Tinnitus nach Mordprozess: Michael Herrmann will Schmerzensgeld vom Mörder seiner Schwester

Michael Herrmann (rechts) fordert vom Mörder seiner Schwester 20 000 Euro Schmerzensgeld. Begleitet vor Gericht wird er mit seinem Landsberger Rechtsanwalt Joachim Feller. Foto: Alfred Haas

Augsburg (al) Die Entführung von Ursula Hermann vor 35 Jahren gehört wohl zu den spektakulärsten Kriminalfällen in der Bundesrepublik und beschäftigt die Justiz immer noch. Vom Mörder seiner Schwester will Michael Herrmann ein Schmerzensgeld in Höhe von 20 000 Euro. Darüber muss jetzt die Zivilkammer des Augsburger Landgerichts unter Vorsitz von Harald Meyer entscheiden.

Der Täter wurde erst 2008 in Kappeln in Schleswig-Holstein verhaftet. 2010 verurteilte ihn das Augsburger Landgericht nach einem Indizienprozess wegen Räuberischer Erpressung mit Todesfolge zu einer lebenslangen Haftstrafe.

Michael Herrmann führt an, dass er im zeitlichen Zusammenhang mit dem Mordprozess und wegen dessen psychischer Belastung einen Tinnitus erlitten habe. Als Musiker und Musiklehrer sei er dadurch stark beeinträchtigt. Am Donnerstag hatte vor der Zivilkammer des Augsburger Landgerichts ein Gutachter das Wort. Bis Dr. Ralph-Michael Schulte seine Ausführungen beginnen konnte, dauerte es aber ein wenig. Joachim Feller, Rechtsanwalt von Herrmann, rügte zunächst die Einvernahme des Sachverständigen. Das sei seiner Ansicht nach nicht nötig, da die Ursächlichkeit der Tat und die Beteiligung des Klägers nicht bestritten worden seien. "Zwischen der Tat und der Krankheit ist sehr viel Zeit vergangen", stellte der Vorsitzende Richter fest. Deshalb sei zur Abklärung das Sachverständigengutachten zulässig, wies Meyer den Einwand ab.

Die Aufregung von Joachim Feller war umsonst. Dr. Schulte, unter anderem Spezialist für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie bestätigte die Angaben von Michael Herrmann voll umfänglich. Depressionen, neurologische oder psychiatrische Grundlagen, die zur Erkrankung des 52-Jährigen hätten führen können, konnte Schulte, der auch Ärztlicher Direktor im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg in Baden Württemberg ist, nicht feststellen. Ursachen für den Tinnitus seien eindeutig psychosomatische Ereignisse. "Die Festnahme des Beklagten 2008, die Einarbeitung in die Strafakten und die Belastung des Verfahrens waren ausschlaggebend für den Tinnitus", ließ Schulte keine Zweifel aufkommen. Dass die Krankheit erst so spät auftrat, ist für den Spezialisten "eine Art der Trauerverarbeitung". Manches, was seit langer Zeit verdrängt worden sei, werde durch einen Anlass wieder aktuell.

Für den Mandanten von Rechtsanwalt Walter Rubach, Werner Mazurek, bedeutet das Gutachten zunächst noch gar nichts. Erst wenn auch das Gericht einen direkten Zusammenhang bestätigt, sieht er eine Chance zur erneuten Beweisaufnahme. "Das wäre der Idealfall." Argumente für eine strafrechtliche Wiederaufnahme des Verfahrens, das Rubach parallel zu diesem Prozess ansteuert, sind es allemal.

Bei der Klage ging es Michael Herrmann nicht allein ums Schmerzensgeld. Vielmehr sollte der Zivilprozess Zweifel ausräumen, ob es sich bei Werner Mazurek um den wahren Täter handle. Der 66-Jährige, der in Lübeck im Gefängnis sitzt, bestreitet bis heute die Tat. Nach seinen jahrelangen Recherchen zum Fall zweifelt auch Michael Herrmann eher daran, dass der richtige Täter geschnappt wurde.

Am 15. September 1981 war die zehnjährige Schülerin Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee mit dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg gewesen. Dort kam sie aber nie an. Der Entführer steckte das Kind in eine Kiste, die in der Erde vergraben war. Weil sich das Lüftungsrohr mit Laub verstopfte, erstickte das Mädchen bereits nach wenigen Stunden grausam. Obwohl Ursula Herrmann schon tot war, forderte der Erpresser noch ein Lösegeld in Höhe von zwei Millionen Mark.

Das Urteil wird am 16. Februar 2017 im Sitzungssaal 106 am Alten Einlass gesprochen.
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