Spanner am See

Ein Studiendirektor hat ein Pärchen mit einem Nachtsichtgerät beim Friedberger Baggersee beobachtet. Der 77-Jährige muss nun wegen Beleidigung eine Geldstrafe von 3000 Euro bezahlen.

Ende Oktober vergangenen Jahres tauschte ein Pärchen auf dem Parkplatz am Nordufer des Friedberger Baggersees in einem BMW Zärtlichkeiten aus. Es war bereits dunkel, die beiden wähnten sich ungestört - bis dem jungen Romeo ein rotes Licht auffiel. Es schien an einem Nachtsichtgerät, durch das ein 77 Jahre alter, pensionierter Studiendirektor die Umgebung betrachtete. "Ich unternahm an dem See eine Wanderung", behauptet dieser. Das Pärchen jedoch fühlte sich ganz klar von einem Spanner belästigt. Und deshalb hatte sich der ehemalige Lehrer jetzt wegen Beleidigung vor dem Aichacher Amtsrichter Axel Hellriegel zu verantworten.

Staatsanwalt Markus Kolbe warf dem Studiendirektor i.R. vor, er habe von seinem Wagen aus das Paar beobachtet und dabei onaniert. Als der junge Mann ihn bemerkte und zur Rede stellte, habe er diesen als "Scheiß Ausländer" tituliert. Deshalb erreichte den Lehrer wegen Beleidigung ein Strafbefehl über 50 Tagessätze zu je 60 Euro, also 3000 Euro Geldstrafe. Dagegen legte er Einspruch ein, so dass es zur öffentlichen Verhandlung kam.

Der alte Herr erklärte vor Gericht, die Vorwürfe gegen ihn seien allesamt "rundweg falsch und mit unglaublicher Unverschämtheit gelogen." Niemals habe er den jungen Mann derart beleidigt. Solche Worte gehörten nicht zu seinem Sprachschatz, und er habe ja überdies gar nicht wissen können, ob der Mann "in Deutschland geboren und damit gar kein Ausländer ist". Der Angeklagte hatte ein längeres Schreiben an das Gericht verfasst und darin seine Sicht der Dinge geschildert. Als Richter Hellriegel ihm erklärte, er müsse dennoch mündlich Stellung beziehen, setzte er seine Brille auf und verlas seinen Brief. Etwas wirr berichtet er darin, die Fenster des Autos, in dem das Pärchen saß, seien beschlagen gewesen, deshalb habe er gar nichts erkennen können. Zudem habe er davon einigen Abstand gehalten. Der junge Mann habe ihn zunächst beschuldigt, Handyfotos gemacht zu haben, dabei besitze er gar kein Mobiltelefon, mit dem man auch fotografieren kann. Da sehe man doch schon, dass der "Kläger" unglaubwürdig sei, so der Pensionist.

Er erklärte, er habe sich auf der Liegewiese aufgehalten, als plötzlich der junge Mann aufgetaucht sei, ihn mit seiner Taschenlampe geblendet, ihn beschimpft sowie getreten habe. "Das ist ein klarer Fall von Körperverletzung, und der Kläger hat sich weiterer Delikte schuldig gemacht!" Dieser habe sich nämlich zu ihm ins Auto gesetzt - Hausfriedensbruch - und ihn dadurch so erschreckt, dass "ich beim Anfahren leicht hätte in Panik geraten und in ein parkenes Fahrzeug prallen können." Darin erkennt der 77-Jährige, der sich nicht anwaltlich vertreten ließ, einen "gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr." Er berichtete, er habe seinerseits Anzeige erstattet, auch wegen Beleidigung und Verleumdung. "Ich habe schließlich das Nachtsichtgerät gehalten, ich hatte gar keine Hand frei, um an meinem Geschlechtsteil zu manipulieren."

Auf die Frage, was er, der in einem Ort westlich von Augsburg lebt, denn um 18.30 Uhr am Friedberger Baggersee wollte, antwortete der ehemalige Studiendirektor, er gehe gern bei Dunkelheit an Seen wandern, und dort, wo er lebe, gebe es keine. Das Nachtsichtgerät habe er bei einem Discounter gekauft, weil bei ihm und in seiner Nachbarschaft so viel eingebrochen worden sei und die Polizei außerstande, die Täter zu schnappen. Da habe sich eben eine Art Bürgerwehr gebildet. An dem Tattag sei er zufällig am Friedberger See gewesen und habe das Gerät mal ausprobieren wollen. Allerdings fand die Polizei in seinem Auto noch zwei Feldstecher und ein Fernglas. Diese Geräte brauche er zum Opernbesuch und für Fußballspiele, sagte der Angeklagte.

Schon zweimal von der Polizei im Gebüsch erwischt


Axel Hellriegel fragte nach, was er denn dazu zu sagen habe, dass ihn die Polizei schon zweimal mit dem Nachtsichtgerät im Gebüsch versteckt beziehungsweise auf dem Parkplatz am Friedberger Baggersee sowie am Kuhsee erwischt habe, im März und im Mai 2014? Daran könne er sich nur vage erinnern, wiegelte der 77-Jährige ab, persönlich angesprochen worden sei er nie. Wie die Angelegenheiten dann im Polizeicomputer gelandet waren, wusste er nicht zu beantworten.

Nach diesen Einlassungen fragte ihn Richter Axel Hellriegel nach seinen monatlichen Einkünften und erfuhr von 3100 Euro netto, nach Abzug des Unterhalts für die Exfrau, sowie der Existenz eines hypothekenfreien Eigenheims. "Wenn ich am Ende der Verhandlung zu der Überzeugung komme, dass Sie schuldig sind, wird die Strafe viel höher", warnte er daraufhin den Angeklagten. Der Strafbefehl impliziere ein Geständnis, außerdem sei darin ein viel geringeres Einkommen angenommen worden. Richtig sei statt eines Tagessatzes von 60 Euro einer von mindestens 120 Euro. Dass die Strafe auch höher ausfallen könnte, verblüffte den 77-Jährigen. Er ging kurz in sich und kommentierte die Fürsorglichkeit des Richters: "Sie haben mich in eine Zwangsjacke gesteckt! Ich hätte mir den ganzen Scheiß nicht antun müssen! Ich hatte schlaflose Nächte!" Sodann meinte der ehemalige Studiendirektor, er werde "zähneknirschend" den Strafbefehl akzeptieren und dass "dieser Schnösel" - damit meinte er den junge Mann, der ihn angezeigt hatte - "hier kalt lächelnd raus geht!"
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