Brechtige Bilanz, unklare Zukunft

Brecht kommt auch 2015 an. Das Festival lockte fast 13.000 Besucher an. Das Thema der diesjährigen Auflage lautete "Brecht im Exil". Ausgestoßen könnte jedoch auch der künstlerische Leiter Joachim A. Lang bald sein. Ob er das Festival 2016 planen wird, bleibt ungewiss.

Joachim A. Lang genießt erst einmal. Der künstlerische Leiter des Brechtfestivals hat mit seinem Konzept für die am Mittwoch zu Ende gegangene sechste Auflage den Geschmack der Besucher getroffen. 13 000 Menschen waren zu den Veranstaltungen gekommen. Die Auslastung lag bei mehr als 90 Prozent. Eigentlich - so könnte man meinen - Grund genug, in Richtung Brecht-Festival 2016 freudenzutaumeln. Eigentlich.

Denn hinter den Kulissen wankt man eher der kommenden Auflage entgegen. Unklar ist nämlich, ob sich die Wege von Stadt und Lang trennen. Denn dem Vernehmen nach haben Kulturreferent Thomas Weitzel und Theaterintendantin Juliane Votteler eine Veränderung des Brechtfestivals im Sinn. Ein Angebot liegt dem künstlerischen Leiter zwar vor. Jedoch nur über ein Jahr, was "in dieser Branche völlig normal ist", relativierte Oberbürgermeister Kurt Gribl kürzlich in einer Pressekonferenz.

Eine Wertschätzung von Langs Arbeit ist das freilich trotzdem nicht gerade, vor allem weil der Vertrag doch eigentlich über drei Jahre laufen hätte sollen. Lang denkt nun nach. "Die Situation ist unverändert", erklärt er auf Nachfrage. Mehr will und kann er im Moment nicht sagen. Lieber als über die Zukunft redet er über die junge Vergangenheit.

Die zwei Festival-Wochen hat er in Augsburg verbracht, "eine wunderschöne, intensive Zeit", beschreibt er. Die tollen Zahlen - schön und gut. Wichtiger seien die Reaktionen der Besucher. "Es ist klasse, wie das Publikum in Augsburg dabei ist", schwärmt Lang regelrecht. Das Thema Vertrag hatte die Brecht-Welle förmlich weggespült. "Ich konnte während des Festivals richtig abschalten", sagt Lang.

Etwa während der berührenden Aufführung der "Mutter Courage" durch das Berliner Ensemble oder des Sinfoniekonzerts "Schauspiel für die Ohren" unter Mitwirkung von Sebastian Koch. Sie bildeten den krönenden Abschluss des elf Tage langen Festivals. Etwa 50, meist bis auf den letzten Platz gefüllte Veranstaltungen waren zuvor über die Bühne gegangen, um Brecht in dessen Geburtsstadt zu feiern.

"Wir haben nicht nur verschiedene Generationen erreicht, sondern auch unterschiedliche Geschmäcker", sagt Susanne Meierhenrich, Sprecherin des Festivals, "sowohl die, die Brecht tanzen wollten, als auch die, die Brecht zuhören wollten". Erstere kamen vor allem in der Langen Brecht Nacht auf ihre Kosten. Das breite popkulturelle Programm brachte Künstler wie "Mia." und "PeterLicht" ins Augsburger Rampenlicht, die ausgelassen vom Publikum gefeiert wurden.

Die großen Theateraufführungen "Mutter Courage" und "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" lockten das Publikum ebenso an, wie die szenische Lesung "Großer Abend zu Brecht im Exil". Die interaktiven Inszenierungen "Schwarze Liste - Exilhaus" und "Reise ins Exil" seien super angenommen worden, sagt Meierhenrich. So auch die einzigartige Neuvertonung der "Kriegsfibel"-Gedichte durch fünf Augsburger Komponisten.

Besonders beeindruckend war die Neuinszenierung der Stückskizze "Die Reisen des Glücksgotts" durch Johanna Schall, mit Auftritten von drei Exilschriftstellern aus Syrien und Tunesien in Augsburger Flüchtlingsheimen und im Grandhotel Cosmopolis.

"Elf Tage lang haben wir unterschiedliche künstlerische Perspektiven auf die Exilzeit Brechts geworfen und das Werk in den aktuellen Zusammenhang gestellt, mit Themen wie Flucht, Terror und Krieg. Auf beeindruckende Weise wurde erkennbar, wie sehr Kunst die Menschen bewegen kann, wenn sie von den Schicksalen der Menschen bewegt wird", lässt sich Lang in einer Pressemitteilung zitieren.

Das Exil war nach Film, Musik, Politik, der junge Brecht und den 20ern das vorletzte Thema einer Reihe, die im kommenden Jahr in der Rückkehr Brechts nach Berlin ihr Finale finden sollte. "Es wäre schade", sagt Lang, falls dieser Schlussakt ohne ihn stattfinden sollte. Auch, weil ihm Augsburg und viele seiner Menschen viel bedeuteten. Und dabei spiele es keine Rolle, ob diese Geschichte ein Happy End oder einen tragischen Abschluss findet.
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