Rasierer-Dieb rastet aus: 37-Jähriger geht in Augsburg auf Filialleiter und Polizisten los

Der 37-Jährige war zum Tatzeitpunkt alkoholisiert und stand unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. Wie er angibt, habe er keine Erinnerung an den Vorfall. (Foto: tom_u-123rf.com/ Symbolbild)

Der Angeklagte wird von zwei Beamten in den Sitzungssaal geführt. Er trägt ein graues Sweatshirt und eine blaue Arbeitshose, seine Augen liegen tief in den Höhlen. Beschuldigt wird der 37-Jährige, im August des vergangenen Jahres einen Elektro-Rasierer aus einem Drogeriemarkt entwendet und den Filialleiter, dem der Diebstahl aufgefallen war, attackiert zu haben, als dieser ihn verfolgte. Im weiteren Verlauf soll er zudem einen Polizeibeamten beschuldigt haben, er habe ihm „die Fresse blutig geschlagen“ sowie einen weiteren körperlich angegriffen.

„Folgendes“, beginnt der Angeklagte und erklärt, er könne sich an den Vorfall nicht erinnern. Der Vater einer Tochter nimmt seit er zwölf Jahre alt ist regelmäßig Drogen. Eingestiegen sei er mit Cannabis, später kamen Ecstasy, LSD, Amphetamine, Benzodiazepine und Heroin dazu. Parallel ist er alkoholabhängig. Am 3. August war der Angeklagte ebenfalls alkoholisiert, morgens hatte er zudem seine tägliche Dosis Methadon genommen, das als Substitution für Heroin dient. Der Ablauf der Tat kann nur mit Hilfe der anwesenden Zeugen rekonstruiert werden, der 37-Jährige hält daran fest, keine Erinnerung zu haben.

Hauptzeuge ist an Demenz erkrankt

Doch auch die Zeugenbefragung gestaltet sich als schwierig. Der 66-jährige ehemalige Filialleiter des Drogeriemarktes, der den Angeklagten damals gestellt hatte, ist an Demenz erkrankt, den 37-Jährigen erkennt er nicht wieder. „Wir wollen Sie nicht quälen“, betont der Sachbearbeiter, als der Rentner trotz allem befragt wird. Nach kurzer Zeit kann er sich an wenige Details der Tat erinnern, die mittlerweile ein halbes Jahr zurückliegt. Er habe beobachtet, wie der 37-Jährige einen Rasierer entwendete. Dann habe er den Angeklagten auf die Straße verfolgt, als dieser die Flucht ergriff.
Als der Ladendieb erkannte, das er verfolgt wurde, nahm er Geschwindigkeit auf, kam aber wenig später zu Fall. Der 66-Jährige wollte ihm daraufhin aufhelfen, woraufhin der Dieb begonnen habe, mit den Fäusten auf den Filialleiter einzuschlagen. Letzterem gelang es jedoch, die Schläge abzuwehren und den Angeklagten zurück zum Drogeriemarkt zu begleiten. Dort setzt die Erinnerung des Rentners aus. „Ich weiß von dem Tag so wenig wie Sie, nur das ich selber Schuld bin“, wendet sich der 37-Jährige an den Zeugen und fügt hinzu: „Es tut mir echt leid.“

Angeklagter Bestand darauf von dem Beamten geschlagen worden zu sein

Im Geschäft übernahm den Fall von Diebstahl ein Mitarbeiter, der ebenfalls als Zeuge geladen ist. „Der Angeklagte war auf Drogen“, sagt dieser bestimmt, deshalb habe er sofort die Polizei hinzugezogen. Bis die Beamten eintrafen, habe sich der Angeklagte „manchmal renitent“ verhalten und sich gegen seine Anweisungen eine Zigarette gedreht. Auch nachdem die Polizisten hinzugekommen waren, sei der Ladendieb „frech“ gewesen und die Situation habe sich langsam hochgeschaukelt.„Schauen Sie mich nicht so dumm an mit Ihrem Scheiß-Kaugummi“, soll er einen der Beamten angefahren haben.
Wie alle drei Zeugen bestätigen, ging der 37-Jährige schließlich mit den Worten „Jetzt ziehe ich andere Saiten auf“ auf den Polizisten zu. Man habe ihn daraufhin in einen Armhebel genommen und ihm die Hände gefesselt. Dabei kam der Beschuldigte mit dem Oberkörper auf einem Tisch zum Liegen, was er zum Anlass nahm, denselben Polizeibeamten zu beschuldigen, er habe ihm „die Fresse blutig geschlagen“. Wie mehrere Zeugen bestätigen, hatte der Angeklagte zum Tatzeitpunkt mehrere Verletzungen im Gesicht. Allerdings seien diese schon da gewesen, bevor die Polizisten überhaupt eintrafen, versichert der Filialmitarbeiter mehrfach. Auch der Angeklagte selber nimmt die Anschuldigung vor Gericht zurück. Ein anderer Insasse habe ihm nach seiner Verhaftung mitgeteilt, dass er ihn am Vormittag desselben Tages dabei beobachtet hätte, wie er sich am Königsplatz mit einem „Mitjunkie“ geprügelt habe. „Ich war damals felsenfest überzeugt, ich wäre von dem Beamten geschlagen worden“, erklärt der 37-Jährige seine ursprüngliche Aussage.

Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre und zwei Monate Freiheitsentzug

Seit zehn Jahren wechsle er zwischen Haft-Aufenthalten und einem Leben auf der Straße, erzählt der Familienvater. Zu seiner Tochter hat er kaum Kontakt, sie ist mittlerweile 15 Jahre alt und besucht ihn ab und zu am Königsplatz. Auch die Beziehung zu seinen Eltern ist schwierig, die Mutter brach den Kontakt nach einer Überdosis ihres Sohnes vor einigen Jahren ab. Er hat 18 Eintragungen im Bundeszentralregister, davon zahllose wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln. Mehrmals war er bereits in Entziehungsanstalten untergebracht. Nach diesem Verfahren wolle er freiwillig eine offene Therapie machen, sagt er.
Der anwesende Sachbearbeiter erklärt, der Angeklagte sei „sozial depraviert“ und spricht sich daher gegen einen Aufenthalt in einer geschlossenen Entzugs-Einrichtung aus. Die Staatsanwaltschaft fordert die Einweisung in eine solche Entziehungsanstalt auch nicht, Bewährung schließt sie allerdings ebenfalls aus und legt sich auf eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten fest. Die Verteidigung hingegen tut den Vorwurf der Verleumdung als „Irrtum“ des Angeklagten ab und hält eine Strafe von einem Jahr und vier Monaten für ausreichend. Sie betont zudem, dass eine Therapieform gefunden werden müsse.
„Was macht man mit Ihnen?“, leitet die Richterin wenig später das Urteil ein. Entgegen des Plädoyers der Verteidigung spricht sie den Angeklagten in allen Anklagepunkten schuldig und verhängt zwei Jahre Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Er solle die Zeit nutzen, um „an sich zu arbeiten“. Nachdem das Urteil rechtskräftig sei, wäre eine Therapie immer noch möglich. Ein letztes Wort wollte der 37-Jährige nicht sprechen: „Ich bin gerade ganz geschockt“, sagt er und zupft an den Ärmeln seines Sweatshirts.
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