Prozess um Falschsitzer: Mainzer Fans in der Augsburger Arena im falschen Block

Das Augsburger Amtsgericht musste sich mit elf Mainzer Fußballfans beschäftigen, die in der WWK Arena beim Spiel des FC Augsburg gegen den FSV Mainz 05 den Sitzplatzbereich enterten. (Foto: ©tom_u-123rf.com)

Elf Angeklagte, ein mehr als drei Stunden langer Gerichtsprozess und jede Menge Paragrafen: Nein, am Augsburger Amtsgericht wurde kein spektakuläres Kapitalverbrechen verhandelt. Der Prozess drehte sich um eine Horde Mainzer Fußballfans, die statt zu stehen lieber sitzen wollte.

Die elf Anhänger des FSV Mainz sitzen in Pullover und Hemd, einige von ihnen neben ihren Anwälten im Saal. Den Männern wird Hausfriedensbruch vorgeworfen: Am 18. September vergangenen Jahres wechselten sie zehn Minuten vor Anpfiff des Bundesligaspiels des FC Augsburg gegen den FSV Mainz gemeinsam mit mehr als 90 anderen Schlachtenbummlern vom Stehplatzbereich X der Gäste in den Sitzplatzbereich Y, ohne die dafür gültige Eintrittskarte zu besitzen. Der vorläufige Strafantrag lautet auf 25 Tagessätze zu je 40 Euro.
Die Angeklagten legten Einspruch ein. „Es war eine dumme Entscheidung“, spricht einer der Verteidiger für seinen Mandanten. Die Gruppe sei über einen Zaun, das sogenannte „Mundloch“, geklettert und habe sich auf freien Sitzschalen breit gemacht, blickte der Anwalt zurück. Zwar forderte das Sicherheitspersonal sie mehrmals auf, den Sitzbereich zu verlassen – die Falschsitzer weigerten sich jedoch.
Am Ende des Spiels wurden von 103 Stehplatzverweigerern die Personalien notiert. Sie erhielten Post von der Polizei. Einige mussten ein Bußgeld von 150 Euro zahlen, andere mussten sich hingegen vor Gericht verantworten.
Nachdem keiner der anderen Angeklagten etwas hinzuzufügen hat, beginnt die zehrende Kleinstarbeit. Die Staatsanwaltschaft liest die Einträge aus dem Bundeszentralregister vor – Sachbeschädigung, Schwarzfahren, Betäubungsmittel und Körperverletzung. Dann wird aussortiert. Richterin und Staatsanwalt beschließen, wer keine Einträge hat, dessen Verfahren wird eingestellt und er muss eine Geldstrafe von 150 Euro an die „Brücke“ zahlen. Für fünf von elf Angeklagten ist der Prozess beendet. Dann ist erstmal Pause.
Danach geht das juristische Gefriemel weiter. Bei den übrigen sechs Männern dreht es sich nun um Beruf, Einkommen, Schuldenstand, Familienstatus sowie darum, ob sie noch bei ihren Eltern leben und ob diese getrennt sind. Auf dieser Basis wird weiter differenziert, Tagessätze festgelegt, Verfahrenskosten auferlegt. Zwischen 200 und 600 Euro müssen die Fans berappen.
Doch die Verhandlung ist noch immer nicht zu Ende. Ein Angeklagter bleibt übrig. Derjenige der mehrmals aussagte: „Ich habe den Block nicht gewechselt.“ Er habe mit einer Fahne vom FSV Mainz 05 im Stehbereich gestanden, beharrt er. Er sei lediglich der Fahrer für einige der Falschsitzer gewesen. Trotzdem habe ihn die Polizei eine Stunde lang befragt, sagte der 24-Jährige aus.
Daraufhin wird ein Polizist gehört, der bestätigt, dass ein Video existiere, auf dem man den kompletten Gäste-Fanblock sieht. „Da bin ich drauf zu sehen – mit meiner Fahne“, bricht es aus dem Angeklagten heraus. Schließlich spricht die Richterin ihn frei – ohne das Video gesichtet zu haben. Vielleicht hat auch sie das Prozess-Ende herbeigesehnt.
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