Bis zu zehn Prozent der Schüler schwänzen

Bis zu zehn Prozent aller Schüler fehlen regelmäßig im Unterricht. Das Josefinum bietet eine ambulante Sprechstunde für Schulverweigerer an. Foto: KJF/privat

Eine Sprechstunde für Schulvermeider: Das Josefinum in Oberhausen bietet ein neues Angebot für gestresste Schüler und besorgte Eltern an.

Der vergangene Freitag war der Tag der Abrechnung: Es gab Halbjahreszeugnisse, und für alle Eltern wurde darin nochmal dokumentiert, wie oft ihre Kinder in den vergangenen Monaten nicht in der Schule waren. Für manche Eltern wird dies der Zeitpunkt eines bösen Erwachens gewesen sein. Denn Schulmüdigkeit und Schulangst, Verweigerung und Schwänzen stellen ein wachsendes Problem für Schulen und Eltern dar. Nach aktuellen Zahlen bleiben fünf bis zehn Prozent der Schüler regelmäßig und in erheblichem Umfang dem Unterricht fern.

Die möglichen Folgen: Das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten und psychische Erkrankungen steigt, ebenso die Gefahr eines niedrigen Schulabschlusses oder gar Schulabbruchs. Dies kann wiederum zu Arbeitslosigkeit und anderen lang anhaltenden Problemen führen.

Das Josefinum in Oberhausen möchte sich nunmehr dieser Problematik gezielt stellen und Hilfestellung für Schüler wie Eltern gleichermaßen bieten. Im Krankenhaus für Kinder und Jugendliche des Josefinums wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Mädchen und Buben vorstellig, die wegen wiederkehrender körperlicher Beschwerden, wie Bauch- oder Kopfschmerzen, die Schule über einen längeren Zeitraum nicht besuchen konnten. "Hinter den Fehltagen in der Schule steckt eine Vielzahl von Erkrankungen", erklärt Dr. Sabine Ludyga, Oberärztin am Josefinum. Und auch unsere Umgangssprache weist schon darauf hin: "Mir liegt etwas im Magen", oder "Das macht mir Kopfzerbrechen" sind Redewendungen, die auf psychosomatische Beschwerden hindeuten: Körperliche Symptome aufgrund einer seelischen Ursache.

Das beginnt schon bei den jüngeren Schulkindern, wie Chefarzt Dr. Gereon Schädler sagt. "Ein Viertel der Kinder in der zweiten und dritten Klasse fühlt sich gestresst." Bei den jüngeren Schülern sei es aber weniger das Problem, dass sie über Kopfschmerzen klagen; sie äußerten ihre Beschwerden durch hartnäckiges Sträuben und die Weigerung, in die Schule zu gehen, wie Psychotherapeutin Monika Hiebeler erläutert.

Die Klinik reagiert auf diese Entwicklung und hat nun eine pädiatrisch-psychosomatische Ambulanz eröffnet, um diesen Schulvermeidern besser gerecht werden zu können. Diese spezialisierte Sprechstunde richtet sich an alle Kinder oder Jugendlichen, die wegen unklaren körperlichen Beschwerden, Ängsten oder Überforderungsgefühlen wiederholt den Unterricht versäumen und umfasst eine umfangreiche Angebotspalette, von Diagnostik bis hin zur Kontaktaufnahme, mit der Schule und dem Augsburger Netzwerk zur Schulvermeidung, sofern dies gewünscht wird.

"Die notwendige psychosomatische Diagnostik und Behandlung konnte bislang nur stationär durchgeführt werden und war daher für die Patienten mit erheblichen Wartezeiten verbunden", erklärt Schädler. Mit der neuen Ambulanz ist nun ein rascheres Eingreifen möglich. "Das ist notwendig, um zu verhindern, dass das schulvermeidende Verhalten chronisch wird", so Schädler weiter.

Bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen handelt es sich immer häufiger nicht um klassische Schulschwänzer, die ohne Wissen der Eltern dem Unterricht fernbleiben, sondern um sogenannte Schulvermeider, die mit Wissen ihrer Eltern nicht in die Schule gehen, weil sie sich aufgrund von Überforderungsgefühlen, Ängsten oder den damit einhergehenden körperlichen Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen, Durchfall und Erbrechen nicht dazu in der Lage sehen.

Wenn Eltern sich über die Zahl der Fehltage ihres Kindes Sorgen machen, sollten sie zuerst das Gespräch mit der Klassenlehrkraft suchen, so der Rat der Experten im Josefinum. Falls sich dadurch das Problem nicht lösen ließe, wäre eine Terminvereinbarung für ein Erstgespräch am Josefinum sinnvoll. Über 90 Prozent der dort vorstelligen Schüler gehen nach der Behandlung wieder dauerhaft zur Schule.

Darüber hinaus hat sich in Augsburg ein Netzwerk von Fachleuten gebildet, die im Themenbereich Schulvermeidung tätig sind; neben den Fachleuten der Schulvermeider-Ambulanz gehören unter anderem Experten von Gesundheitsamt und Jugendamt, Jugendhilfe-Projekten und Lehrern dazu.
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