Augsburger Helfer beklagen Kürzungen bei Krankentransporten

Mehr Rettungswagen stehen künftig länger bereit. Gleichzeitig wurden jedoch die Kapazitäten für Krankentransporte deutlich verringert. Foto: Jean-Marie Guyon/123rf.de


Nach Veränderungen im Krankentransport befürchten Rettungsdienste längere Wartezeiten. Die Arbeitsgemeinschaft der Augsburger Hilfsorganisationen kritisiert "Krankenkassen-Sparpolitik".



Im Bereich des Rettungsdienstes Augsburg gibt es tiefgreifende Veränderungen: Mehr Rettungswagen stehen länger bereit - ein Plus für Notfallpatienten, bei denen jede Sekunde zählt. Gleichzeitig wurden jedoch die Kapazitäten für Krankentransporte erneut deutlich verringert - eine Änderung, die die Arbeitsgemeinschaft der Augsburger Hilfsorganisationen deutliche kritisiert.

Grund für die Umstellung ist ein Gutachten, das die Krankenkassen bereits 2013 in Auftrag gegeben hatten. Dies wurde erst jetzt umgesetzt und "berücksichtigt nicht aktuelle Veränderungen in der Region", sagt Günter Gsottberger, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. Seit Herbst 2014 werde nämlich ein deutlicher Anstieg der Krankentransporte verzeichnet - seither kam es bei jedem fünften Patienten zu Wartezeiten von mehr als einer Stunde. "Die Sparpolitik der Krankenkassen lässt nun noch längere Wartezeiten für noch mehr Patienten befürchten", so Gsottberger.

Krankentransporte: Deutliche Zunahme an Fahrten
Das Bayerische Rote Kreuz (BRK), die Johanniter-Unfall-Hilfe und der Malteser Hilfsdienst sind in Augsburg am öffentlichen Krankentransport beteiligt; private Firmen werden nicht über die Integrierte Leitstelle (ILS) bei der Feuerwehr Augsburg disponiert. In den vergangenen fünf Monaten verzeichnen alle drei Hilfsorganisationen eine deutliche Zunahme an Fahrten von Patienten, die ins Krankenhaus oder zum niedergelassenen Arzt müssen, jedoch nicht wegen einer akuten Erkrankung oder Verletzung.

"Unsere Besatzungen verlassen morgens die Wache und kommen abends oft erst nach dem geplanten Schichtende zurück", erklärt Michael Gebler, BRK-Geschäftsführer in Augsburg. "Die Belastung für das Personal steigt, und die Arbeit mit oft bettlägerigen und betagten Patienten ist ohnehin nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch psychisch", ergänzt Gertrud Streit-Doderer, Mitglied des Johanniter-Regionalvorstandes in Schwaben. "Wir wollen nicht nur den Patienten medizinisch helfen, sondern auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesund erhalten." Auch die bisherigen Kurzzeitpausen seien oftmals nicht mehr möglich, was eine zusätzliche und nicht tragbare Belastung für die Einsatzkräfte mit sich bringe.

Durch die enorme Arbeitsverdichtung und fast durchgängige Auslastung des Personals fehlen Bereitschaftszeiten, die bisher dazu dienten, wichtigen und gesetzlichen Pflichten nachzukommen: Dazu zählen die Desinfektion der Fahrzeuge, Aufgaben im Bereich des Medizinproduktegesetzes sowie nicht zuletzt die Nachbereitung der Einsätze im Sinne der Dokumentation und Verwaltung. "Natürlich können wir auf diese Tätigkeiten nicht verzichten: Daher müssen unsere Mitarbeiter dies oft außerhalb der regulären Arbeitszeit erledigen und haben damit unzählige Überstunden", betont Streit-Doderer.

Seit 2009 steigen die Einsatzzahlen
Seit Oktober 2014 gibt es jeden Monat über 4000 Krankentransporte. Von März bis September des vergangenen Jahres waren es im Durchschnitt etwa 500 Einsätze, mit Ausnahme Juli, weniger. Seit 2009 steigen die Einsatzzahlen insgesamt an.

"Die Erweiterung der Kapazitäten für Rettungswagen begrüßen wir zwar", so Gsottberger, der neben seinem Ehrenamt in der Arbeitsgemeinschaft der Augsburger Hilfsorganisationen Geschäftsführer der Augsburger Malteser ist. "Wir befürchten aber, dass in Zukunft Rettungswagen dann vermehrt Krankentransporte durchführen müssen. Sie stehen dadurch bei Notfällen nicht zur Verfügung." Grund sei, dass nun noch mehr Kapazitäten für nicht akut erkrankte Patienten, die jedoch einer intensiveren Betreuung als im Taxi oder Fahrdienst bedürfen, im Krankentransport fehlen werden. Gemeinsam fordern die Hilfsorganisationen die Krankenkassen auf, nicht auf Kosten der Patienten und ihrer Versorgung zu sparen.

Schon heute müssten Patienten im Krankentransport - nicht hingegen bei einem akuten Notfall - länger warten, bis ein Transportwagen kommt: Pro Monat warten 1900 Patienten länger als 30 Minuten. Jeder fünfte Patient muss der Arbeitsgemeinschaft zufolge sogar über eine Stunde Geduld haben.

Es sei fraglich, ob eine sogenannte Kreuzverwendung von Rettungsmitteln, also der Einsatz eines Rettungs- als Krankentransportwagen, möglich sein wird, so Gsottberger. "Der Notfallpatient wird immer Vorzug haben, sodass für andere Patienten die Wartezeit in jedem Fall verlängert sein wird." Sollten Rettungswagen im Krankentransport zum Einsatz kommen, erhöhe dies zudem die Kosten: Denn das Personal ist höher qualifiziert, ist anders tariflich eingruppiert und nicht zuletzt kosten die umfangreicher ausgestatten Rettungswagen mehr als ein Krankentransportwagen.

Im Übrigen sei noch nicht klar, ob ehrenamtliche Rettungskräfte "nicht einmal mehr die Krankenkassen-Sparpolitik durch ihr Engagement kompensieren müssen." Wenn nämlich die vorhandenen Kapazitäten im öffentlich-rechtlichen Rettungsdienst erschöpft sind, werden in aller Regel zusätzliche Einheiten alarmiert: ehrenamtliche Rettungssanitäter und Rettungsassistenten, die eigentlich im Studium oder beruflich in anderen Tätigkeitsfeldern beschäftigt sind. "Dass Ehrenamtliche zu Lückenbüßern werden, darf jedenfalls nicht passieren", betont Gsottberger.
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