Augsburg feiert Friedensfest - Wer ist Friedenspreisträger Martin Junge?

"Ein besonderer Brückenbauer": Martin Junge erhält den Friedenspreis 2017. Foto: LWB A. Hilbert
 
Der Augsburger Friedenspreis im Goldenen Saal. (Foto: David Libossek)

Augsburg begeht sein Hohes Friedensfest. Höhepunkt der Feier ist die Friedenstafel auf dem Rathausplatz. Alle drei Jahre vergibt die Stadt zusätzlich den Augsburger Friedenspreis. Dieses Jahr erhält Martin Junge die Auszeichnung. Er ist Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes und ein "besonderer Brückenbauer zwischen den Religionen".

Ein junger Mann, Lederhose an den Beinen und Dutt auf dem Kopf, erhebt sich. Seine Arme umschlingen eine voluminöse Schüssel, üppig gefüllt mit Nudelsalat. Er stellt das Gefäß am Nachbartisch ab, an dem eine Frau, die Kopftuch trägt, mit ihren Kindern sitzt. Die Familie greift zu. Szenen wie diese sind tatsächlich zuhauf zu beobachten, im Schatten der weißen Sonnenschirme, die ein Dach über den rund 1000 Menschen auf dem Rathausplatz bilden.

Da sitzen Mitwirkende des Historischen Bürgerfests im Patrizier-Schick, Senioren, die eigene kleine Schirme halten, oder jugendliche Hipster, die etwas abseits Decken ausgebreitet haben. Sie alle haben allerlei Speisen und Getränke mitgebracht, teilen oder tauschen sie mit anderen. Der Gedanke des Religionsfriedens, an den Augsburg am 8. August mit seinem weltweit einzigartigen Feiertag erinnert, er wird beim gemeinsamen Essen umgesetzt. Auch Frieden geht durch den Magen.

Weiter oben, im Goldenen Saal des Rathauses, wird derweil ein Mann ausgezeichnet, dem das Treiben auf dem Rathausplatz mit Sicherheit gefallen würde. Passend zum Jahr des Reformationsjubiläums wird Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, als insgesamt zwölfter Augsburger Friedenspreisträger bekanntgegeben.

Als Oberbürgermeister Kurt Gribl den Namen verkündet, unterbrechen nicht wenige im aufgeheizten Saal für einen Augenblick das Fächern mit den Einladungskarten. Nicht etwa, weil Gribl Junge als "Preisträger 2015" ausgerufen hatte; sie blicken fragend die Umsitzenden an, ob die denn schon einmal etwas gehört hätten von diesem Martin Junge.

Aufklärung liefert Regionalbischof Michael Grabow. Junge, als Sohn einer Österreicherin und eines Chilenen in Chile aufgewachsen, wurde nach dem Studium in Göttingen zunächst Pfarrer in Santiago de Chile. Schnell stieg er im Lutherischen Weltbund auf. Zehn Jahre lang hatte er das Amt des Gebietsreferenten für Lateinamerika und die Karibik inne, seit 2010 ist er Generalsekretär des 74 Millionen Mitglieder zählenden Weltbundes.

Grabow würdigt den 56-Jährigen als "besonderen Brückenbauer". Das trifft in mehrerlei Hinsicht zu. Einerseits vermittelt Junge zwischen den 145 lutherischen Kirchen, die im Weltbund organisiert sind. Zuletzt etwa polarisierte zwischen den kulturell unterschiedlich geprägten Glaubensgemeinschaften die Frage, wie man mit Homosexualität oder der Gleichberechtigung von Frauen in kirchlichen Ämtern umgehen solle. Junge vermittelte, setzte sich aber gleichsam ein für Homosexuelle und Gendergleichheit.

Auch initiierte er die Versöhnung zwischen Mennoniten und Lutheranern - zwei Kirchen der Reformation, die die Taufe theologisch unterschiedlich bewerten. Mennoniten wurden einst gar blutig von Lutheranern und Katholiken verfolgt. In einer bewegenden Zeremonie baten die Lutheraner um Verzeihung - und erhielten diese.

Außerdem steht Junge im Austausch mit anderen Religionen. So nahm am lutherischen Gedenken an das Reformationsjubiläum Papst Franziskus Teil. "Ein Meilenstein", befindet Grabow.

Er attestiert Junge eine Arbeit, "die weit über das Normale seines Berufs hinausgeht". Ehrgeiz, Leidenschaft, Überzeugungskraft, zeichneten den Generalsekretär aus. Und, dass er die Kirche nicht allein in gottesdienstlicher, sondern auch in weltdienstlicher Verantwortung sieht. Klimawandel, Flüchtlingsströme, Fragmentierung und Populismus: "Es ist Zeit für die Kirchen, aufzustehen und eine klare Position einzunehmen", zitiert Grabow den Preisträger.

Der äußert sich selbst nur kurz via Videobotschaft, die über zwei Flachbildschirme flimmert. Geehrt und dankbar fühle er sich. "Der Preis ermutigt uns im Lutherischen Weltbund und mich persönlich, den Weg der Versöhnung fortzusetzen." Übergeben wird der Preis 21. Oktober. Dann allerdings ohne gemeinsame Tafel vor dem Rathaus.
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