Asylbewerber hoffen auf ein normales Leben

Abwarten und Geduld haben heißt es für die Flüchtlings-Familien, die seit 40 Tagen in der Pension Niedermaier leben. Abwarten, ob sie in Mering und überhaupt in Deutschland bleiben können, hoffen auf ihre Anerkennung als Asylanten und dann vielleicht auf Arbeit und ein ganz normales Leben ohne Angst.

„Wir geben uns große Mühe zu helfen“, sagt Christian Auner vom Aichacher Landratsamt, der zweimal pro Woche ins Meringer Gesundheitszentrum an der Luitpoldstraße kommt. Dort steht er im Büro der Seniorenberatung als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn die Asylbewerber Fragen oder Probleme haben. Doch selbst wenn die Verständigung auf Englisch einigermaßen klappt, kann Auner keine afghanischen Dokumente entziffern und ist deshalb froh um die Unterstützung von Aziz-Ahmad Farah.

Der Betreiber eines Gemüse- und Obstgeschäfts gegenüber des Rathauses kümmert sich in seiner Freizeit um seine Landsleute und ist stets zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Sogar als Geburtshelfer war er diesen Monat mit seiner Frau Gina im Einsatz: Die 16-jährige Mozuda Popalzai brachte im Friedberger Krankenhaus eine gesunde Tochter zur Welt und wurde von Familie Farah gefahren und betreut.

Ebenfalls unentgeltlich ist Ingrid Engstle im Einsatz, die in Mering mit ehrenamtlichen Helfern die Kleiderkammer und die Tafel für bedürftige Menschen organisiert. „Letzte Woche kamen zehn erwachsene Asylbewerber mit vier Kindern zur Essenausgabe“, berichtet sie. Normalerweise benötige man für die Tafel zwar einen Einkommensnachweis und eine Berechtigungskarte, „aber in diesem Sonderfall ist jede Bürokratie überflüssig“, sagt die seit Jahren engagierte Helferin. Schon vor 20 Jahren hatte sie sich um Asylbewerber in Mering gekümmert. Daraus entwickelte sich mit der Zeit ein Vollzeitjob, für den Engstle keinen Cent bekommt.

Nach der Ankunft der Flüchtlinge hatte Engstle im Dezember zwei Sondertermine in der Kleiderkammer ermöglicht, um die Familien mit warmer Winterkleidung zu versorgen. Während der regulären Öffnungszeit deckten sich Mozuda Popalzai und ihr Mann Omer mit Babywäsche für die kleine Marjan ein. Sie sind froh, dass ihnen in Mering auch jenseits von Behörden und Bürokratie geholfen wird. Denn die zahlreichen Gesetze und Vorschriften sind streng: Die Flüchtlinge dürfen den Landkreis nicht verlassen und ein Jahr lang nicht arbeiten. Sie haben bis zu ihrer Anerkennung nur eine sogenannte Aufenthaltsgestattung und bekommen laut Auner ein monatliches Taschengeld von 40 Euro, zweimal pro Woche gibt es von der Regierung von Schwaben bezahlte Essenspakete.

Das Warten in der Pension zehrt an den Nerven der jungen Männer, denn sie können kein Deutsch und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht den ganzen Tag lang in Mering spazierengehen. „Wir bräuchten dringend jemanden, der uns die Sprache beibringt, damit wir in Zukunft auch ohne Dolmetscher zurechtkommen“, sagt der 30-jährige Aamid Elias auf Englisch. Und Omer Popalzai ergänzt: „Alles, was wir uns wünschen, ist eine eigene Bleibe und Arbeit in Deutschland.“

Viele der Flüchtlinge aus Afghanistan haben ein schweres Schicksal hinter sich: Einer der Männer wurde bei einem Bombenanschlag verletzt und von Aziz-Ahmad Farah zum Augenarzt in Mering begleitet. „Seit 40 Tagen bin ich ständig unterwegs, um zu helfen“, erzählt er. Auch sein 15-jähriger Sohn Baktasch steht den Flüchtlingskindern bei, welche die Grund- und Mittelschule besuchen.

Die Kinder unterliegen ganz normal der Schulpflicht und wurden gemäß dem Schulsprengel an die zuständigen Einrichtungen verteilt. Zwei hätten eigentlich an die Mittelschule gehen sollen, ein Kind wurde jedoch gleich zurückgestuft auf die Grundschule. „Einen Schüler haben wir jetzt in die siebente Klasse aufgenommen“, berichtet Rektorin Ingeborg Pfaffinger. Die Luitpoldgrundschule startete nach den Weihnachtsferien mit sechs neuen Schülern, die kein Wort Deutsch verstehen. Drei stammen aus Afghanistan – drei aus Serbien. An drei Vormittagen werden die Kinder für eine Stunde mit der Förderlehrerin aus den Klassen genommen – dafür hat das Schulamt Aichach-Friedberg zwei zusätzliche Förderstunden bewilligt.

Die herzliche Aufnahme der Asylbewerber in der Marktgemeinde, die Mitte Dezember von einem offiziellen Empfangskomitee begrüßt wurden, würdigt sogar Landrat Christian Knauer. Denn im nördlichen Landkreis regt sich Widerstand gegen ein Asylbewerberheim für bis zu 65 Bewohner im Aichacher Sisi-Hotel: Viele Unterwittelsbacher Bürger befürchten ein „Ghetto“ in ihrem Stadtteil, wenn die Pläne der Regierung von Schwaben Wirklichkeit würden. Deshalb hat eine Bürgerinitiative an Stadtoberhaupt Bürgermeister Klaus Habermann 374 Unterschriften gegen die Größe der Unterkunft übergeben.

Der Aufenthalt der Flüchtlinge in Mering ist längstens für drei Monate gedacht. „Wie es danach für uns weitergehen wird, wissen wir nicht“, sagt Aamid Elias. Falls sie anerkannt werden sollten, geht nach Engstles Erfahrung die Arbeit erst richtig los: „Dann müssen Möbel, Wohnungen und Arbeitsstellen besorgt werden!“ Aber dank der ehrenamtlichen Helfer dürfte auch das kein unüberwindliches Problem darstellen.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.