600 Lichter: Mahnwache für die Prostituierten in Augsburg

Lichter in der Augsburger Nacht: Die Aktion fand im vergangenen Jahr am Herkulesbrunnen statt. Dieses Mal leuchten die Kerzen am Rathausplatz. Foto: oh

Die Menschenrechtsorganisation SOLWODI Augsburg ruft dazu auf, sich im Rahmen des Augsburger Friedensfestes am Sonntag, 7. August, von 22 Uhr bis Mitternacht am Augustusbrunnen auf dem Rathausplatz an einer Mahnwache zu beteiligen: Unter dem Motto "Licht in die Nacht" wird für jede der über 600 Frauen, die in Augsburg in der Prostitution tätig sind, ein Licht angezündet, um sich mit ihnen solidarisch zu zeigen. Denn über 90 Prozent dieser Frauen sind Ausländerinnen, die wenigsten von ihnen können sich auf Deutsch verständigen, die meisten leiden unter Heimweh und Isolation, das weiß Soni Unterreithmeier, Leiterin der Augsburger Beratungsstelle von SOLWODI, aus vielen Gesprächen. Auf diese Fakten und darauf, dass sich die Situation der Frauen durch das Anfang Juli verabschiedete "Prostituiertenschutzgesetz" nicht entscheidend verbessert, will SOLWODI mit der Aktion aufmerksam machen.

"Alle empfohlenen nötigen Reformen sind im Gesetz so abgeschwächt, dass von Schutz und staatlicher Fürsorge keine Rede mehr sein kann", so Unterreithmeier. Eine große Chance sei vertan worden. Zwar werde eine Anmeldepflicht eingeführt, jedoch nur alle zwei Jahre. Da die Frauen häufig alle paar Wochen von Bordell zu Bordell, von Wohnung zu Wohnung verschoben würden, hätte eine Anmeldung in jeder Stadt verpflichtend sein müssen, denn nur so hätte die Behörde tatsächlich wissen können, wo sie sich aufhalten - und bemerkt, wenn sie verschwinden.

Eine verpflichtende monatliche Gesundheitsuntersuchung hätte den Frauen regelmäßigen Kontakt zu einer Person außerhalb des Bordells unter vier Augen ermöglicht, meist die einzige Chance, sich in einer Notlage Dritten anzuvertrauen und sich Hilfe zu holen. Nun ist diese Beratung im Gesetz ebenfalls nur alle zwei Jahre vorgeschrieben.

Wer ein Bordell eröffnen will, darf künftig nicht mehr vorbestraft sein, muss seine "Zuverlässigkeit" nachweisen und ein "Betriebskonzept" vorlegen. Die Erlaubnispflicht werde von der Koalition als "Kernstück" der Reform bezeichnet. Bordellbetreiber, die das nicht nachweisen können, setzen jedoch auch jetzt schon problemlos Strohmänner und -frauen ein. Besonders bedauerlich: Ein Mindestalter ab 21 wird es nicht geben. "Es hätte die wachsende Zahl der schutzlosesten und besonders leicht beeinflussbaren sehr jungen Frauen geschützt, die nicht selten von ihren eigenen Familien in die Prostitution geschickt werden."

Freier, die wissentlich die Dienste eines Opfers von Zwangsprostitution kaufen, machen sich künftig strafbar. Doch der Vorsatz sei praktisch nicht beweisbar. Auch die "fahrlässige" sexuelle Benutzung eines Menschenhandels-Opfers hätte unter Strafe gestellt werden müssen. Das Weisungsrecht für Bordellbetreiber bleibt.

Deutschland ist das einzige Land der Welt, dass Bordellbetreibern ein solches Recht gesetzlich einräumt. Damit können die "Arbeitgeber" Zeitpunkt und Länge der Arbeitszeit vorschreiben, bestimmte Kleidung oder Nacktheit verlangen, Preise und Abgaben diktieren, Handyverbot und Redeverbot untereinander erteilen und vieles mehr vorschreiben. Auch eine Krankenversicherungspflicht für in der Prostitution Tätige wird es nicht geben.

"Freiwillig versichert werden die Frauen jedoch so gut wie nie, sind sie doch im Krankheitsfall leicht austauschbar. Und selbst können sie sich die Angebote nicht erschließen, kennen sie doch Sprache und Sozialsystem in Deutschland nicht", sagt Unterreithmeier. (oh)
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