Augsburg bis zu vier Jahre ohne sein Theater

Äußerlich wird sich am Theater Augsburg aufgrund des Denkmalschutzes kaum etwas ändern. Saniert werden muss hinter den Kulissen. Foto: Archiv

Das Theater Augsburg soll umfassend saniert werden. Weder Zeitplan noch Kostenschätzung sind offenbar noch zu halten. Doch die Erneuerung ist nötig. Sie soll - um es mit einer dem Theater angemessenen Dramatik auszudrücken - das Überleben des Großen Hauses sichern.

Zahllose Rohre schlängeln sich unter der Decke des Raumes entlang, bahnen sich ihren Weg zu Ventilen mit roten Rädern. Die Hitze ist beinahe erdrückend, die Luft tropisch feucht. Es riecht nach Weichspüler, weil zwischen wuchtigen Boilern Wäsche trocknet. Dieser Raum im Keller des Theaters ist die Umkleide der Techniker. Hinten im Eck führt eine Tür in den winzigen Aufenthaltsraum des Hausmeisters.

Es sind Zustände wie dieser, die das Augsburger Theater dringend sanierungsbedürftig machen. Fast 100 Millionen Euro sollen laut Haushaltsplan - auf mehrere Jahre verteilt - investiert werden, um ab Mitte 2016 etwa die Platzverhältnisse hinter den Kulissen an eine der größten Bühnen Deutschlands anzupassen. Und auch die Arbeitsbedingungen Backstage: Die Garderoben sind im selben Zustand wie 1956, den meisten fehlt die Dusche. Für Kostüme ist nur Platz auf dem engen Gang. Das verstößt gegen Brandschutzvorschriften.

Die seien ohnehin "am Rande der Zulässigkeit", erklärt Hendrik Euling-Stahl. Er ist am Theater für bauliche Fragen zuständig und nun einer der wichtigsten Köpfe des Umbaus. In puncto Sicherheit ist es derzeit reinstes Improvisations-Theater. Zahlreiche Behelfslösungen gehen nur mit Sondergenehmigungen durch. Zwar seien keine Zuschauer in Gefahr, aber so sagt Eulin-Stahl: "Wir müssen jeden Abend neu entscheiden, können wir spielen oder nicht."

Oder andere stoppen die Aufführung: Es habe schon Theater gegeben, die von heute auf morgen wegen mangelnder Sicherheit dicht gemacht worden seien, weiß Augsburgs Kulturreferent Thomas Weitzel. Das müsse man in Augsburg verhindern. Aber das wird dauern - länger als zunächst erwartet. "Die zwei Jahre Schließzeit sind nicht mehr zu halten", sagt Weitzel, der mittlerweile von drei bis vier Jahren Interimsspielbetrieb im Theater ausgeht. Zudem sind am Dienstag erste Zahlen durchgesickert, dass sich wohl auch die Kosten für die Umbauten verdoppeln könnten.

Entscheidender Faktor ist der Bühnenturm aus den 50ern, der nur bei geschlossenem Großen Haus renoviert werden kann. Er weise erhebliche Probleme in der Baukonstruktion auf, sei lediglich notgestützt. Arbeiten am Bühnenturm. Arbeiter auf der Galerie müssten im Notfall den gesamten Bühnenturm hinunter, um zum Notausgang zu gelangen. Die Stand der Bühnentechnik sei zudem so alt wie der Turm selbst. "Wir finden täglich neue Probleme", sagt Eulin-Stahl.

Nicht nur kurzfristig droht die Gefahr des Spielstopps. Auch mittelfristig fallen eigentlich gut laufende Aufführungen den Bedingungen zum Opfer. Der Platz, um die Inszenierungen unter Originalbedingungen zu proben, fehle. Der Publikumshit "Der Brandner Kasper" etwa fiel diesem Mangel zum Opfer. Und das bedeutet nun einmal finanzielle Einbußen für die Spielstätte. Auch fehlten die Lagerflächen. So wird die Hinterbühne, die eigentlich für Umbauten auf der Hauptbühne während einer laufenden Aufführung dienen soll, zum Lagerraum umfunktioniert.

Norbert Reinfuß leitet das Projekt Theater für das Hochbauamt. Er kann sich eine Spitze in Richtung der Stadträte nicht verkneifen, die sagen, "es funktioniert ja seit Jahrzehnten". Aber, so fragt Reinfuß rhetorisch "zu welchem Preis?".

So sei das Theater wegen unzureichender Transportmöglichkeiten das städtische Gebäude mit den meisten Arbeitsunfällen. Vieles müsse getragen werden. Demnach heiße die Hauptkrankheitsursache Rückenschmerzen.

Geschleppt werden etwa Kulissenteile, bei deren Anfertigung zusätzliche Probleme auftauchen. Wieder geht es um den Platz. Bühnenhintergründe von bis zu 120 Quadratmetern Größe können nur in Einzelteilen erstellt werden. Die Schreinerei ist schlicht zu klein. Wie auch die schmale Stahlwerkstatt. Das pompöse Tor von "My Fair Lady" musste daher im Freien angefertigt werden. Auch der Malsaal ist mit 227 Quadratmetern nur halb so groß wie er sein sollte. Zudem fehlt dort ein Lastenaufzug.

Doch "Verwaltung und Werkstätten schön herrichten reicht nicht", sagt Reinfuß. Weil der Anbau mit den Werkstätten aber nicht abgerissen wird, müsse also der vorhandene Platz neu konzipiert werden. Und zwar funktionsabhängig. "Ein Theater ist konzipiert wie ein Klinikum."

Eine Abteilung sind die Proberäume. In einem davon übt das Orchester. Dort mache nicht nur der Klang Schwierigkeiten, seine geringe Größe sei gar gesundheitsgefährdend. Etwa für diejenigen, die sich Ohr an Instrument neben die lauten Posaunisten zwängen müssen. Bis zu 150 Musiker proben auf den 241 Quadratmetern, laut Euling-Stahl sollten es 384 Quadratmeter sein.

Daneben, im Proberaum zwei, ziehen sich die Schauspieler in der Kaffeeküche um. Der Raum selbst ist zu klein für Proben unter Realbedingungen. Der muffige Geruch, der wohl auch dem extremsten Altbaufetischisten zu intensiv wäre, tritt sofort in die Nase. Im Sommer staue sich hier zudem die Hitze.

Dass, bis diese Bedingungen ein Ende haben, das Theater länger schließen muss, könnten die Darsteller verkraften, sagt der künstlerische Leiter Schauspiel Oliver Brunner. Zwar bleiben Brecht- und Freilichtbühne bespielbar, die Frage nach einer geeigneten Ersatzbühne für das Große Haus sei aber noch offen. Doch er und sein Ensemble freuen sich sogar "auf die künstlerische Herausforderung." Er wolle neue Orte finden und für Inszenierungen entdecken, improvisieren eben.

Solange bis im Gebäude selbst die Zeit der Improvisation endlich ein Ende hat.
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