Befreiung des Lech kann beginnen

Informationsveranstaltung zu „Licca liber“ gut besucht
Augsburg. Seit Jahren schon fehlt dem Lech eine stabile Flusssohle, am stärksten in und südlich von Augsburg. Das Geröll, das in Naturflüssen das Flussbett befestigt, bleibt in den Staustufen hängen, so dass am Grund des Flusses nur noch eine tonige Schicht liegt. Wo die Kiesschicht fehlt, gräbt sich der Fluss immer tiefer ins Gelände. Dies hat zur Folge, dass Grundwasser zum Lech hin fließt, der Grundwasserstand sinkt, wodurch Böden vertrocknen und Trinkwasser aus immer größeren Tiefen herauf gepumpt werden muss. Behelfsmäßig wird Kies mit Lkws aus den Staustufen herangefahren und in den Fluss gekippt. Das zuständige Wasserwirtschaftsamt in Donauwörth will Abhilfe schaffen. Neben der Flusssohle muss das Amt die Trinkwasserversorgung und den Hochwasserschutz im Auge behalten und die Interessen von Kraftwerksbetreibern, Fischereiverbänden und vielen anderen Gruppen berücksichtigen. Das Projekt erhielt den Namen „Licca liber“, also „freier Lech“, womit das Ziel schon benannt ist: Der Lech soll so weit wie möglich von seinem Steinkorsett befreit werden. Das Projektgebiet reicht von der Staustufe 23 südlich von Augsburg bis zur Mündung in die Donau.
Neun Verbände, denen die ökologischen Belange im Lechgebiet am Herzen liegen, haben sich zusammengeschlossen zur „Lechallianz“. Um über den aktuellen Stand der Dinge zu informieren, lud die Lechallianz alle Interessierten am 3. Juni in den Stadtwerkesaal ein, und der Saal wurde voll. Die Forderungen der Naturschutzverbände an das Projekt fassten Johannes Enzler vom Bund Naturschutz und Dr. Klaus Kuhn vom Naturwissenschaftlichen Verein zusammen. Sie wollen dem Fluss Raum geben für Mäander und Seitenarme, Tümpel und Rinnen, Kies- und Sandbänke. Der Fluss soll durchgängig gemacht werden für Fische und Geschiebe. Die Deiche sollen zurück verlegt, die Auenlandschaft zu neuem Leben erweckt werden. Und die Stadtwaldbäche sollen an den Lech angeschlossen werden.
Lech von unschätzbarem Wert
Der Lech ist mit seinen 24 Staustufen der am dichtesten verbaute Fluss Bayerns und dennoch sind die wenigen verbliebenen naturbelassenen Abschnitte traumhaft schöne Erlebnisräume für den Menschen und von unschätzbarem Wert für die Vielfalt der Natur. Dies verdeutlichte Dr. Eberhard Pfeuffer in seinem Vortrag. Viele im und am Lech lebende Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Da trockene und feuchte Lebensräume hier nah beieinander liegen, ist der Artenreichtum einmalig in Mitteleuropa.
Als Referentin des Bund Naturschutz (BN) erläuterte Frau Dr. Christine Margraf, warum sich der BN dafür einsetzt, dass die Deiche entlang des Lech bis zu 200m hinter die jetzigen Deiche zurück verlegt werden. Wenn dem Fluss mehr Platz gelassen wird, so führte sie aus, steigt er bei Hochwasser weniger an und wird weniger schnell, reißend und zerstörerisch. Zudem wachsen auf den Flächen, die hin und wieder überschwemmt werden, Bäume und Büsche, die das Wasser abbremsen. Ökologisch ist die Deichrückverlegung von Nutzen, da in dem verbreiterten Flussbett neue Biotope entstehen. Und auch aus ökonomischer Sicht rechnet sie sich, da die Umbaukosten aufgewogen werden von den eingesparten Kosten von Hochwasserschäden, so Margraf. Erfahrungen mit Deichrückverlegungen gibt es bisher an Teilstücken der Elbe, der Isar und der Salzach.
Die Leiterin des Projekts „Licca liber“ am Wasserwirtschaftsamt Donauwörth, Simone Winter, berichtete anschließend vom Fortgang ihrer Arbeit. Die Behörde plant die Verbreiterung des Lechs, sieht sich jedoch einigen Hindernissen gegenüber. Mancherorts reicht die Bebauung nah an das bisherige Lechufer heran, was eine Deichrückverlegung an dieser Stelle unmöglich macht. An vielen Stellen steht das Grundwasser, das der Region ihr Trinkwasser liefert, hoch und würde durch darüber fließendes Lechwasser verschmutzt. Es muss also von Fall zu Fall geprüft werden, ob auf die Lechverbreiterung verzichtet oder ein neuer Trinkwasserbrunnen gebaut wird.
Darüber hinaus muss mit Umweltbehörden verhandelt werden, denn die Lechaufweitung bringt zwar wertvolle Naturräume, berührt aber bereits bestehende, die zum Teil bereits als Flora-Fauna-Habitate (FFH-Gebiete) ausgewiesen sind. Schließlich ist der Augsburger Stadtwald als Bannwald geschützt. Wenn dort Bäume gerodet werden, müssen anderswo neue Bäume gepflanzt werden. Widerspruch kommt auch von Bürgern, die etwa am Weitmannsee beim Baden und Segeln ihr Freizeitglück finden, und von den Rechteinhabern der Staustufen.
Bevölkerung wird einbezogen
Die Behörde bemüht sich, die Interessen der verschiedenen Gruppen zu berücksichtigen und lädt deshalb seit Februar 2013 regelmäßig zu Workshops im Rahmen eines „Flussdialogs“ ein. Die Bevölkerung wurde online befragt. Die große Mehrheit aller Befragten unterstützt das Projekt und ist gegen ein weiteres Wasserkraftwerk, das im Stadtwaldgebiet bei Flusskilometer 50,4 geplant ist.
Auf dieser Grundlage wurde ein Umsetzungskonzept erarbeitet. Das Projektgebiet wurde in vier Planungsabschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt zwischen der Staustufe 23 und dem Hochablass soll im ersten Schritt, unter Berücksichtigung von Wasserschutzgebieten, der Uferverbau entfernt werden, so dass sich der Fluss verbreitern wird. Im Augsburger Stadtgebiet, wo keine Verbreiterung möglich ist, sollen die Uferbereiche naturnah umgebaut werden. Die Planungsmaßnahmen wurden EU-weit ausgeschrieben. Den Zuschlag erhielt am 01. Juni 2016 eine Bietergemeinschaft, zu der sich die Firmen SKI, Kobus und die Universität Innsbruck zusammengeschlossen haben.
Nach einer Verpflegungspause äußerten Landespolitiker auf dem Podium ihre Stellungnahmen zum Projekt. Dr. Otto Hünnerkopf (CSU), Herbert Woerlein (SPD), Johann Häusler (FW) und Dr. Christian Magerl (Grüne) unterstützen „Licca liber“ einhellig. Der einzige Kritikpunkt, der sowohl vom Podium als auch aus dem Publikum vorgebracht wurde, ist die Zeitplanung, die als zu lang empfunden wird. Die Vertreter des Wasserwirtschaftsamtes versicherten, mit Hochdruck an der Umsetzung zu arbeiten. Das Vorhaben kostet viel Zeit, weil es komplex ist und erst während der Umsetzung nach und nach weiter geplant werden kann. Die Wirkung einzelner Umbaumaßnahmen soll beobachtet und ausgewertet werden, um sie bei der weiteren Planung berücksichtigen zu können.
Einige empörte Einwürfe aus dem Publikum betrafen die Osttangente, die vierspurig durch das Licca-liber-Gebiet geplant ist. Offenkundig können nicht beide Planungen verwirklicht werden. Das Wasserwirtschaftsamt hat lediglich die Möglichkeit, zur Straßenplanung eine Stellungnahme abzugeben, so Winter. Entschieden wird auf politischer Ebene nach Mehrheitsbeschlüssen. Die Politiker auf dem Podium haben dabei jeweils nur eine Stimme, konnten daher nichts versprechen und nur wenig zum Thema sagen.
Ute Blauert
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