Baustelle im Augsburger Textilviertel: "Das ist moderne Sklaverei"

Auf einer Baustelle im Augsburger Textilviertel kämpfen Arbeiter dafür, endlich ihre Löhne zu bekommen.

Rund 30 Arbeiter eines Bauprojekts im Augsburger Textilviertel klagen, seit Monaten keinen Lohn mehr bekommen zu haben. Es seien Zustände wie in einem Arbeitslager, sagt der ehemalige Bauleiter.

In der größten Hitze haben sie auf der Baustelle geschuftet, von morgens bis abends. Nur Geld haben sie dafür nicht bekommen, seit drei Monaten nicht. So schildert der ehemalige Bauleiter die Situation auf der Baustelle im Augsburger Textilviertel. Rund 30 rumänische Arbeiter, die dort beschäftigt waren, klagen darüber, seit April keinen Lohn erhalten zu haben. Der Bauherr und der Generalunternehmer schieben die Schuld auf den rumänischen Subunternehmer. Dieser beteuert allerdings, keine Zahlungen erhalten zu haben. Wo ist das Geld geblieben?

Der Schauplatz der "unmenschlichen Ausbeutung" ist das Areal der ehemaligen Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS), auf dem unter anderem Bürogebäude entstehen. Der Rohbau steht bereits. Die Rumänen haben ihn seit Herbst vorigen Jahres hochgezogen. Angestellt waren die Arbeiter bei einem Subunternehmer aus ihrem Heimatland. Dieser wurde von einer Augsburger Baufirma angeheuert, die wiederum vom Bauherren, einer Immobiliengesellschaft aus München, beauftragt wurde. Die Bauarbeiter sind das letzte Glied in der Kette.

Baubranche: Wie Katar "mitten in Deutschland"
Für die Männer eingesetzt hat sich der ehemalige Bauleiter - und deswegen, so erzählt er, seinen Job verloren. Er habe die Zustände auf der Baustelle nicht mehr dulden wollen. Man müsse nicht nach Katar schauen, sagt er. "So etwas haben wir mitten in Deutschland". Das sei "moderne Sklaverei".

Die Rumänen hätten sehr gute Arbeit geleistet. Er habe gerne mit ihnen zusammengearbeitet. Die Männer, die auf der Baustelle nicht nur geschuftet, sondern auch gewohnt haben, hätten alle Familien in Rumänien, die sie versorgen müssten. Doch für die Arbeiten, die seit Mitte April geleistet wurden, sei kein Geld mehr geflossen.

Ähnliches wurde in der vergangenen Woche auch aus München bekannt. Dort hatten polnische Gastarbeiter darüber geklagt, dass sie nicht bezahlt wurden. Die Gewerkschaft IG Bau sieht in solchen Fällen auch die Bauherren in der Pflicht. Sie sollen darauf achten, dass die beauftragten Subunternehmer zuverlässig sind. Doch wie zuverlässig sind die Bauherren in diesem Fall selbst?

Über ihren Anwalt ließ die Firma mitteilen, man habe sich bei seinem Auftragnehmer versichert, dass dieser alle Rechnungen an das Drittunternehmen bezahlt habe. "Soweit behauptet wird, dass auf der Baustelle beschäftigte rumänische Arbeitnehmer keine Zahlungen erhalten haben, entzieht sich dies sowohl der Kenntnis des Grundstückeigentümers als auch der Kenntnis des von ihm beauftragten Augsburger Unternehmens."

Anwalt des Bauherren: "Rechtswidrige Besetzung"
Der Drittunternehmer - die Firma aus Rumänien - beteuert dagegen, seit drei Monaten kein Geld mehr bekommen zu haben. Man bezahle derzeit sogar das Essen für die Arbeiter aus eigener Tasche. Inzwischen prüft auch der Zoll die Vorgänge.

Die Rumänen leben weiterhin in den Wohn-Containern auf der Baustelle, obwohl der Bauherr ihrer Firma gekündigt hat. Sie wollen in ihren Unterkünften bleiben, bis sie ihre Löhne bekommen. Der Grundstückseigentümer hat eine Sicherheitsfirma engagiert, die das Areal bewacht. Man sehe sich gezwungen, betont der Anwalt, "seine Eigentümerrechte wahrzunehmen, insbesondere sein Hausrecht", sofern die "rechtswidrige Besetzung" des Grundstücks fortdaure.

"Die Männer werden bleiben, bis sie das bekommen, was ihnen zusteht", sagt hingegen der Ex-Bauleiter. Und wenn sie vor dem Gelände auf der Straße übernachten müssten.

von Janina Funk
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.