Prozess gegen "Oldschool Society": Rechter Terror oder Neonazi-"Babbelei"?

Vor dem Münchner Oberlandesgericht wird derzeit der mutmaßlich rechtsterroristischen Organisation "Oldschool Society" der Prozess gemacht. Ihr Rädelsführer soll ein 57-jähriger Maler aus Augsburg sein. (Foto: tom_u 123rf.de)
 
Schauriges Logo: So präsentierte sich die „Oldschool Society“ auf Facebook. Nun gibt es ein neues Profil - mit der Kategorie „Vorschule“. Foto: Screenshot

Vor einem Jahr nimmt die Polizei den mutmaßlichen Anführer der rechtsextremen Gruppe „Old School Society“ in Augsburg fest. Andreas H. und drei seiner Mitstreiter wird derzeit in München der Prozess gemacht. Der Vorwurf: Gründung einer rechtsterroristischen Organisation und Vorbereitung von Anschlägen. Als „Babbelei“, tut das Andreas H ab. Wie gefährlich war die Gruppe?

Der Totenkopf lacht noch immer von einem Profil im sozialen Netzwerk Facebook. Eingerahmt von blutbesudelten Fleischerbeilen, umrankt vom altertümelnden Schriftzug „Oldschool Society“ und flankiert von Blitzen, die an die Runen der SS erinnern. Der alte Facebook-Auftritt mit den hetzerischen Veröffentlichungen – meist Artikel über Asylbewerber, die hämisch und gewaltverherrlichend kommentiert wurden – ist freilich gelöscht worden, nachdem die Mitglieder der Gruppierung vor gut einem Jahr festgenommen wurden.

Kurz darauf wurde jedoch ein neues Profil erstellt, es firmiert unter der Kategorie „Vorschule“. Ob das nun als makabere Aktion von Kameraden der Verhafteten oder von Sich-Drüber-Lustigmachern satirisch gemeint ist, ist unklar. Klar ist jedenfalls, dass vier der etwa zehn Mitglieder derzeit schwerwiegendere Probleme haben. Seit April muss sich das Quartett vor dem Oberlandesgericht München verantworten.


Augsburger war "Präsident" der Gruppierung und nennt alles "Babbelei"



Die Bundesstaatsanwaltschaft wirft ihm die Gründung einer rechtsterroristischen Vereinigung sowie die Vorbereitung von Sprengstoffanschlägen vor.

Es sei alles nur „Babbelei“ gewesen, widersprach am Dienstag Andreas H. den Anschuldigungen. Der 57-jährige Augsburger soll der Rädelsführer gewesen sein, fungierte als „Präsident“ der Gruppierung. Vielleicht ist es deshalb gerade er, der sich gegenüber dem Vorsitzenden Richters Reinhold Baier als Einziger zu den Vorwürfen äußerte.

Dummes Gerede also soll es gewesen sein, was die Ermittler aus Chats und Telefonaten der „Oldschool Society“ abgegriffen haben. „Schreckliche Sachen“, wie es Andreas H. ausdrückte. Er sei sich bewusst, wonach das alles aussehe, aber „tun, machen, selber“, beteuerte er, „nein, nie, nie“.


Staatsanwaltschaft: Gruppe wollte Böller mit Nägeln in Asylheime werfen


Dass die Einsatzkräfte im Zuge der Festnahme insgesamt 72 Böller mit großer Sprengkraft bei zwei der Mitangeklagten fanden, deutet jedoch auf mehr hin als bloßes Geschwätz. Der Plan soll gewesen sein, die Böller mit Nägeln zu bestücken und durch die Fenster eines Asylheims zu werfen. So sieht es die Staatsanwaltschaft.


Verfassungsschutz spricht von "dumpfen Personen ohne hohe Intelligenz"


Und so deutete es auch der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz im Mai des Vorjahres. „Ihre Planungen waren so weit fortgeschritten, dass man eingreifen musste“, hatte dessen Chef Burkhard Freier der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" gesagt und ergänzt: „Es handelt sich bei ihnen um Personen, die nicht über eine hohe Intelligenz verfügen, sondern eher dumpf sind.“

Einsatzkräfte der Spezialeinheit GSG 9 nahmen Andreas H. schließlich im Augsburger Stadtteil Bergheim fest. Just vor dem zweiten Treffen, das die Gruppe anberaumt hatte.

Andreas H.: Gräberpflege statt Anschläge


Kriegsgräber säubern, T-Shirts drucken, solche Sachen; darüber hätten sie während der ersten Zusammenkunft, der Gründungsveranstaltung, gesprochen. „Planlos“, wie Andreas H. nun vor Gericht sagte, und vor allem harmlos. Eines der Gesellschaftsmitglieder sei letzten Endes mit dem Sanka abtransportiert worden – wegen einer Alkoholvergiftung.

Anschläge gegen Salafisten, Moscheen und Flüchtlinge jedenfalls seien keine ausgeheckt worden. Wenngleich der Maler einräumte, dass es ihn durchaus aggressiv gemacht habe, wenn Arbeiter aus Osteuropa seine Arbeitsangebote deutlich unterboten hätten. "Wenn man dann sagt 'der scheiß Ausländer', dann wird man gleich in die rechte Ecke abgestempelt", klagte der 57-Jährige.


Waffen-SS-Ring am Finger, aber "kein Nazi"


„Ich bin kein Nazi, werde nie einer sein“, möchte Andreas H. daher vor Gericht klarstellen. Auch wenn er mal Mitglied der NPD war. Auch wenn er zum ersten Treffen im Mercedes mit Kroko-Ausstattung angereist war - die Gaspistole in der Tasche, den Waffen-SS-Ring am Finger. Wichtigtuerei, nichts weiter, sagt der Augsburger, in dessen Wohnung weitere Nazi-Devotionalien sichergestellt worden waren.

NSU-ähnliche Organisation oder plumpe Neonazi-Poser?


Für Innenminister Thomas de Maizière jedenfalls reichte all das aus, um vor einem Jahr festzustellen, dass man die Gründung einer weiteren rechtsextremen Terrororganisation ähnlich dem NSU verhindert habe. Ob die „Oldschool Society“ – die mit all dem Nazi-Krempel und dem plakativen Facebook-Auftritt alles andere als Untergrund war – tatsächlich ein solches Potenzial barg, wird womöglich der Prozess zeigen.

Am 1. Juni soll er fortgesetzt werden und bis Oktober dauern. Im selben Gebäude, in dem der Fall Beate Zschäpe verhandelt wird.
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