Beklemmende Bilanz: Frauenhaus muss 94 Frauen und Kinder abweisen

Im Kindergarten wollen die Mitarbeiterinnen des Augsburger Frauenhauses den Kindern bei der Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse helfen. Doch leider mangelt es besonders in der Kinderbetreuung an Personal. Foto: Jessica Kuska

Augsburg - 96 Prozent Auslastung. Ein Wert, über den sich Theater oder Sportvereine freuen würden. In diesem Fall ist er ein trauriger, beschreibt er doch, wie stark die 42 Plätze des Frauenhauses Augsburg belegt sind. Es ist das zweitgrößte seiner Art in Bayern. Im vergangenen Jahr bot es 220 Menschen Schutz, davon 119 Kindern. Allerdings mussten 94 Frauen abgewiesen oder an andere Institutionen weiter verwiesen werden. Diese beklemmende Bilanz hat nun das Landratsamt veröffentlicht.

Eines der größten Probleme: Gerade was das Personal betrifft, sind Frauenhäuser oft schlecht aufgestellt. Dabei sind sie so nötig. Laut einer EU-weiten Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, hat jede dritte Frau in ihrem Leben schon körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erfahren. Bevor die Frauen den Schritt wagen und sich Hilfe holen, vergeht oft viel Zeit. Dann nicht aufgenommen werden zu können, ist freilich ein schwerer Schlag.

Weiter verwiesen werden hingegen Frauen, die wohnungslos sind, eine psychische- oder Suchterkrankung haben. Sie darf das Frauenhaus nicht aufnehmen. "Hier werden aber auch Ausnahmen gemacht", erklärt Birgit Gaile. Sie leitet das Frauenhaus in Augsburg. Sie erzählt von Frauen, die aus lauter Verzweiflung zu Suchtmitteln greifen oder eine Essstörung entwickeln. "Natürlich kommen die Frauen auch mit diesen Schwierigkeiten hier ins Haus."

Sie bleiben so lange bis ihre Lebenssituation soweit geklärt ist, dass sie eigenständig weitermachen können. Das dauert meist neun bis zehn Wochen. Auch diese Zahl ging 2015 nach oben. Grund dafür ist der aktuell schwierige Wohnungsmarkt in Augsburg, so Gaile. "Die Frauen haben oft Schwierigkeiten, eine geeignete Wohnung zu finden."

Die Einrichtung begleitet Frauen und Kinder, die Opfer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt wurden, sozialpädagogisch. Die erste Kontaktaufnahme geschieht meist über das Telefon. Das Frauenhaus ist rund um die Uhr erreichbar und Frauen und Kinder werden zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgenommen, unabhängig ihrer Nationalität oder der finanziellen Situation. Um den betroffenen Frauen einen vollständigen Schutz zu bieten, ist der Stand des Frauenhauses anonym - Männer haben keinen Zutritt.

Keine Konzepte, Asylbewerberinnen
zu schützen

Eva Brenner, Sozialpädagogin des Frauenhauses, erklärt, das besonders wichtig sei, Kinder zu stabilisieren. Die frühe Konfrontation mit häuslicher Gewalt könne schlimme Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder haben. Schwierigkeiten in der Schule, emotionale Probleme und soziale Beeinträchtigungen sind nur einige Folgen. Mit spezifischen Gesprächen wollen die Sozialpädagoginnen zudem die Beziehung von Mutter und Kind stärken.

Auf die Einrichtung kommen jedoch auch neue Herausforderungen zu. Besonders seit Ende des Jahres 2015 erreichen das Frauenhaus zunehmend Anfragen von Asylbewerberinnen. Konzepte, die die geflüchteten Frauen in den Asyleinrichtungen vor Gewalt schützen, gibt es meist nicht. Grundsätzlich spreche nichts gegen die Aufnahme von geflüchteten Frauen, doch "durch ihren Status als Asylbewerberin sind die Möglichkeiten, ihnen zu helfen begrenzt", sagt Gaile. "Die Frauen sind aufgrund der Flucht oft schwer traumatisiert." Des Weiteren haben sie meist erschwerten Zugang zu gesundheitlichen Strukturen oder zu Hilfe in der Kindererziehung. Wegen der Umverteilung der Asylbewerberinnen ist der Aufenthalt im Frauenhaus meist auf eine kurze Zeit beschränkt. Auch die Sprachbarrieren und fehlende Dolmetscherinnen erschweren die Situation enorm.

Im Jahr 2015 wurden fünf Asylbewerberinnen im Augsburger Frauenhaus aufgenommen. Diese Zahl wird auch im kommenden kaum abnehmen. Eine mögliche Lösung wären spezialisierte Unterkünfte für allein reisende Frauen mit Kindern, schlägt Gaile vor.

Nicht nur in Augsburg sind Frauenhausplätze ein mangelndes Gut - das trifft auf ganz Bayern zu. Aus diesem Grund gab das Bayerische Sozialministerium eine Bedarfsermittlungsstudie zum Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen und Kinder in Auftrag. Im Frühjahr werden die Ergebnisse erwartet.

Das Frauenhaus in Augsburg hat zur Zeit 4,5 Vollzeitstellen zur Verfügung. Für einen Nacht- und Wochenenddienst reichen die Kapazitäten jedoch nicht aus, sagt die Leiterin. Frauenhäuser sind nicht so gut ausgestattet was das Personal betrifft." Insbesondere für die Kinder gäbe es zu wenig Erzieherinnen.

Nach dem Aufenthalt im Frauenhaus bemühen sich die Mitarbeiterinnen darum, die Frauen "im Hilfesystem innerhalb von Augsburg zu vermitteln", sagt Gaile. Oft reiche das allerdings nicht aus. "Viele Frauen bräuchten eigentlich auch nach dem Frauenhaus eine Nachbegleitung." Durch den Personalmangel und die fehlende Zeit ist das jedoch kaum möglich.

Im Augsburger Frauenhaus leben die Frauen in kleinen Appartements. Selten kommt es vor, dass sich zwei Frauen ein Zimmer teilen müssen. "Wir achten sehr auf die Privatsphäre", betont Brenner. Mit dieser Appartementstruktur ist das Frauenhaus im bayernweiten Vergleich jedoch eher eine Seltenheit, so Gaile. In einem Gemeinschaftsraum und einem Wohnzimmer haben die Frauen die Möglichkeit sich zusammenzusetzten, außerdem gibt es noch einen kleinen Kindergarten und eine Mutter-Kind-Gruppe.

Schon in den vergangenen Jahren waren die Kapazitäten des Frauenhauses nahezu ausgeschöpft. Während 2012 insgesamt 185 Frauen und Kinder aufgenommen wurden, kam es zwei Jahre später zu 265 Aufnahmen. Auch zukünftig wird sich die Lage keinesfalls entspannen. Die Auslastung wird sich wohl weiter um die traurigen 96 Prozent drehen.

Zu erreichen ist das Frauenhaus unter Telefon 0821/229 00 99.

Von Jessica Kuska
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.