Vanessa-Prozess: Auch die Mutter von Mordopfer Nora verfolgt die Verhandlungen

Der Prozess um die nachträgliche Sicherungsverwahrung des Vanessa-Mörders Michael W. wird nicht nur von Mitgliedern von Opferschutzverbänden genau beobachtet und bewertet. Auch Angehörige von Opfern selbst begleiten den Prozess von Anfang an sehr genau. Ein Beispiel dafür ist die Augsburgerin Roswitha Belabbes. Ihre 18-jährige Tochter Nora wurde im Dezember 2007 brutal zusammengeschlagen, sexuell missbraucht und anschließend erwürgt.

Dem Prozess gegen den Vanessa-Mörder persönlich beizuwohnen sei ihr emotional nicht möglich, meint sie. Die Zeit verheile – ganz im Gegensatz zum Volksmund – nämlich nicht alle Wunden.

Roswitha Belabbes stößt beim Prozess gegen Michael W. vor allem auf, dass der Täter „von allen Seiten“ geschützt werde. „Er wird geradezu hofiert“, ärgert sie sich. Diese penible Rücksichtnahme, ja kein falsches Wort zu verwenden, und alles zum Schutze seiner Persönlichkeitsrechte zu tun, sei schon äußerst bemerkenswert.

Die Mutter der ermordeten Nora sieht dagegen zu hohe Erwartungen des Täters an die Gesellschaft. „An die Gesellschaft stellen sich dann nämlich einige Fragen: Ist es für diese zumutbar, dass sich ein Mörder in Freiheit beweisen soll – ob er nochmal tötet oder nicht? Möchte noch eine Mutter oder Familie ihr Kind verlieren? Will die Gesellschaft diesem Risiko ausgesetzt sein? Das ist ein sehr hoher Preis, der da abverlangt wird.“

Roswitha Belabbes bedauert, dass die Angehörigen von Opfern diese Möglichkeit nicht hätten. „Wir müssen von Anfang an selbst lernen, uns zu bewähren und mit dem Schicksal klar zu kommen.“ Und nach einigen Sekunden: „Wir, die Angehörigen von Opfern, haben keine Wahl!“

Die Augsburgerin verweist auch darauf, dass Täter nahezu als Selbstverständlichkeit Forderungen und Erwartungen an die Gesellschaft stellen. Dabei lasse sich nur mit viel Energie, Kraft, Zeit und auch Geld eine zweite Chance für den Täter in der Gesellschaft ermöglichen. „Keine Überlegungen werden allerdings angestellt, uns, den Angehörigen von Opfern, oder Opfern selbst, eine zweite Chance zu geben.“ Belabbes: „Mit dieser zweiten Chance sind die Opfer ohne Gesellschaft und juristischen Beistand auf sich alleine gestellt.“ Staatsanwälte, Richter, Anwälte, die Justiz allgemein, Gutachter und Therapeuten – alle würden sich immens um die Täter bemühen. „Doch wer bemüht sich um uns in dieser Intensität?“, fragt sie enttäuscht.

Roswitha Belabbes Tochter Nora wurde nur ein paar Jahre älter als die zwölfjährige Vanessa aus Gersthofen. Der 17-jährige Maurerlehrling Christian G. aus Königsbrunn hatte die Auszubildende aus dem Augsburger Stadtteil Haunstetten überfallen und mit Fußtritten gegen Kopf und Gesicht schwer verletzt. Anschließend vergewaltigte und erwürgte er die 18-Jährige. Polizisten sprachen von einem der brutalsten Morde in der jüngsten Geschichte der Augsburger Gewalttaten.

Christian G. wurde vor der gleichen Jugendkammer des Augsburger Landgerichts der Prozess gemacht, wie jetzt Michael W. Das Gericht verurteilte Noras Mörder zu zehn Jahren Jugendstrafe und einer zeitlich unbefristeten Unterbringung in der Psychiatrie.

Roswitha Belabbes hat ihre eigene Bilanz gezogen. „Die Gesellschaft kann nur von den Menschen lernen, die gezwungen sind, ihr Leben nach schwersten Schicksalsschlägen zu meisten. Diese Menschen verdienen unsere Hochachtung. Um diese Menschen sollte man sich bemühen. Über diese Menschen sollte man berichten, nicht über die Mörder.“

Im Verfahren um die nachträgliche Sicherungsverwahrung des Vanessa-Mörders steht am Dienstag, 4. September, der 16. Prozesstag an. Mindestens fünf sollen noch folgen. Frühestens im Oktober soll ein Urteil gefällt werden.
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