Bonsai-Kult in Augsburg: In Schale gewachsen

Die Leere zwischen den Ästen bewirkt des Baumes Wesen: Klaus Klemmer trimmt einen Bonsai.
 
Die Schale muss zum Baum passen.
 
Alles in Ordnung: Auch die Präsentation muss stimmig sein.

Bonsai ist mehr als ein Hobby. Die Bäume in der Schale sind eine Wissenschaft. Eine Geschichte von Korrespondenten, siebenstelligen Geldbeträgen, Bonsaibanden – und Männern mit Schere.

Nur einmal gerät Klaus Klemmers Gemüt aus dem Gleichgewicht. Zumindest ein kleines bisschen. „Es kamen hier schon Leute rein, die uns beschimpft haben“, erzählt er und blickt zur gläsernen Türe, als trete gleich wieder einer dieser Querulanten in das Gewächshaus, den er höchstpersönlich wieder hinausscheuchen muss. „Glauben Sie, eine Kastanie würde so leben wollen?“, habe man gefragt und Klemmer und seine Kollegen Baumvergewaltiger geheißen.

Dass in einem Glashaus mit solch verbalen Steinen geworfen wird, lässt bereits erahnen, dass es beim Thema Bonsai um mehr geht, als um das, was das japanische Wort ursprünglich bedeutet: Baum in der Schale. Keiner weiß das in Augsburg besser als Klaus Klemmer. Er ist Vorsitzender des mittlerweile seit 33 Jahren bestehenden Arbeitskreis Bonsai, der für ein Wochenende seine Bäume im Botanischen Garten präsentiert.

Klemmer – Jeans, Laufschuhe und ein blaues Poloshirt mit dem Arbeitskreis-Logo – steht inmitten des Gewächshauses. „Den Bäumen geht es gut“, versichert er. Dass er die Pflanzen mithilfe von Draht und Gartenschere in Form bringt, lässt er niemanden als Misshandlung verunglimpfen. Bäume nehmen ohnehin nur mit den Spitzen ihrer Wurzeln Wasser auf, erläutert er – unabhängig von deren Länge. Und schließlich mache er das mit den Bonsai doch „aus Liebe zur Natur“.

An seinem 40. Geburtstag ist Klemmer der Leidenschaft verfallen, als er sein erstes Exemplar geschenkt bekam. Fast 50 Bonsai nennt Klemmer heute sein eigen. Seine Bäume sind sein Rückzugsort. Biegen, trimmen, und viel düngen – für Klemmer die pure Entspannung. „Ein Bonsai soll Gefühle auslösen“, erklärt er und führt seine rechte Hand behutsam in Richtung einer Schale, aus der gleich mehrere kleine Bäume entwachsen. „Hier wird zum Beispiel ein Waldweg angedeutet“, sagt er und zeigt auf eine Lücke, die sich zwischen den dünnen Stämmen auftut.

Dass eine Pflanze derart Einfluss auf ihren Betrachter ausübt, bedeutet freilich viel Arbeit – lebenslange Arbeit. „Ein Baum ist nie fertig“, sagt Klemmer. Und es geht immer noch besser. Alles Trainingssache, betont er. Klemmer fährt daher sogar ins Trainingslager. Zweimal im Jahr packt der Augsburger ein paar seiner Zöglinge in den Kofferraum und fährt nach Südtirol zu „dem Bonsai-Mensch schlechthin“. Seit sechs Jahren ist der Versicherungsbeamte einer der Jünger des Baum-Gurus, bespricht mit ihm und anderen seine Exemplare. „Das ist schon eine irre Truppe da unten“, kommentiert er und muss lachen.

Ein Baum für eine Million Euro – der persönliche Wert ist höher


Wie lasse ich die Rinde noch älter wirken, ist dieses Blatt an seiner Stelle zu viel, stimmt der Winkel des Stammes? Jedes Grad zählt, jedes Detail kann entscheidend sein. Ein gravierendes ist dabei die Schale. Sie muss mit dem Bonsai harmonieren, genau wie der Korrespondent – eine kleine Beistellpflanze, welche die Wirkung des Baumes stärkt und deren Positionierung freilich ebenfalls exakt passen muss. Dazu sollte man auch wissen, dass „Nadelbäume das Männliche, Laubbäume das Weibliche repräsentieren“.

Die Kunstwerke mit Blattwerk erreichen ob des Perfektionismus ihrer Pfleger nicht nur persönlichen Wert. „Es werden Bäume für 500.000 bis mehr als einer Million Euro von Japan in die USA und nach China verkauft“, berichtet Klemmer. Der wertvollste Bonsai der Ausstellung bringt es immerhin auf 10.000 Euro – andere kaufen dafür einen Kleinwagen. Deshalb sind die Bäume, die im Gewächshaus gezeigt werden, allesamt versichert. „Diebstahl ist verbreitet“, sagt Klemmer, der gar von Banden berichtet, die sich auf den Bonsai-Klau spezialisiert haben.

Doch keine Versicherung ersetzt einem all die Stunden, all die Scherenschläge, all das Drahten, all die Liebe, die man in seine Bäume steckt. Deshalb seufzt Klemmer: „Jeder Verlust tut weh.“ Doch meistens sind es nicht Langfinger, die den Miniatur-Bäumen an die Rinde gehen; es sind Jahreszeitenwechsel und Schädlinge.

Ansonsten haben die Bäume ein langes Leben vor sich. In Japan, dem Ursprungsland des Bonsai-Kults, wandern die Schalen-Pflanzen durch Familiengenerationen. Klemmer zweifelt an, dass das bei seinen Exemplaren so sein wird. Einen Baum aber grub er neben seinem Gartenteich aus. Am Tag der Geburt seiner Tochter. Der Bonsai ist heute ebenfalls 25 Jahre alt. Und eben auch dadurch mehr als nur ein Baum.


Info zum Arbeitskreis und für Bonsai-Beginner


Wolfgang Klemmer und der Arbeitskreis Bonsai treffen sich immer am ersten Donnerstag im Monat in der Gaststätte Zugspitzklause in Augsburg, Zugspitzstraße 173. Ab 19.30 Uhr werden dort Bonsai und alles rund um die Bäume besprochen.

„Es ist kein elitärer Kreis“, sagt Vorsitzender Klemmer. Vom Hilfsarbeiter bis zum Juristen, vom jungen Mann bis zum Senior reicht die Spanne der Teilnehmer.
Neueinsteiger sind gerne gesehen, sagt Klemmer. Klemmer und Kollegen erteilen etwa Ratschläge zur Baumwahl. Unter welchen Voraussetzungen zum Beispiel das Ausgraben eines Stammes erlaubt ist. Und wo auf keinen Fall. „In Österreich und Südtirol herrscht regelrechte Bonsai-Wilderei“, sagt Klemmer.

Für den Kauf von Exemplaren aus Japan muss man wissen, dass der Import lediglich von Dezember bis März erlaubt ist. Zudem müssen die Bäume zunächst vier bis sechs Woche in Quarantäne bleiben. „Aber es muss nicht immer ein Japaner sein“, sagt Klemmer. Bonsai ist facettenreich. Ob Dreispitzahorn, Eiben, Ficus, Kiefer oder Wacholder: Alles kann in die Schale.

Anfänger erhalten auf den Treffen zudem wertvolle Tipps zur Pflege. Einer der wichtigsten: „Man darf nicht alles glauben, was im Internet steht.“ Ansonsten unumgänglich: gießen, gießen, gießen – und daher „gute Nachbarn“ in Urlaubszeiten.

Weitere Informationen stehen im Internet auf www.bonsai-augsburg.de. Kontakt zum Arbeitskreis können Interessierte unter Telefon 0821/ 79 62 10 94 aufnehmen.
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Sebastian Summer aus Aystetten | 28.09.2016 | 13:17  
David Libossek aus Augsburg - City | 28.09.2016 | 13:19  
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