Augsburger gründen neue Schule: Hier entscheiden die Schüler, was sie lernen

In der demokratischen Schule werden den Gestaltungsmöglichkeiten keine Grenzen gesetzt. Die Kinder können ihren Tag mit dem verbringen, wonach ihnen der Sinn steht. (Foto: Ian Allenden/Tatiana Kostareva/Gennadiy Poznyakov/Wavebreak Media Ltd 123rf.de)

Eine Schule, in der Schüler das machen, wonach ihnen gerade der Sinn steht. In der sie ihre Lehrer selbst auswählen und mit Anträgen das Schulleben jederzeit verändern können – und in der sie sich gerade deshalb ideal ausbilden. Ist das naive Freidenker-Romantik oder gar völliger Irrsinn? Oder ist es die ideale Art, Schule zu machen? Von Letzerem ist der Augsburger Verein, der sich „Eigenaktiv“ nennt, überzeugt. Er will deshalb eine solche demokratische Schule im Raum Augsburg eröffnen.

Ein bisschen etwas von einem Geheimtreffen hat es ja schon. Eine Treppe hinunter, hinter einer schweren grünen Metalltür wartet ein weiterer Kellerraum. Darin stehen verschiedenartige Stühle, ebenso unterschiedlich sind die Leute, die darauf sitzen. Ihre Gesichter sind im spärlichen, gelblich-matten Licht der Glühbirnen an der Decke nur vage zu erkennen. Ganz so heimlich ist die abendliche Zusammenkunft jedoch nicht. Aber ein Hauch von Rebellion liegt dennoch in der Luft: Denn die Protagonisten wollen im Raum Augsburg eine Schule gründen, die so gar nichts mit dem Bildungssystem am Hut hat.
Formal handelt es sich um eine staatlich genehmigte offene Ganztagsschule, gemischt aus Grund- und Mittelschule. Das klingt zunächst unspektakulär, doch dahinter steckt weit mehr. Die Einrichtung soll "Luana" heißen und demokratisch funktionieren. Das heißt, die Schüler können mitbestimmen, was in ihrer Schule geschieht und was unterrichtet wird - und sogar von wem. Jeder kann das lernen, was ihn interessiert oder wonach ihm eben gerade ist. Und das ohne Noten und ohne Zeugnisse.

Luana-Schule: Kampf gegen die
"Des hamma no nia ned g'macht"-Mentalität

"Demokratische Schulen polarisieren", stellt Karl Geller nüchtern fest. Gerade in Bayern, wo schließlich das ungeschriebene Gesetz gilt: "Des hamma no nia ned g'macht." Doch davon wollen er und seine Mitstreiter sich nicht in die weiß-blauen Schranken weisen lassen. Der Lehramtsstudent - Karohemd, Turnschuhe und kurzer Zopf - ist einer dieser Bildungsrebellen, die vor der weiß gefließten Wand ihre Vision präsentieren. Seine Augen weiten sich, seinen Mund umspielt ständig ein Lächeln, als er von seinen sechs Wochen in Hamburg berichtet. Dort hospitierte der Student an der "Neuen Schule", die ebenfalls demokratisch organisiert ist.

"Du kommst rein und denkst: Oh, voll das Chaos", beschreibt er seinen ersten Eindruck von der Schule, die von Sängerin Nena gegründet worden ist. "Und dann merkst du", fährt Geller fort, "dass da aber sehrwohl eine Struktur drin ist". Geller selbst musste sich zunächst den Vertretern der Schulversammlung vorstellen. Und die entschied dann in einer Wahl, ob er der Schulfamilie sechs Wochen würde beitreten dürfen.

Das ist im Übrigen nicht nur mit Praktikanten so: Auch die Lehrer werden von der Versammlung demokratisch bestimmt. Und weil jeder an einer solchen Schule unterrichten kann, heißen die Lehrer dort auch Mentoren. Auch wird hier über Anträge entschieden, die von Schülern jederzeit gestellt werden dürfen. Möchte ein Kind etwa Spanisch lernen, kann es das Gesuch stellen, dass ein solcher Sprachkurs angeboten wird.

Das sogenannte Lösungskomitee, das aus zuvor gewählten Schülern sowie Lehrern besteht, nimmt sich den Problemen an der Schule an. Es schlichtet Streitigkeiten - aber spricht auch Strafen aus. Die können von Putzen bis Ausschluss aus der Schulgemeinschaft reichen. Doch ohnehin hätten die Schüler, das hat Geller erfahren, ein auffallend ausgeprägtes Verständnis für Recht und Unrecht. "Es ist dort überhaupt nicht cool, den Lehrer zu verarschen, etwas kaputt zu machen oder zu stören", erzählt der Student. Dinge, die an Regelschulen unter Schülern durchaus als salonfähig gelten.

Von 8 bis 17 Uhr hat die Schule geöffnet, von 9 bis 16 Uhr läuft die Kernzeit, in der jeder anwesend sein muss. Ein Computerbildschirm zeigt an, was die Woche über geboten sein wird. Alles kann, nichts muss. "Ein Schüler hat eigentlich nur Computer gespielt", erzählt Geller eine Anekdote. Als der Bub, 13 Jahre jung, gemerkt hat, dass das drahtlose Internet der Schule sich dem Ende neigt, programmierte er kurzerhand eine App. Plötzlich flogen regelmäßig Mitschüler aus dem WLAN. "Er strich einfach auf dem Smartphone über ihre Namen und schmiss sie aus dem Netz." Freilich sei der negative Effekt nicht wünschenswert - schließlich laute ein Grundsatz der Schulen, dass die Freiheit des einzelnen dort aufhört, wo die Bedürfnisse der Gemeinschaft beginnen - aber der Bursche habe eben auf seine Art sein Potenzial entfaltet.

Ein Bub geht drei Schuljahre lang Angeln - und wird erfolgreich

"Jeder Mensch ist neugierig", darauf baut der Schulgedanke auf. Und das setzt freilich voraus, dass "die Eltern ihren Kindern vertrauen". Auch wenn sie wie ein Bub von dem Geller berichtet, zunächst drei Jahre lang nur Angeln gehen. "Später entwickelte er ein Interesse für Computer, gründete eine Reparaturfirma und profitierte von seinen ruhigen Händen. Und die hat er sich wobei angeeignet?", fragt Geller rhetorisch.

Er schwärmt von der Mitbestimmung aller, zeigt Videos von begeisterten Jugendlichen und einem Mädchen von einer demokratischen Schule, das einen 1,1-Realschulabschluss machte. Er erzählt von sechsjährigen Pimpfen, die Streits unter Jugendlichen klären, vom Selbstbewusstsein und der Verantwortung, die Schüler entwickeln. Ja, freilich, das weiß auch Geller, sind das Einzelbeispiele. Doch es sind Werte, die auch die Schulbehörde in England Schülern der demokratischen Schule in Summerhill attestierte, ebenso ein hohes Bildungsniveau. Ja sogar "beeindruckend" urteilte das Amt, welches die Schule in den 90ern noch schließen lassen wollte.

Demokratische Schule für Augsburg: Es fehlen Geld, die staatliche Anerkennung und das Schulhaus

So wie es die Regierung von Oberbayern durchsetzte, die jüngst die Sudbury-Schule am Ammersee dicht machen ließ. "Die Kinder lernen zu wenig", begründete sie. Die "Luana"-Schule lässt sich davon nicht entmutigen. Die Gründer sind überzeugt, dass sich die Schüler auch Grundlagen wie Lesen, Schreiben und Rechnen aneignen. Aussagekräftige Studien darüber sind in Deutschland allerdings rar - zu jung ist die Bewegung.

Über die Anerkennung als Ersatzschule entscheidet die Regierung von Schwaben, bis 31. März muss der Antrag eingereicht sein. "Wir sind frohen Mutes", sagt Tobias Schießer über die Gespräche mit der Behörde.

Noch so ein Rebell und mit dabei, seit die Idee "Luana" im Jahr 2015 Gestalt annahm. Dass die Schule anerkannt wird, ist essenziell. Nur dann wird die Schulpflicht der Kinder erfüllt. Zudem sollen die Schüler von fünf bis 19 Jahren freiwillig ihren Real- oder Mittelschulabschluss machen können - in der Vorbereitung darauf wird handelsüblicher Frontalunterricht gehalten.

Schießer, Vorstandsmitglied von "Eigenaktiv" und Leiter des bald 45 Kinder starken Waldkindergartens des Vereins, spricht auch über die schwierige Suche nach einem Gebäude. Sie ist der Grund, weshalb sich der Start der Schule von 2017 auf 2018 verschiebt. Statt des Hauses in Hügelshart bei Friedberg hat der Verein nun ein ehemaliges Bauernanwesen in der Nähe von Neusäß im Blick.

Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Geld - denn freilich lebt auch eine demokratische Schule nicht von Luft und Liebe. "Die ersten beiden Jahre sind Durstjahre", sagt Schießer, wegen geringerer staatlicher Zuschüsse. 150 000 bis 200 000 Euro fehlen in dieser Zeit. Sponsoren, Spenden und Schulgeld sollen das decken. Danach, so kalkulieren die Verantwortlichen, soll sich die "Luana" selber tragen, denn dann steigt die Förderung.

Es ist ein weiter Weg, den die Schule noch vor sich hat, bis sich ab September nächsten Jahres bis zu 35 Kinder an der "Luana" selbst bilden. Denn auch für dieses Datum gebe es laut Schießer "keine Garantie".

- Weitere Informationen zur "Luana" sind auf www.eigenaktiv.de im Internet zu finden. Dort stehen auch weitere Vortragstermine. Schüler können zudem bereits unverbindlich angemeldet werden. Der Verein freut sich über Spenden und Gebäudevorschläge. (David Libossek )
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Mr Pink aus Augsburg - Haunstetten | 23.03.2017 | 14:31  
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