Am Anfang steht ein A

Bunte Plakate an den Wänden sollen ihnen beim Deutschlernen helfen. Foto: Kristin Deibl

Das Projekt "netzwerk4A" möchte Flüchtlingen mit Unterstützung Ehrenamtlicher eine Starthilfe geben. Sie veranstalten Deutschkurse und viele Sachen mehr.

Ein junger Mann im blauen Kapuzenpulli steht an der Tafel eines Klassenzimmers. An den sonst weißen Wänden erklären bunte Plakate, was Nomen, Verben, Adjektive und Artikel sind. "Mappe", diktiert Anna Kanzler gerade. "Mape", schreibt der junge Mann mit den schwarzen Haaren und sieht etwas unsicher aus. "Ist das richtig?", fragt Kanzler. "Nein. Zwei 'p'", verbessert ein anderer Schüler, der auf einem der bunten Stühle in den langen Bankreihen sitzt.

Es ist kurz nach 9 Uhr und in der Asylunterkunft in der Ottostraße hat gerade der Alphabetisierungskurs begonnen. Die Teilnehmer stammen aus Syrien oder Afghanistan und sind erst seit kurzer Zeit in Deutschland. Und noch etwas haben im "Alphakurs" alle gemeinsam: Sie können noch nicht richtig lesen und schreiben.

Dozentin Anna Kanzler wiederholt zunächst den Stoff der vorherigen Stunde: Die Schüler sollen nacheinander etwas über ihre Familie erzählen. "Das ist meine Opa. Er heißt Ali", versucht es ein junger Mann in der ersten Reihe. "Mein Opa", rufen die anderen. Wer hier etwas Falsches sagt, wird vielstimmig verbessert. Übel nimmt das offenbar niemand, die meisten scheinen einfach mit Feuereifer bei der Sache.

Heute sollen auch noch zwei neue Buchstaben dran kommen. Kanzler zeigt an der Tafel, wie man das große und das kleine "S" schreibt. Mucksmäuschenstill wird es, als alle sich hochkonzentriert selbst an dem neuen Buchstaben versuchen.

"Viele hier sind sehr fleißig und engagiert", erzählt Kanzler. "Es gibt aber schon ein paar, die keine Lust haben. Die kommen nicht regelmäßig und verlieren schnell den Anschluss." Anna Kanzler ist selbst noch Studentin. Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert sie an der Uni Augsburg. Sie stammt aus Kasachstan und ist erst seit drei Jahren in Deutschland.

Ihre Dozententätigkeit für die Asylsuchenden macht sie ehrenamtlich im Rahmen des Projekts "netzwerk4A". Die vier A stehen für die Stadt Augsburg, den Landkreis Augsburg, den Landkreis Aichach-Friedberg und die Asylsuchenden. Das erweiterte Nachfolgeprojekt zu "first steps", das Ende des vergangenen Jahres ausgelaufen ist, wird zu 75 Prozent durch den AMIF-Fonds (Asyl-, Migrations- und Integrations-Fonds) der EU gefördert.

Erster Ansprechpartner von netzwerk4A für Anna Kanzler und die anderen Ehrenamtlichen ist die stellvertretende Projektleiterin und Freiwilligenkoordinatorin Margot Laun. "Wir wollen den Asylsuchenden mit unseren Angeboten eine Starthilfe für ihr Leben in Deutschland geben", erklärt sie. So viele asylspezifische Angebote wie nötig, so wenig wie möglich, findet Laun. Es sei besser, die Asylsuchenden in bestehende Strukturen einzubinden. "Wer helfen will, kann auch einfach überlegen, in welchen Vereinen er selbst engagiert ist, und die Menschen dort einbeziehen."

Seinen Hauptsitz hat das Projekt im ehemaligen Straßenbahndepot in der Wertachstraße. Dort finden auch die meisten Deutschkurse statt. Vom 31. August bis zum 9. Oktober laufen allerdings nur die Sommerkurse, die sich ausschließlich an die Flüchtlinge richten, die zwischen Mai und Juli in Augsburg angekommen sind. 14 Ehrenamtliche sind für drei Alphabetisierungskurse und fünf Anfängerkurse zuständig. Sechs der Dozenten haben wie Anna Kanzler selbst einen Migrationshintergrund.

Zu den Freiwilligen gehört auch Paul Kesselring. Er studiert Deutsch als Fremdsprache und kann sich sein Engagement bei netzwerk4A als Praktikum anrechnen lassen. "Das war aber nicht meine Intention. Die Arbeit macht mir einfach Spaß", erzählt er. Er war schon im vergangenen Trimester als Dozent für das Projekt tätig und meistert die Arbeit auch während des Semesters. Gerade ist er für die beste Anfängergruppe zuständig.

Verben konjugieren steht heute auf dem Programm. Auf einem Arbeitsblatt sollen die Teilnehmer die richtigen Formen von 'kommen', 'sein', 'haben' und 'wohnen' eintragen. Still ist es im Raum, alle arbeiten konzentriert oder besprechen sich im Flüsterton mit ihren Banknachbarn.

Zu den Kursteilnehmern gehört auch Ibrahim Murad, der gemeinsam mit seinem Sohn und seiner Tochter hier Deutsch lernt. Vor vier Monaten ist er mit seiner Familie in Augsburg angekommen. In seinem Heimatland Syrien war er Maschinenbauer. Der Kurs gefällt ihm, er hofft, im nächsten Trimester hier weiter lernen zu können und dann schon zu den Fortgeschrittenen zu gehören, erzählt er stolz. Deutschland gefalle ihm sehr, aber auf die Bearbeitung der Anträge zu warten sei schlimm. "Das macht auch die Konzentration schwierig", sagt er und sein freundliches Lächeln wirkt getrübt. "Wir möchten uns schnell integrieren." Seine Tochter Marah hat in Syrien an der Universität studiert. Sie würde hier sehr gerne weiter studieren, erklärt sie schüchtern. Als Paul Kesselring ihr anbietet, sie mal mit zur Uni zu nehmen und ihr den Campus zu zeigen, sagt sie mit strahlendem Lächeln zu.

Zur selben Zeit findet eine Tür weiter ein anderer Anfängerkurs statt. Die Teilnehmer sind unter Anleitung von Studentin Lianne Martens gerade damit beschäftigt, die Zahlen zu lernen. "Die Motivation ist hier generell sehr hoch. Alle wollen die Lösung sagen oder an die Tafel kommen", freut sich Martens. Wie Kesselring studiert auch sie Deutsch als Fremdsprache. Beide möchten später einmal im Ausland Deutsch unterrichten. Da sind die Kurse eine gute Vorbereitung. "Man lernt hier, die Sprache mit allem zu vermitteln, was man hat. Gesten und Bildmaterial sind wichtig. Die Grammatik steht erstmal nicht im Vordergrund", erzählt Martens. "Ich hätte nicht gedacht, dass mir die Arbeit so viel Spaß macht. Es ist ein sehr dankbarer Job." Das bestätigt auch Kesselring: "In meinem letzten Kurs hatte ich viele Teilnehmer aus Somalia und Eritrea. Die haben sich nach jeder Stunde bei mir bedankt."

Am 19. Oktober wird das reguläre neue Trimester mit Niveaustufen von Alphabetisierung bis A1 losgehen. Im Sommertrimester, von Mai bis Juli, gab es insgesamt 18 Kurse mit 324 Teilnehmern und 39 Dozenten. Wie viele Asylsuchende sich für das kommende Trimester anmelden wollen, ist noch unklar. Margot Laun rechnet jedoch bereits mit rund 500 Interessenten. Es sei personell und vor allem räumlich noch unklar, wie diese große Nachfrage befriedigt werden soll, erklärt die Freiwilligenkoordinatorin.

"Weitere Dozenten, die schon Erfahrung im Unterrichten von Fremdsprachen haben, können sich gerne bei uns melden." Alle Dozenten sind ehrenamtlich tätig, viele sind Studenten oder pensionierte Lehrer. Eine Doppelstunde, also 90 Minuten, pro Woche sind der Mindestumfang eines Engagements.

Das Projekt und seine Freiwilligen treten dabei auch an eine Stelle, an der eigentlich andere in der Verantwortung stünden, wie Matthias Schopf-Emrich, Leiter des Projekts netzwerk4A, weiß: "Wir kompensieren seit Jahren ein fehlendes staatliches Programm. Und wir sind besonders stolz darauf, den Flüchtlingen von Anfang an Sprachkurse zu bieten."

Der Stolz auf das Projekt ist auch bei den ehrenamtlichen Dozenten spürbar. "Ich mache das bis zum bitteren Ende. Bis denen das Geld ausgeht", sagt Paul Kesselring überzeugt. Noch bis Ende 2017 dauert die reguläre Laufzeit. Dann wird es eine neue Ausschreibung geben.

Neben den Deutschkursen bietet netzwerk4A noch weitere Möglichkeiten, sich zu engagieren: Sprachpatenschaften, Behördenbegleitung/Dolmetschen, Nachmittagsbetreuung für Schulkinder (beim Diakonischen Werk Augsburg), Deutsch-Café für Erwachsene/Jugendliche oder Bildungspatenschaften. Weitere Infos finden Interessierte unter www.first-steps-augsburg.de.
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