Vergewaltigungs-Vorwurf: Gericht spricht 19-Jährigen frei

Hat ein 19-Jähriger seine Ex-Freundin vergewaltigt? Im Zweifel für den Angeklagten, entschied das Gericht. Foto: © Robert Wilson / 123rf.de

Gericht spricht einen 19-Jährigen nach zweitägiger Verhandlung vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. Ihm wurde vorgeworfen, seiner 16-jährigen Ex-Freundin Gewalt angedroht zu haben.

Keiner war dabei. Weder Nebenklagevertreterin Marion Zech, noch die Mutter des vermeintlichen Opfers, noch Staatsanwältin Julia Keilbach, Verteidiger Felix Dimpfl oder das Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Dieter Gockel. Was wirklich passiert ist in jener Januarnacht, das wissen nur der 19-jährige Angeklagte und seine 16-jährige Ex-Freundin, die ihn der Vergewaltigung bezichtigt. Daran hatte das Gericht nach zweitägiger Verhandlung jedoch so große Zweifel, dass es den jungen Mann in der vergangenen Woche freisprach.

Sicher ist, dass die Beziehung zwischen den beiden Teenagern eigentlich schon seit ein paar Tagen beendet war und das Mädchen einen neuen Freund hatte, als es an einem Freitag Mitte Januar gegen 22 Uhr zu ihrem Ex in dessen Elternhaus ging. Die beiden sahen einen Film an, und dabei kam es zum Sex.

Die 16-Jährige sei zu ihm gekommen, um "ein Movie" anzusehen und bei ihm zu übernachten, sagte der junge Mann vor Gericht. Erst habe man gestritten, er habe ihr Vorwürfe gemacht, weil sie nach dem Ende der Beziehung mit ihm gleich wieder einen neuen Freund hatte. Ihr habe das leid getan, sie habe beteuert, ihn zurück haben zu wollen. Bereits in der ersten Werbepause habe man Zärtlichkeiten ausgetauscht, in der zweiten sei es zum Geschlechtsverkehr gekommen, den beide gewollt hätten. Anschließend habe man bis Samstagmittag geschlafen und nach dem Aufstehen wieder gestritten, erzählte der Angeklagte. Er habe die 16-Jährige dann nach Hause gefahren, sie habe die Autotür zugeknallt, woraufhin er ausgerastet sei: "Ich habe ihr mit einer Schelle gedroht, wenn sie das noch einmal macht. Das ist mir rausgerutscht und ich habe mich dafür bei ihr auch schon im Chat entschuldigt." Tatsächlich ist im Handy-Nachrichten-Verlauf nie von einer Vergewaltigung die Rede, wohl aber von der angedrohten Ohrfeige im Zusammenhang mit der Autotür.

Das Mädchen hingegen schilderte ihrer Opferanwältin Marion Zech sowie bei der Polizei und vor Gericht den Verlauf des Abends, an dessen Datum sie sich nicht mehr erinnern konnte, anders. Demnach habe ihr der Ex-Freund mit einer Schelle gedroht, wenn sie nicht mit ihm schlafe. Deshalb habe sie sich hingegeben und später habe es ihr auch gefallen. Marion Zech erklärte, dass so ein Verhalten durchaus bei Vergewaltigungsopfern vorkomme. Zudem habe die 16-Jährige in einer früheren Beziehung Gewalt erfahren, so dass allein die Androhung einer Ohrfeige genüge, sie zu retraumatisieren.

Polizeibeamte hielten die Aussagen für glaubhaft


Mehrere Zeugenaussagen warfen kein positives Licht auf das junge Mädchen. Angeblich trinke und kiffe die Schülerin, und eines Nachts soll sie in entsprechendem Zustand auf der Straße vor dem Elternhaus des Ex-Freundes vor dessen Auto geschlafen haben. Sie habe mit Suizid gedroht, sich mehr oder weniger öffentlich beschwert, dass der Angeklagte zu wenig Sex von ihr wolle und ihm, um ihn zum Aufrechterhalten der Beziehung zu bringen, das Foto eines positiven Schwangerschaftstests geschickt, welches aus dem Internet stammte. Verteidiger Felix Dimpfl drückte es so aus: "Wir haben hier kein Rotkäppchen, das dem bösen Wolf begegnet ist." Marion Zech wies darauf hin, dass es auf das Verhalten der 16-Jährigen im Allgemeinen nicht ankomme, sondern lediglich auf das, was sich am Tattag ereignete. Polizeibeamte hielten die Aussagen des Mädchens für konstant und glaubhaft. Zudem, so betonte die Anwältin, könne man aus dem Chat erkennen, dass nach der fraglichen Nacht die Beziehung eine Zäsur erfahren habe. Die Jugendlichen trafen sich nicht wieder.

Während Marion Zech und Staatsanwältin Julia Keilbach das gleichbleibende Aussageverhalten des Mädchens, und dass sie den 19-Jährigen nicht über Gebühr belastete, als Indiz für die Wahrheit ihrer Behauptungen anführten und auf sieben Monate Haft mit Bewährung plädierten, bezog sich Verteidiger Felix Dimpfl auf Kafkas "Der Prozess" und erklärte, einmal die Behauptung in die Welt gesetzt, komme die 16-Jährige nun aus der Nummer nicht mehr heraus.

Nach eingehender Beratung verkündete Richter Dieter Gockel seine Entscheidung und die der Schöffen: Im Zweifel für den Angeklagten.

von Monika Grunert Glas
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