Von Kollaps bis Krampfader: Eine Schicht mit den Rettungskräften der Augsburger Malteser

Rettungsassistent Thomas Schrenk versorgt im Krankenwagen die Patienten. Fotos: Kristin Deibl
 
Geräte, Medikamente, Verbandszeug: Mit dem Rettungswagen sind die Sanitäter zwölf Stunden autark unterwegs, bevor sie nachfüllen müssen.

Wenn Robert Müller und Thomas Schrenk im Einsatz sind, treffen sie in der Regel vor allem auf Menschen, die krank oder verletzt sind, Angst haben oder unter Schock stehen. Was genau während einer Schicht auf die beiden zukommt, wissen sie vorher nicht, jeder Tag ist anders. Vom schweren Verkehrsunfall bis Bauchweh, von der geplatzten Krampfader bis zum jugendlichen Komasäufer kann alles dabei sein. Wir haben die beiden Sanitäter der Augsburger Malteser eine Schicht lang bei ihrer Arbeit begleitet.

Schichtbeginn ist an diesem Samstag um 7 Uhr. Notfallsanitäter Müller und Rettungsassistent Schrenk bereiten in der Einsatzzentrale in der Werner-von-Siemens-Straße den Rettungswagen vor, checken, ob EKG, Beatmungsgerät, Absauggerät und Pulsoxymeter funktionieren. Sie kontrollieren, ob alles vorrätig ist. Infusionen, Medikamente, Spritzen, Kanülen, Kompressen, Pflaster, Mullbinden - mit seiner Ausstattung kann der Wagen normalerweise zwölf Stunden lang autark im Einsatz sein, erklärt Müller. "Dann müssen wir nachfüllen."

Erster Einsatz: Unfall auf der B 17

Die beiden erledigen ihre Arbeit routiniert, sind trotz der frühen Morgenstunde gut gelaunt, machen Witze und freuen sich erstmal auf eine Tasse Kaffee. Soweit kommt es allerdings nicht: Noch während Müller im Aufenthaltsraum die Kaffeemaschine bedient, ertönt das gellende Piepsen, das den ersten Einsatz des Tages ankündigt. "Verletzter auf B 17 nach Unfall", mehr wissen die beiden nicht, als es losgeht. Die rasante und holprige Fahrt unter Sirenengeheul ist nichts für schwache Mägen.

Am Unfallort angekommen ist schnell klar, was passiert ist: Ein 26-Jähriger wollte von der B 17 abfahren, ist einer Katze ausgewichen und mit 50 Stundenkilometern in die Leitplanke gekracht. Schrenk legt dem jungen Mann eine Halskrause an, fragt ihn, ob ihm schwindlig sei oder er Schmerzen habe. Der 26-Jährige hat leichte Verbrennungen an den Handgelenken, die vom Airbag stammen. Sonst gehe es ihm gut, sagt er. Schrenk misst seinen Blutdruck und Puls, fragt nach Vorerkrankungen. Dabei stellt sich heraus, dass der Patient an Diabetes leidet. Sein Blutzuckerwert ist im grünen Bereich. Damit ist die Untersuchung vorerst abgeschlossen. Der Patient wird mit Verdacht auf Schädelprellung und Schleudertrauma ins Krankenhaus gebracht.

Während Müller den Rettungswagen zum Klinikum fährt, muss Schrenk genau protokollieren, was passiert ist und die Werte des Patienten dokumentieren. "Das nimmt viel Zeit in Anspruch", erklärt er, deswegen nutze er meist schon die Fahrzeit. Der Patient wird ans Klinikum übergeben, Schrenk schickt das Protokoll an die Abrechnungsstelle und weiter geht's. Erstmal zurück in die Einsatzzentrale.

"Ich konnte früher kein Blut sehen"

Bei Semmeln und Kaffee plaudern die beiden ein bisschen aus dem Verbandskästchen. "Vor meiner Arbeit als Sanitäter konnte ich kein Blut sehen und hatte Angst vor Spritzen", erzählt Müller, der eigentlich mal Elektroingenieur werden wollte. "Mittlerweile macht mir das gar nichts mehr aus." Was er aber auch nach mehr als 30 Jahren in dem Beruf nicht gerne sieht, sind Menschen, die sich übergeben müssen. "Aber wir sind ja immer zu zweit im Einsatz", erklärt er. "Da können wir auf sowas schon Rücksicht nehmen." Sein Studium hat er abgebrochen, als er während seines Zivildienstes seine Begeisterung für die Arbeit als Sanitäter entdeckte.

Menschen in Notsituationen zu helfen, kann aber auch schwierig sein. Denn die Sanitäter werden mit Schwerverletzten und mit dem Tod konfrontiert. Wie geht man damit um? "Wir schalten dann in den Arbeitsmodus", sagt Schrenk, der seit vier Jahren nebenberuflich als Rettungsassistent arbeitet. "Ich führe die Handgriffe aus, ohne die Gesichter allzu genau wahrzunehmen. Nach den Einsätzen ist jeder anders: Die einen müssen darüber reden, die anderen machen das lieber mit sich selbst aus." Bei den Maltesern gibt es auch Mitarbeiter für die Krisenintervention. Egal ob Angehörige unter Schock stehen oder die Einsatzkräfte selbst ein offenes Ohr brauchen, das Team wird für die kritischen Momente speziell geschult. Besonders schwierig seien auch Einsätze mit verletzten Kindern, berichtet Schrenk. "Alle sind hysterisch, was natürlich verständlich, aber nicht hilfreich ist. Und viele Geräte und Methoden sind für Kinder ungeeignet. Es sind eben keine kleinen Erwachsenen, sondern Kinder."

Alles voller Blut

Mitten im Gespräch schrillt erneut der Alarm: "Blutende Krampfader am Fuß". Diesmal führt die Fahrt nach Haunstetten. Schrenk eilt in die Wohnung und ruft nach wenigen Sekunden: "Fordere den Notarzt nach." Müller weiß damit auch ohne weitere Informationen, was er tun muss: Er fordert den Notarzt an und nimmt sicherheitshalber gleich den Defibrillator und das Beatmungsgerät mit ins Haus. Drinnen wird schnell klar, dass die Situation ernst ist: Blutige Fußabdrücke auf dem Teppichboden, blutdurchtränkte Handtücher auf dem Küchenfußboden, Blut an den Türrahmen und Fliesen.

Die 83-jährige Bewohnerin sitzt im Bad, das blutende Bein über der Wanne. Sie habe sich nach dem Duschen nur eincremen wollen und da sei plötzlich "ein Hubbel an ihrem Bein einfach geplatzt", erzählt sie. Sie ist kreidebleich und fühlt sich schwindlig, wie sie den Einsatzkräften sagt. Durch den großen Blutverlust ist ihr Blutdruck viel zu niedrig. Während Schrenk die Blutung stillt und eine Infusion legt, mit der der Blutdruck der Seniorin stabilisiert werden soll., trifft der Notarzt ein.

Die Sanitäter selbst dürfen übrigens rein rechtlich keine Medikamente verabreichen. "Das ist eigentlich Arztsache. Eine Infusion zu legen, wenn ein Patient fast kollabiert, ist aber notwendig. Da kann ich nicht warten", sagt Müller. Oft könnten aber auch Maßnahmen die Medikamente ersetzen. "Auf ein gebrochenes Bein Zug zu bringen, lindert zum Beispiel auch die Schmerzen", weiß der Rettungsassistent.

Unterdessen bringen die beiden die 83-Jährige in den Rettungswagen. Während der Fahrt ins Klinikum bekommt sie langsam wieder Farbe im Gesicht und erzählt von ihrer Enkelin. Auch das gehört zum Job der Sanitäter, mit den Patienten über Alltägliches reden, sie beruhigen, ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Nicht immer wird den Männern aber für ihre Arbeit gedankt. "Wir werden schon auch mal angepöbelt", sagt Müller, während die beiden nach dem Einsatz den Wagen reinigen. "Oft von Leuten im Drogenrausch. Das darf man halt nicht an sich ranlassen." Anzeige erstatten sie danach meist nicht. "Da kommt eh nichts dabei raus. Wir müssen uns die Zeit nehmen, vor Gericht auszusagen und am Ende waren sie unzurechnungsfähig."

Pöbeleien und die Rettungsgasse

Probleme machen den beiden aber nicht nur Menschen, die unter Drogen stehen. "Oft ist es schon schwierig, überhaupt zum Einsatzort zu kommen", klagt Müller. Schwierigkeiten bei der Rettungsgasse sind für ihn ein "Augsburger Phänomen". Oft reagierten die Leute nicht, weil sie die Sirenen nicht hörten, weil es ihnen egal sei oder weil sie nicht wüssten, wie sie sich verhalten müssten, erklärt Müller. "Da fragt man sich manchmal schon, was die Leute in der Fahrschule eigentlich gelernt haben."

Der dritte Fall des Tages führt die Sanitäter nach Oberhausen. "PKW gegen Fußgänger" lautet der Einsatz, der sich als weniger dramatisch entpuppt, als er zunächst klingt. Einer 28-Jährigen ist ein Auto gegen das Bein gefahren. Die Frau klagt über Schmerzen im Fuß und im Oberschenkel. Auf ihrem weißen Turnschuh ist das Profil des Reifens noch deutlich zu sehen. Schrenk vermutet, dass sie sich nichts gebrochen hat, aber zur Sicherheit soll sie im Krankenhaus geröntgt werden. Im Klinikum angekommen dauert es nicht lange und der nächste Einsatz steht an. Diesmal: "Bauchschmerzen" in Stadtbergen. Eine 82-Jährige hat sich den ganzen Vormittag übergeben. Auch sie wird zur genaueren Abklärung der Beschwerden ins Klinikum gebracht.

Ein letzter Einsatz: Kollaps auf der Afa

Als der Einsatz beendet ist, ist es bereits 15 Uhr. Um 15.30 Uhr ist die Schicht offiziell zu Ende. Aber: "Es kann auch passieren, dass wir fünf Minuten vor Schluss nochmal ausrücken müssen", sagt Müller. Prompt ertönt um 15.18 Uhr noch einmal das Einsatzgeräusch. "Kollaps auf der Afa" heißt es diesmal. Einer 69-Jährigen ist schwindlig geworden, sie habe plötzlich nur noch schlecht gesehen, schildert die Frau. Ihre Tochter ist besorgt, doch die 69-Jährige fühle sich schon viel besser, sagt sie. Nachdem Müller und Schrenk sie darüber aufgeklärt haben, dass theoretisch ein Risiko für ernstere Erkrankungen besteht, wenn sie sich nicht im Klinikum untersuchen lässt, darf die Frau mit ihrer Tochter nach Hause gehen.

Für die Sanitäter geht es zurück in die Einsatzzentrale, der Wagen wird aufgefüllt und für die nächste Schicht startklar gemacht. War das nun ein normaler Einsatztag? "Was heißt schon normal", sagt Müller schulterzuckend.
(Von Kristin Deibl)
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