100 Jahre Gaswerk: Ein Augsburger Wahrzeichen feiert Geburtstag

Der Blick in die Kuppel vom Boden des großen Gastanks aus. (Foto: Frühschütz)
 
Eine handgetriebene Gaswaschmaschine ist eine Rarität im kleinen Museum im Gaswerk. Oliver Frühschütz ist stolz darauf. (Foto: Hans Blöchl)
Ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit ist ein wichtiges Augsburger Industriedenkmal 100 Jahre alt geworden – das Wahrzeichen von Oberhausen, das alte Gaswerk. Am 31. Dezember 1915 ging die damals wichtigste Energieversorgungseinrichtung der Stadt in Betrieb. Und über Jahrzehnte blieb Gas, zuerst das aus Steinkohle gewonnene Stadtgas, später dann Erdgas, die wichtigste Versorgungsquelle. Bereits 1847 wurde auf dem heutigen Stadtwerke-Gelände an der Johannes-Haag-Straße das erste private Gaswerk eröffnet, 1763 folgte dann auf dem Plärrergelände ein zweites Werk der bekannten Augsburger Industriellenfamilie Riedinger.

Ursprünglich fand das Gas ausschließlich Verwendung für die Straßenbeleuchtung, „Gaslaternenanzünder“ war damals ein verbreiteter und geachteter Beruf. Später fanden sich vielfältige Nutzungsmöglichkeiten – vom Gaskühlschrank über die Gaswaschmaschine bis zum Zigarrenanzünder; manche Raritäten kann man im kleinen Museum besichtigen. 1907 wurden die beiden Werke von der Stadt übernommen. Um dem zunehmenden Bedarf durch Firmen aber auch durch Haushalte gerecht werden zu können, baute man, damals fast auf der grünen Wiese, das neue Gaswerk. Heute liegt es mitten in einem Gewerbe- und Industriegebiet, der große Gasbehälter ist aus allen Himmelsrichtungen der Blickfang. Die dazu gehörigen architektonisch äußerst interessanten Gebäude wie Ofen- und Kesselhaus erschließen sich nur bei einer genaueren Besichtigung.

Wichtig war der Bahnanschluss für die Steinkohle und den Abtransport der Restabfälle. 25 000 Kubikmeter Gas wurden täglich produziert, eine Menge, die heute nur noch knapp für eine Stunde reichen würde. Aus zwei Kilogramm Steinkohle konnten rund ein Kilo Gas, ein Kilo Koks und einige andere Abfallstoffe wie etwa Teer gewonnen werden. Koks wurde dann an die Augsburger Haushalte zum Heizen verkauft, andere Stoffe fanden in der chemischen Industrie Verwendung.
Auch im Zweiten Weltkrieg produzierte das Werk, denn es entging der Zerstörung durch Bombenangriffe. Deshalb ist es heute wohl das einzige nahezu vollständig erhaltene Gaswerk dieser Größenordnung in Deutschland.

Nach der Stilllegung verlief die Geschichte nicht ganz so kontinuierlich. Stolz und auch ein wenig spitzbübische Freude spricht aus Oliver Frühschütz, bei den Stadtwerken angestellt und ehrenamtlich Vorsitzender des Vereins Gaswerksfreunde Augsburg, wenn er erzählt, wie die ursprünglichen Pläne für das Gelände, die möglicherweise in einem Abriss geendet hätten, durchkreuzt werden konnten. 1968 wurde die Produktion von Stadtgas eingestellt und durch die Einspeisung von Erdgas ersetzt. Nachdem auch dafür andere Wege gefunden wurden, lag das Werk brach, die Industriebauten im Stil des vergangenen Jahrhunderts waren ungenutzt. 2002 begannen die Stadtwerke das Gelände zu räumen, Einrichtungsgegenstände, Maschinen, Dokumente – alles sollte entsorgt werden. Auch Wasser, Strom- und Gasleitungen wurden gekappt. Doch es gab einige weitsichtige „Freunde des Gaswerks“, die viele Dinge aus dem Müll vor der Vernichtung retteten und versteckten. Sie wollten das wichtige Erbe Augsburger Industriegeschichte zumindest in Teilen bewahren. Mit der Unterstützung des damaligen Stadtheimatpflegers und der damaligen Bürgermeisterin Eva Leipprand fand 2004 die erste Führung im Gaswerk statt. Statt der erwarteten 10 bis 20 bekundeten mehr als 150 Besucher ihr Interesse an der Geschichte. Das Gaswerk war praktisch wieder entdeckt.

Nach seiner Gründung 2005 kümmerte sich der Verein um den Erhalt des Ensembles, im Laufe der Jahre fanden auch die Stadtwerke wieder Interesse an ihrem Gaswerk, der Verein kann unentgeltlich Räume für ein kleines Museum nutzen, auch die Führungen im Gaswerk werden unterstützt. Aus ökonomischer Sicht ist das große Gelände für die Stadtwerke natürlich eine Belastung, deshalb wurde immer wieder versucht, eine andere Nutzung zu finden. Ein Einkaufszentrum, eine Wohnbebauung oder eine Sporterlebniswelt waren im Gespräch – und wurden wieder verworfen.
Richtig bekannt wurde das industrielle Kleinod durch die „Grenzenlos Festivals“, die in den vergangenen Jahren dreimal Tausende Besucher anlockten. Momentan scheint das Gaswerk eine durchaus positive Zukunft zu haben. Das Augsburger Theater wird voraussichtlich während des Umbaus des Großen Hauses einige Werkstätten und Lager auf das Gelände verlagern. Ob dort auch Theateraufführungen zu sehen sein werden? Manche wünschen es sich, noch ist nichts konkret.

Die Künstler, die derzeit auf dem Gelände des Kulturparks West in Kriegshaber angesiedelt sind, sollen nach Wunsch der Stadt auf das Gelände umsiedeln. Noch gibt es Widerstände, zumindest ist aber die Diskussion im Gange. Die Stadtwerke haben mit der Sanierung des Geländes begonnen.

Hans Blöchl
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