Ältestes Leihamt Deutschlands wird nach 415 Jahren geschlossen

 

„Und wenn dann wieder schlechtere Zeiten kommen, dann gibt es kein Pfandleihamt mehr“, sagt Franz Mundigl wehmütig und wird dabei etwas leiser. Er hat das seit 1603 bestehende Augsburger Pfandhaus für 13 Jahre geleitet, 2018 wird es nun geschlossen.

Das staatliche Leihamt befindet sich in einem unscheinbaren, sandfarbenen Gebäude direkt neben der Maximiliankirche in der Augsburger Innenstadt. Im Erdgeschoss haben die Pfandannahme, das Fundbüro der Stadt und das Büro von Franz Mundigl Platz. In dem kleinen Raum sind überall Unterlagen, Ordner, Kalender und Listen verteilt. Das sich das Leihamt im Umbruch befindet, wird schnell deutlich.
Sie würden, so Mundigl, seit Jahren gegen den Rückgang kämpfen. Nach dem massiven Wertanstieg des Goldes ab 2008 seien ihnen viele Stammkunden weggebrochen. Es sei für diese wesentlich rentabler gewesen, Schmuckstücke und Uhren aus Gold zu verkaufen. Das Amt darf Pfänder nämlich nur beleihen, anders als private Pfandleiher, die ihren Kunden Gold für einen guten Preis abkaufen können. Hinzu komme die stetig sinkende Arbeitslosigkeit, durch die die Nachfrage nach Kleinkrediten deutlich zurückgegangen ist.
In 2016 habe das Leihamt erstmals ein Minus verzeichnen müssen. Zwar nur ein geringes, aber es handele sich für die Stadt nun einmal nicht um eine Pflichtaufgabe, das Amt offen zu halten. So fiel bald die Entscheidung, endgültig dicht zu machen.

"Ok-das machen wir zu."

Das Fundbüro wird in Zukunft ins Bürgeramt verlagert werden. Die Aufgabe, die Fundstelle zu leiten, wird der Nachfolger Mundigls übernehmen. Die Menge der Fundsachen nimmt im Gegensatz zu den Pfändern von Tag zu Tag zu. Handys, Turnschuhe, Schulordner – alles, was die Augsburger so verlegen, landet früher oder später hier.
Ähnlich durcheinander gewürfelt sind die im Gebäude gelagerten Pfänder. Franz Mundigl öffnet die Tür zu einem Kellerraum, in dem rund zehn Fahrräder stehen – von Drahtesel bis Mountainbike ist alles dabei. „Ich glaube, einige bringen die einfach so her“, scherzt er, „hier sind sie wenigstens sicher“.
Zwei Stockwerke höher, im Lager, grinsen Porzellan-Clowns von den Regalen hinunter, in einer Kiste liegen mindestens 20 goldene Kerzenhalter für den Christbaum, in der Nähe der Tür steht eine 40 Zentimeter hohe Amethyst-Druse. Goldwaren und Schmuck werden in einem separaten, gesicherten Tresorraum aufbewahrt. Handys hingegen darf das Leihamt gar nicht erst annehmen, wegen des Datenschutzes, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. Auch Unterhaltungselektronik wird deshalb häufig abgelehnt. Wird das Leih-Verhältnis nämlich häufiger verlängert, sind Mp3-Player oder Videokonsolen schnell überholt und somit nicht mehr versteigerbar.
Dabei sei es ein häufig angebotenes Pfandgut, erzählt Franz Mundigl. Viele würden zuerst nicht verstehen, sollten ihre Geräte nicht angenommen werden könnten. Zu einem ernsthaften Streit sei es bisher aber noch nicht gekommen, versichert Mundigl. Damit widerspricht er dem Bild, das Fernsehsendungen – insbesondere amerikanische – von Pfandhäusern vermitteln. Da müssen um-sich-schlagende Kunden häufig von muskelbepackten Security-Mitarbeitern namens „Robo“ oder „Joe“ vom Gelände geschleift werden.

Einige Leihverhältnisse bestehen schon seit über zehn Jahren.

Die Kunden des Augsburger Leihhauses scheinen mit der Einrichtung hingegen zufrieden zu sein. Einige Leihverhältnisse existieren immerhin schon seit Jahren. Beispielsweise hat eine Dame ihr Pfand im Amt abgegeben, noch bevor Mundigl selbst dort anfing.
Die älteste Einlage ist allerdings mit Abstand das Gemälde einer Berglandschaft, das im Eingangsbereich des Hauses hängt. Aufgegeben wurde es, als das Leihamt noch mit Karteikarten, statt eines Computersystems arbeitete. Die Artikelnummer ist noch dreistellig – zum Vergleich: Neue Pfandgegenstände erhalten mittlerweile eine sechsstellige Nummer.
Die Kunden kommen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten. Studenten würden ihre Playstations genauso abgeben, wie Handwerker ihre Bohrmaschinen. Da Auftraggeber immer öfter verzögert zahlen würden, müssten Letztere ihre Werkzeuge häufig beleihen, erzählt Mundigl.
Menschen wie sie wird die Schließung des Leihamts vermutlich besonders treffen. „Wir sind schließlich eine Sozialeinrichtung“, fasst er zusammen. (hk)
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