Augsburger Klinikum setzt Notruf ab

Notärzte haben am Klinikum Augsburg derzeit kein leichtes Leben. Die Angestellten bringen bis zu 130 Prozent Leistung, sagt eine Personalrätin. Foto: David Libossek

Das Klinikum Augsburg geht in die Offensive. Das Kommunalunternehmen nennt Gründe für den Notstand in seiner Notaufnahme und untermauert mit Zahlen die Probleme. Vorstand und Ärzte nehmen Politik und Kassen in die Pflicht. Neue Regelungen sollen her - und zwar schnell.

Markus Wehler stützt sich mit beiden Armen auf einem Rednerpult ab. Er lehnt sich nach vorne in Richtung seiner Zuhörer, damit ja keiner überhört, was er nun zu sagen hat. "Für die Notaufnahmen ist es fünf nach zwölf", spricht er nun deutlich und mit Nachdruck in der Stimme. Es mag eine mitunter abgedroschene Phrase sein, aber in diesem Fall unterstreicht sie vorab, was der Mann in der krankenhausgrünen Hose und dem weißen Kittel gleich vortragen wird.

Weher ist der Chefarzt der Notaufnahme am Klinikum Augsburg. "Wir sind von Patientenzahlen überrollt worden", sagt er. Und er präzisiert das. 2007 ist die Renovierung der Notaufnahme abgeschlossen gewesen. 10.000 Patienten mehr könne man nun im Jahr versorgen, habe man damals kalkuliert. Damit wäre man für die kommenden zehn Jahre gut gerüstet. "Das entsprach damals insgesamt 40.000 Menschen", rechnet Wehler vor. Es kam alles anders: 2014 haben er und sein Team mehr als 80.000 Patienten versorgt. Das meint Wehler, wenn er von überrollt spricht und von fünf nach zwölf.

Der Mediziner sprach gestern auf einem Termin, den das Klinikum einberufen hatte. Nach teils heftiger Kritik in den vergangenen Wochen hat sich das Kommunalunternehmen offenbar dafür entschieden, nicht mehr nur zu reagieren, sondern gezielt die Öffentlichkeit zu suchen. Mit der Frage "Die Notaufnahme in der Region vor dem Kollaps?" lockte es nicht nur die Medien in den kleinen Speisesaal; auch zahlreiche Vertreter anderer Kliniken aus der Region ließen sich die Veranstaltung nicht entgehen.

"Wie ein Dampftopf, auf dem man versucht, den Deckel draufzuhalten"


Der Schritt nach vorne sei längst überfällig, meint Renate Demharter nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung. Die Ärztin arbeitet seit bald drei Jahrzehnten am Klinikum, ist für den Rettungsdienst im Distrikt zuständig, hilft halbtags in der Notaufnahme und ist zudem Personalrätin. Das Klinikum, so sagt sie, "ist wie ein Dampftopf, auf dem man versucht, den Deckel draufzuhalten". Irgendwann krache es eben.

Der frühere Chefarzt Rolf Harzmann, der vor Kurzem eine eigene Pressekonferenz einberufen hatte, um auf Probleme des Klinikums wegen des auferlegten Sparkurses aufmerksam zu machen, sei laut Demharter ein Ventil für diesen Topf gewesen. Tatsächlich, stimmt sie Harzmann zu, "die Vorgabe von Stadt und Landkreis ist die Schwarze Null". Wie "ein trotziges Kind, das etwas will, was es nicht bekommen kann", poche die Kommunalpolitik darauf.

Personal bei 130 Prozent Einsatz - die Fluktuation ist enorm


Das führe dazu, dass mit minimalem Personal, maximaler Aufwand geleistet werden müsse. Die Fluktuation sei daher enorm. "Das Personal ist bei 130 Prozent Einsatz. Viele sagen, sie können das mit ihrer Familie nicht vereinbaren, und kündigen." Der personelle Rest sei überlastet. "Es kam schon zu Beinahe-Zwischenfällen. Deshalb müssen wir laut werden", sagt Demharter.

Ändern, so der Konsens der Veranstaltung, müsse sich das System. Denn nicht nur das Klinikum Augsburg und andere Krankenhäuser Schwabens sind betroffen - die Notaufnahmen sind bundesweit Problemzonen. Ein Faktor: Patienten, die eigentlich nicht in der Notaufnahme, sondern vom Hausarzt behandelt gehören. Sie machen ein Drittel der Fälle aus, die im Klinikum angespült werden, und sind jene, die am längsten warten müssen, weil es nun einmal dringendere Behandlungen gibt.

227 Menschen suchen im Schnitt täglich die Notaufnahme auf. Über die Hälfte sind sogenannte Selbsteinweiser. Chefarzt Wehler und sein Team haben über einen längeren Zeitraum 600 von ihnen befragt. Das Ziel: Herausfinden, warum gehfähige und völlig stabile Patienten nicht ihren Hausarzt konsultieren.

Umfrage: Warum in die Notaufnahme, statt zum Hausarzt?


Fast 90 Prozent gaben an, einen zu haben. Die Hälfte findet jedoch die medizinische Versorgung im Klinikum besser, ein Drittel will eine zweite Meinung einholen. Wieder andere hätten keinen Termin bekommen, manche seien sogar vom Hausarzt telefonisch in die Notaufnahme geschickt worden. Wehler schlägt daher vor, eine zentrale Anlaufstelle einzurichten, in der ein Arzt nach medizinischen Standards entscheidet, wo der Patient hinzugehen hat. Das könne ein Patient eben nicht selbst bewerten.

Zudem fordert Wehler eine fachspezifische Ausbildung von Notfallmedizinern. Man könne jungen Ärzten keine Perspektiven bieten, "außer langen Arbeitszeiten nachts und am Wochenende". Deutschland sei das einzige EU-Land, in dem eine solche Ausbildung anerkannt werde - neben Rumänien. Innerdeutsche Ausnahme sei seit Kurzem Berlin. Bayern müsse schleunigst nachziehen, "sonst gibt es bald noch weniger Personal für die Notaufnahme".

Notaufnahme kostete Klinikum 3,6 Millionen Euro


Zudem werde der ärztliche Teil von den Kassen kaum vergütet, nicht einmal Daten darüber erfasst. 120 Euro kostet die Behandlung eines Patienten in der Notaufnahme das Klinikum im Schnitt. Dem stehen 40 Euro Erlös gegenüber. 2014 wurden von den rund 82.000 Patienten etwa 37.000 wieder entlassen - auf jeden von ihnen kommt das Defizit von 80 Euro. 5600 der später stationär behandelten Patienten könne man wegen Fallzusammenführung überhaupt nicht abrechnen. So kostete die Notaufnahme das Krankenhaus voriges Jahr über 3,6 Millionen Euro.

Geld, das fehle. Etwa für einen Ausbau oder die Aufstockung von Personal. Und der Teufelskreis setzt sich fort.
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