Verbotene Träume eines Lehrers

Suspendierter Aichacher Studienrat wurde zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung sowie Schmerzensgeld verurteilt. Er hatte sich schriftlich sexuell einer Schülerin genähert.

Zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, sowie der Zahlung von 3000 Euro Schmerzensgeld sowie 2500 Euro an die Lebenshilfe verurteilte Amtsgerichtsdirektor Dieter Gockel einen ehemaligen Lehrer des Aichacher Deutschherren-Gymnasiums. Der 36-Jährige war wegen der Verbreitung pornografischer Schriften sowie Körperverletzung angeklagt.

Bei der Verhandlung gegen den ehemaligen Latein- und Religionslehrer wurde die Öffentlichkeit zum Schutze zweier junger Schülerinnen, denen gegenüber er sich unsittlich verhalten hatte, ausgeschlossen. Öffentlich war jedoch die Urteilsverkündung, die sich mehrere Jugendliche anhörten. Im Anschluss erläuterte Gockel den Weg der Rechtsfindung.

Im Jahr 2012 hatte sich der Pädagoge nach eigenen Angaben in eine seiner Schülerinnen verliebt. Er bot der 15-Jährigen, einer dem Vernehmen nach sehr guten Schülerin, Unterstützung an, weil sie in einem Fach angeblich Schwächen aufwies. In der Folgezeit schrieb er dem Mädchen zahlreiche Briefe und SMS. Drei E-Mails, zwei davon am gleichen Tag verfasst, hatten pornografischen Inhalt. Nicht genug, dass er die Schülerin mit seinen Liebesschwüren und Komplimenten belästigte, er schickte ihr auch noch Geschichten, in denen er drei Träume beschrieb. Darin breitete er „indizierte Phantasien“ aus, so Gockel, in denen eine weitere Schülerin die Hauptrolle spielte. Diesem Mädchen setzte das alles so zu, dass es die Schule wechseln musste.

Die Briefe sind strafbar als Verbreitung pornografischer Schriften in drei Fällen an eine Person unter 18 Jahren. Weil die junge Empfängerin unter den unbotmäßigen Avancen ihres Lehrers so litt, dass sie sich in Therapie begeben musste, kam eine Verurteilung wegen Körperverletzung hinzu. Staatsanwalt Peter Grünes hatte eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe mit Bewährung gefordert sowie 7000 Euro Geldauflage. Dem hatte sich Dr. Michael Fürst, der die Opfer als Nebenklageanwalt vertrat, angeschlossen. Verteidiger Uwe Budäus hatte gemeint, mit einer Geldstrafe, deren Höhe er ins Ermessen des Gerichts stellte, sei der Gerechtigkeit genüge getan.

Positiv rechnete man dem Angeklagten an, dass er durch sein vollumfängliches Geständnis den Mädchen eine Zeugenaussage ersparte. Außerdem hat er sich wegen seiner pädophilen Neigungen in Therapie begeben. Diese hat immerhin schon bewirkt, dass er nun einsieht, dass sein Handeln die jungen Mädchen verletzt hat. Das habe er währenddessen nicht für möglich gehalten, hatte er zunächst vor Gericht behauptet. Allerdings hatte er in einer E-Mail geschrieben: „Ich weiß, das ist ein Traum. In der Realität verklagen sie mich dafür und ich verliere meinen Job.“ Gockel interpretierte das so, dass der Studienrat ganz genau gewusst habe, was er da tue. Besonders schwer wiege, dass er die pornografischen Schriften selbst verfasst und ein weiteres Mädchen einbezogen habe. Er habe so „zweifach Schuld auf sich geladen.“

Gockel führte in der Urteilsbegründung aus, es sei „mehr als befremdlich“, wie sich der 36-Jährige den Teenagern gegenüber verhalten habe. Jeder könne sich vorstellen, wie es auf ein so junges Mädchen wirke, wenn es von seinem Lehrer pornografische Texte zugeschickt bekomme. „Daran, dass immer noch eine Therapie nötig ist, erkennt man das Ausmaß der Schädigung bei dem Kind“, so der Vorsitzende. Da müsse ein Ausgleich stattfinden, weshalb das Gericht die Zahlung von Schmerzensgeld verhängt habe.

Gockel machte dem Angeklagten, der sich erstmals vor einem Gericht verantworten musste, die Fortsetzung seiner Therapie nicht zur Auflage: „Das Gericht geht davon aus, dass Sie das ohnehin tun.“ Wenn die Therapie erfolgreich verlaufe, sei wohl damit zu rechnen, dass sich ähnliche Vorfälle nicht wiederholten.

Uwe Budäus, der Verteidiger des Lehrers, hatte um ein mildes Urteil gebeten, das seinem Mandanten nicht die Rückkehr in den Schuldienst verbaue. Anfang des Schuljahrs 2012/2013 hatte sich die 15-Jährige nach vergeblichen Versuchen, sich der Annäherungen ihres Lehrers zu erwehren, der Schulpsychologin anvertraut, die den Direktor des Gymnasiums informierte. Bereits vor einigen Jahren hatte sich ein Tanzlehrer an den Schulleiter gewandt und erklärt, der Studienrat nähere sich Schülerinnen. Damals habe Aussage gegen Aussage gestanden, berichtete Gockel. Man habe angenommen, der Tanzlehrer wollte einen Konkurrenten ausboten, da der Lehrer ebenfalls einen Tanzkurs offeriert habe.

Nach dem Bericht der Schulpsychologin im Herbst 2012 suspendierte Gerhard Haunschild den 36-Jährigen umgehend nach Absprache mit dem Kultusministerium und erteilte ihm Hausverbot. Seitdem erhält er reduziertes Gehalt. Die Staatsanwaltschaft erfuhr von den Vorfällen an der Schule durch die Aichacher Zeitung, die wie die StadtZeitung zum Medienkomplex Mayer & Söhne, Aichach, gehört und nahm entsprechende Ermittlungen auf, die gestern in den Prozess vor dem Jugendschutzgericht mündeten. Eine weitere Verhandlung steht noch aus. Der Studienrat klagt vor dem Verwaltungsgericht gegen seine Suspendierung. Dieses habe mit einem Termin bis nach Ausgang der Strafsache gewartet, erläuterte Richter Dieter Gockel.
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