Bewahren oder zeigen: Augsburgs römisches Erbe in der Diskussion

Die Ausgrabungen an der Georgenstraße dauern an. Von den Funden hängt ab wie es dort weitergeht. (Foto: Tabea Breidenbach)
 
Römische Funde unter freiem Himmel: An der Römermauer beim Dom sind einige wenige Fundstücke zu sehen.

Lange vor Brecht, Diesel und Fugger war Augsburg vor allem eins: Hauptstadt der römischen Provinz Rätien. Auf dieses Erbe sind die Augsburger stolz und jeder archäologische Fund gerät schnell zur Sensation, wie jüngst die "Entdeckung" einer Therme im Domviertel. Dabei ist der einstige Prachtbau ein alter Bekannter, an dem beispielhaft klar wird, warum in Augsburg nichts mehr von den Römern zu sehen ist.

Spätestens seit den 1930er Jahren ist der Standort der Therme im Domviertel bekannt. Bei mehreren Ausgrabungen wurden vor allem haufenweise Mosaiksteinchen zutage gefördert. Die imposanten Fundamente, die Verwendung von wasserundurchlässigem Mörtel, Reste der Warmluftheizung, dem sogenannten Hypokaustum, und Wandmalereien - all das spricht für ein prächtig ausgestattetes Gebäude, das sich über eine Fläche von 60 mal 30 Metern erstreckt haben soll, wie Stadtarchäologe Sebastian Gairhos erklärt.

Vor einigen Jahren, bei Arbeiten für eine Kanaltrasse in der Frauentorstraße, begegneten die Augsburger Archäologen der Therme erneut, nahmen Maß, fotografierten und skizzierten, bevor die 1,15 Meter breiten Tuffmauern wieder im Erdreich verschwanden. Und nun, vor wenigen Tagen, die vermeintliche Sensation, die einige Medien herbei schreiben wollten.

In der Georgenstraße soll ein Neubau entstehen. Wie in Augsburg üblich, wird das Erdreich zuvor archäologisch unter die Lupe genommen. An dieser Stelle war freilich klar, was im Boden zu finden ist: noch mehr Überreste der römischen Therme.

Da der Erhaltungszustand der Therme für Augsburger Verhältnisse ungewöhnlich gut ist, wurde schnell der Ruf laut, den Fund für die Öffentlichkeit begehbar zu erhalten.

Originale opfern?

Doch das wäre weder einfach umzusetzen noch sinnvoll, wie Gairhos bestätigt. Einer der entscheidenden Gründe ist die Haltbarkeit der Funde. Im Erdreich überdauerten sie die Jahrhunderte, doch ohne die "Schutzschicht" sind sie laut Gairhos schädlichen Temperaturunterschieden ausgesetzt. Mikroorganismen greifen die römischen Reste an, kurz: Die Funde würden vergehen und müssten durch Restaurierung ausgebessert und ergänzt werden. "Das bedeutet letztlich, die Originale zu opfern", macht Gairhos die Konsequenzen deutlich.

Genau aus diesem Grund wehrt er sich auch gegen Ausgrabungen Am Pfannenstiel. Unter dem brachliegenden Areal werden zahlreiche interessante Römerfunde vermutet. Das Gelände war eine Zeit lang als Standort für ein neues römisches Museum im Gespräch. Auch hier sollten nach dem Wunsch der Befürworter Funde dauerhaft sichtbar gemacht werden.

Doch neben der Haltbarkeit sieht Gairhos Am Pfannenstiel - oder jeder anderen aussichtsreichen Grabungsstelle - ein deutlich größeres Hindernis. Wer in die Tiefe gräbt, um etwa zu den Funden aus römischer Zeit zu gelangen, der räumt alles andere erstmal beiseite - und zerstört dabei Funde aus anderen Epochen. "Schutt ist auch schon ein Denkmal", betont Gairhos. In Augsburg beginnen die Funde mit der Frühen Neuzeit, über das Mittelalter bis hin zur 400-jährigen römischen Geschichte. Da wurde umgebaut, abgerissen und wieder überbaut. Und aus Sicht des Denkmalschutzes sind alle Funde gleich schützenswert.

Zerstörungsfreie
Forschungsmethoden

Gairhos setzt deshalb auf zerstörungsfreie Forschungsmethoden. "Wer weiß, was in den nächsten 50 Jahren entwickelt wird?", gibt er zu bedenken. Allein der Blick zurück zeigt, wie grundlegend neue Methoden die Arbeit der Archäologen verändern: Bodenradar und DNA-Bestimmung etwa sind mittlerweile wichtige Hilfsmittel geworden, um das Bild der Vergangenheit nachzuzeichnen. Und so fordert Gairhos einen nachhaltigen Umgang mit dem römischen Erbe in Augsburg. "Alles, was wir jetzt ohne Not ausgraben, zerstören wir für nachkommende Generationen", ist er überzeugt.

Statt römische Grundmauern begehbar zu machen, plädiert Stadtarchäologe Gairhos dafür, sich auf den Neubau des Römischen Museums zu konzentrieren. Das sei der richtige Ort, um Funde zu präsentieren und das römische Augsburg erlebbar zu machen. Doch bis es hier vorangeht, wird es noch etwas dauern, was laut Gairhos kein Verlust ist. 2017 zieht die Stadtarchäologie in ihr neues Depot im Textilviertel, danach kann das Römische Museum in Angriff genommen werden.

Und wie geht es nun weiter mit der Therme im Domviertel? "Für das Bauvorhaben an der Georgenstraße in Augsburg ist derzeit nur eine Grabungserlaubnis nach Artikel 7 des Denkmalschutzgesetzes zur Erkundung des Bodendenkmals erteilt", erklärt Baureferent Gerd Merkle auf Anfrage. Ein Bauantrag sei bisher noch nicht gestellt worden. "Mit Fortschreiten der archäologischen Arbeiten werden wir Erkenntnisse gewinnen, die den Fachbehörden, der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesamt für Denkmalpflege, die für das weitere Vorgehen notwendigen Einschätzungen ermöglichen. Diese Bewertung ist derzeit leider noch nicht möglich", führt Merkle weiter aus. Bezüglich der weiteren Vorgehensweise stünden der Bauherr und die Fachbehörden der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Augsburg und des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in engstem Kontakt.
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