anfang Januar 2012 ein Versteck der Brüder mit zehn Schusswaffen, darunter Kalashnikovs und mehrere großkalibrige Faustfeuerwaffen sowie einer Tasche, an der sich Blut von Mathias Vieth befand. Um die Suche nach weiteren Verstecken und Zeugen voranzubringen, folgte eine erneute Sendung des Falls bei „Aktenzeichen XY ungelöst“. Im Mai brachten die Beamten das Brüderpaar mit mehreren schweren Raubüberfällen in Verbindung.

Eine "Exekution" mit der Kalashnikov

Im August 2012 wurden Rebarczyk und Mayr wegen Mordes, versuchten Mordes, schweren Raubes und Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz angeklagt. Der Prozess gegen die Brüder begann im Februar 2013 am Augsburger Landgericht. Beide stritten alle ihnen zur Last gelegten Vorwürfe ab. Der mittlerweile 58-jährige Rebarczyk wurde ein Jahr später wegen besonderer Schwere der Schuld zu einer lebenslangen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Rebarczyk selbst bezeichnete kurz nach der Urteilsverkündung den Richter als „Rechtsbrecher“ und das Urteil als „Kloake“ und wurde des Saales verwiesen. „Zwei getötete Polizeibeamte sind wahrlich genug“, betonte das Gericht. Rebarczyk habe den 41-jährigen Polizisten förmlich hingerichtet, so der Kammervorsitzende und nannte die Tat eine „Exekution“ mit einer Salve aus einem Kalaschnikow-Schnellfeuergewehr, als der Beamte bereits angeschossen am Boden lag.
Das Verfahren gegen seinen mitangeklagten Bruder war einige Wochen zuvor abgetrennt worden, da der mittlerweile 60-Jährige aufgrund einer Parkinson-Erkrankung als vorübergehend verhandlungsunfähig galt. Im März 2015 wurde auch er zu lebenslanger Haft verurteilt, allerdings ohne anschließende Sicherungsverwahrung.

40 000 Euro Schmerzensgeld

Für Diana K. jedoch war der Fall mit der Verurteilung der Brüder freilich nicht erledigt. Zwar wurde sie bei dem Schusswechsel mit Rebarczyk und Mayr nur leicht verletzt, doch sie musste mitansehen, wie ihr Kollege starb und war am Tatort auf sich allein gestellt. Bis heute leide sie, laut Klage, deshalb an einer posttraumatischen Belastungsstörung und Panikattacken. Ihren Beruf als Polizistin kann sie nicht mehr ausüben. Sie fordert von den Tätern nun 40 000 Euro Schmerzensgeld.
Der Prozess beginnt heute vor dem Landgericht. Die Brüder werden vorerst nicht vor Gericht erscheinen, sie lassen sich durch ihre Anwälte vertreten. Während des Mordprozesses hatten die beiden die Vorwürfe abgestritten und keine weiteren Angaben dazu gemacht. Das Gericht hatte sie aufgrund von Indizien wie DNA-Spuren verurteilt. Vor dem Zivilgericht könnte nun auch die Schuldfrage erneut aufgerollt werden. Ob die Brüder dann doch erneut aussagen müssen, steht noch nicht fest.

(Von Kristin Deibl)
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