Tötung auf Verlangen: Ärztin sagt aus

Das Landgericht Augsburg hat gestern die Verhandlung wegen "Tötung auf Verlangen" fortgesetzt. Der Richter hat acht weitere Zeugen befragt. Auch der angeklagte Vater, der seinen behinderten Sohn getötet hat, war wieder bei der Verhandlung dabei. Foto: StaZ/Archiv

Das Landgericht Augsburg hat gestern die Verhandlung wegen "Tötung auf Verlangen" fortgesetzt. Der Richter hat acht weitere Zeugen befragt. Auch der angeklagte Vater, der seinen behinderten Sohn getötet hat, war wieder bei der Verhandlung dabei.

"Er hat ihn geliebt, wie jeder andere Vater seine Kinder liebt", antwortete ein Nachbar des Angeklagten auf die Frage des Richters, wie er das Verhältnis des Vaters zu seinem Sohn einschätze. Der Kontakt zum Angeklagten sei jedoch nach dem Tod seiner Frau stark zurück gegangen. Seitdem habe er sich immer mehr zurückgezogen.

Auch an dem behinderten Sohn der Familie ging der Tod seiner Mutter nicht spurlos vorbei. Immerwieder soll er gesagt haben: "Ich möchte zu meiner Mama", berichtete eine andere Nachbarin. Das habe sie aus einem Gespräch mit einer Pflegekraft erfahren, die dem Angeklagten nach dem Tod seiner Frau bei der Pflege des Sohnes geholfen hat. Der Zustand habe sich in den vergangenen Jahren sehr verschlechtert. Zuletzt war er bis zur Zunge gelähmt. Darunter habe er sehr gelitten. Depressionen und Suizidgedanken gehörten zur Tagesordnung.

Für den 77-jährigen Mann wurde die Pflege zu einer immer größeren Belastung. Auch seine Tochter hat den enormen Druck, der auf ihrem Vater lastete gespürt und habe sich deswegen um eine Unterbringung in einer Wohngemeinschaft für ihren Bruder bemüht.

Die Staatsanwaltschaft rief gestern unter anderen die Leiterin eines Heims in den Zeugenstand, an das sich der Vater und seine Tochter gewendet haben. Das Heim konnte jedoch den hohen Pflegebedürfnissen - der Sohn muss in der Nacht mehrmals verlagert werden - nicht gerecht werden. Sie bot ihnen aus diesem Grund einen vorläufigen Platz an, bis sie schließlich einen dauerhaft geeigneten Pflegeplatz finden würden.

Die Zeugin sprach von einer "Ambivalenz" in der sich der Vater befand. Einerseits wollte er seinen Sohn gut versorgt wissen, andererseits war er nicht mehr in der Lage sich richtig um ihn zu kümmern. "Es war Verzweiflung zu spüren", erklärt sie. Je konkreter schließlich das Angebot wurde, desto unruhiger sei der Vater geworden. Schlussendlich entschied er sich gegen das Heim.

Neben der Heimleiterin war auch die Ärztin des Verstorbenen als Zeugin geladen. Sie übernahm in der Ulrichswerkstätte, in der der behinderte Sohn damals war, die psychiatrische Betreuung. Dort sei er zunehmend verhaltensauffällig geworden. Gemeinsam mit der Familie des Verstorbenen führten sie ein Gespräch. Der Sohn zeigte sich dort jedoch unkooperativ, war aggressiv und habe geschrien. Die Depression ihres Bruders sei noch nie so schlimm gewesen, erklärte die Tochter des Angeklagten damals der Ärztin. Auf Wunsch der Tochter hat die zuständige Ärztin ihn noch am selben Tag in das Bezirkskrankenhaus in Ursberg eingewiesen. Dort wurde besonders die Me­di­ka­ti­on umgestellt.

"Um ihn vor der neuen Lebenssituation zu schützen", wurde ihm ein neues Antidepressiva verabreicht. Seitdem habe sich der Zustand gebessert. Auch aktiv sei er auf die Ärztin zugegangen und habe sich auch positiv über die Zukunft geäußert. Er könne sich zwar vorstellen irgendwann in ein Wohnheim zu kommen, jedoch wolle er so lange als möglich bei seinem Vater wohnen bleiben. Das ging aus persönlichen Gesprächen hervor, die durch die zunehmende Lähmung sehr schwierig gewesen seien. Über mögliche Suizidgedanken und die starke Depression wurde mit dem Patienten damals nicht gesprochen.

Der Vater hatte große Angst, dass ihm die Vormundschaft für seinen Sohn entzogen würde. Die Zeugin sprach von einer "gegenseitigen Abhängigkeit" der beiden. Der behinderte Sohn "strahlte übers ganze Gesicht, als er erfuhr, dass er zurück nach Hause darf", erzählte die Ärztin. Das war ein Tag vor der Tat. Als ihm sein Vater Beruhigungstabletten gab und sich gemeinsam mit ihm das Leben nehmen wollte.

Es sind noch zwei weitere Verhandlungstage geplant, in denen das Gericht weitere Zeugen befragen wird. Dann wird schließlich entschieden, ob der Vater für die Tötung seines Sohnes bestraft wird.
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